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Frankfurt in der Champions League Der verhinderte Superstar: Warum Mario Götze erst scheiterte – und jetzt wieder glänzt

Mario Götze ist fußballerisch zu allem in der Lage. Und höflich zu den Fans ist er ebenfalls
"Drucksituationen in der Tiefe sehen": Mario Götze ist fußballerisch zu allem in der Lage. Und höflich zu den Fans ist er ebenfalls.
© Imago Images
Mario Götze kehrt mit Eintracht Frankfurt in der Champions League zurück auf die große Bühne. Der WM-Finaltorschütze von 2014 hat wohl eine der rätselhaftesten Karrieren im deutschen Fußball hingelegt. Das hat seine Gründe.

Wenn man ein Bewunderer von Mario Götze ist, hat man im Moment wieder eine gute Phase. Nach zwei Jahren im niederländischen Exil bei PSV Eindhoven ist der 30-Jährige zurück in der Bundesliga. Nun spielt er für Eintracht Frankfurt, kein absoluter Topklub, aber ein aufstrebender Verein, der als amtierender Europa-League-Sieger und Champions-League-Teilnehmer wieder oben anklopft. Zumindest träumen viele Fans davon. Am Mittwochabend (ab 18.45 im stern-Liveticker) ist der Startschuss für den ersten Auftritt auf der ganz großen Fußball-Bühne: Frankfurt empfängt Sporting Lissabon.

Trotz der Götze-Verpflichtung und der daraus resultierenden Euphorie ist Eintracht nur mäßig in die Saison gestartet. Das hat auch damit zu tun, dass sie das Auftaktspiel gegen den FC Bayern bestritt. Die fegten die Frankfurter kurzerhand mit 1:6 aus dem Waldstadion. Es war die raue Ansage des unumschränkten Platzhirschen an einen potenziellen Konkurrenten. Damit war die Eintracht überfordert.

Eintracht-Trainer schwärmt von Mario Götze

Doch zuletzt gab es klare Siege gegen Werder Bremen und RB Leipzig. Die Eintracht zauberte – und Götze war der Dirigent. Mit überragender Technik und Spielintelligenz lenkte Götze (im Verbund mit Daichi Kamada, versteht sich) das Spiel. In der Partie gegen Leipzig hatte er die meisten Ballkontakte und lief mit 11,5 Kilometern so viel wie kein anderer Spieler auf dem Platz. 

Schon nach dem ersten Pflichtspiel im Pokal gegen Zweitliga-Aufsteiger 1. FC Magdeburg hatte Eintracht-Trainer Oliver Glasner von seinem neuen Star geschwärmt: "Dieser weiträumige Blick, wenn der Gegner presst und dann die Lösung parat zu haben, das ist allerhöchste Kunst. Er ist jemand, der auch in Drucksituationen die Tiefe sieht und die Angriffe initiieren kann. Das hat er sehr gut gemacht. Ich bin sehr glücklich mit seinem Debüt."

Götzes Rückkehr zur Eintracht ist wieder mal ein großes Versprechen, von dem niemand zum jetzigen Zeitpunkt sagen kann, ob es eingelöst wird. Das hat natürlich mit den überbordenen Erwartungen zu tun, die das "Wunderkind", das er einst war, stets begleitetet haben.

Ein Mann für die Momente, nicht für die Strecke

Mit 17 Jahren gab Mario Götze sein Bundesliga-Debüt für Borussia Dortmund und hatte großen Anteil an den Erfolgen des BVB in den Jahren 2011 bis 2013 unter Jürgen Klopp (Deutscher Meister, Pokalsieger, Champions-League-Finalist). 

Was man häufig vergisst: Schon damals litt er unter verletzungsbedingten Rückschlägen: 2012, als der BVB das nationale Double gewann, verpasste er die komplette Rückrunde wegen einer Schambeinentzündung. Im Saisonendspurt 2013 wie im Champions-League-Finale gegen die Bayern musste er wegen einer Muskelverletzung passen. In dieser Zeit sorgte Götze immer wieder für zauberhafte Momente auf dem Platz, aber zur Not ging es auch ohne ihn. Daraus wurde ein Signum seiner Karriere. Götze war der Mann für die außergewöhnlichen Momente, aber dauerhaft erfüllte er nie die maßlos überzogenen Erwartungen.

Bestes Beispiel ist der Moment, in dem sich Götze unsterblich machte: Sein brillantes Siegtor im WM-Finale von Maracanã schoss der offensive Mittelfeldspieler in der Verlängerung. Erst in der 88. Minute war er von Bundestrainer Joachim Löw eingewechselt worden. Götze hatte bis dahin eine schwache WM mit wenigen Einsatzminuten gespielt. Im legendären Halbfinale, dem 7:1 gegen Brasilien, fehlte er angeschlagen. In einem Beitrag für die "Players' Tribune" schrieb er selbst über das WM-Tor und das Turnier: "Ich konnte nichts Positives daran finden. Vor dem Finale war ich wirklich deprimiert."

Der Götze-Hype dauert bis heute an

Der von lauten Störgeräuschen begleitete Wechsel zum FC Bayern tat sein Übriges. Dass Pep Guardiola ihn nicht wollte, ist bekannt. Götze kam trotz guter Leistungen und einer soliden Torquote in den ersten zwei Jahren nie richtig in München an und war genervt, dass ihn Guardiola häufig auswechselte und in wichtigen Partien in der Champions League ganz auf ihn verzichtete.

Die Flucht zurück nach Dortmund verbesserte die Lage nicht. Im Gegenteil: Eine Stoffwechselerkrankung zwang Götze zu einem langen Ausfall. Auch sein letzter Trainer beim BVB, Lucien Favre, konnte mit dem inzwischen wieder fitten Spieler nichts anfangen. In der damaligen Phase trug Götze mit zum Teil sehr durchwachsenen oder schwachen Leistungen selbst dazu bei. Götze blieb der Spieler für die Momente, nicht für die Strecke. In Dortmund hatte er aber nicht mal mehr Momente, so sehr man sich das wünschte, denn die Verehrung der Fans und der Medien für den WM-Finaltorschützen war bei vielen ungebrochen. 

Im Grunde dauert der Hype um ihn bis heute an. Wie eine besorgte Familie beobachtete man die zwei Jahre beim PSV Eindhoven, wo er sich in einer schwächeren Liga wieder fit spielte. Und mit Roger Schmid einen Trainer hatte, der auf ihn setzte. Götze lenkte das Spiel und schoss wieder Tore. Lohn war der Gewinn des niederländischen Pokals.

Eintracht Frankfurt ist der richtige Ort für ihn

Jetzt also die Rückkehr in die Bundesliga und die Champions League. Wie in Eindhoven glänzt Götze bei Eintracht Frankfurt bei einem Klub aus der zweiten Reihe. Vielleicht ist das genau der richtige Ort für ihn. Wenn er so weitermacht, wie er es bisher angedeutet hat, wird es erneut eine gute Saison für die Frankfurter werden.

Fragen nach der Nationalmannschaft, die wieder gestellt werden, bügelt er souverän ab. Dass er im Kontakt mit Bundestrainer Hansi Flick steht, ist bekannt. Mit einem Comeback in der Nationalelf fände die merkwürdige Karriere Götzes einen neuen Höhepunkt. Es wäre aus Fan-Sicht zu schön, um wahr zu sein. Wie im Märchen. Aber es würden vielleicht wieder Erwartungen entstehen, die nicht zu erfüllen sind. 

Quellen: "Zeit"-Podcast "Kicken kann er", "Sportbuzzer", "kicker", "Die Welt", "transfermarkt.de"

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