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Nach BVB- und Bayern-Sieg: Die spanische Seele leidet

In Spanien ist Fußball mehr als Sport. Nun mussten zwei Teams deftige Niederlagen im Champions-League-Halbfinale kassieren. Die spanische Presse spricht von einem Alptraum.

Von Till Bartels

Seit Jahren steckt Spanien in einer tiefen ökonomischen Krise. Aber wenigstens beim Fußball scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Oder besser: schien. Denn seit dieser Woche hat das Bild vom spanischen Zauberfußball mit den Niederlagen von Barça in München und Real Madrid in Dortmund einen Riss bekommen.

Wer in Spanien samstags in Stadion geht, schlüpft unter einen emotionalen Rettungsschirm. Die Sorgen des Alltags sind für 90 Minuten komplett vergessen. Fußball gibt Trost und verbreitet Optimismus, gerade auch unter den Verlierer des maroden spanischen Wirtschafts- und Ausbildungssystems: Ein Viertel der Erwachsenen ist arbeitslos und mehr als die Hälfte der Jugendlichen. Aber wenigstens die spanische Nationalmannschaft sorgt für gute Nachrichten und Titelgewinne: 2008 und 2012 wurden die Spanier Europameister. Und die Furia Roja, wie die Nationalmannschaft genannt wird, ist seit dem gewonnenen Endspiel 2010 in Südafrika der amtierende Weltmeister.

Wenigstens auf den Fußball war immer Verlass. Aber nach der Klatsche im Doppelpack bei den Halbfinalspielen der Champion League kennt die spanische Presse nur ein Wort: pesadilla - ein Alptraum. Seit dem für die Katalanen bitteren 4:0 am Dienstag in München weiß die Fußballwelt, dass sich Barça nicht mehr die beste Fußballmannschaft der Welt nennen kann. Sogar die lokale Presse nimmt kein Blatt vor dem Mund: "Mehr als eine Tortur: Der FC Bayern demütigt ein sterbendes Barça, das sich nicht einmal mit den Fehlentscheidungen des Schiedsrichters herausreden kann", schreibt das Blatt "La Vanguardia" aus Barcelona. Das klingt fast schon nach Demut.

Selbstkritik sogar in Madrid

Töne dieser Art kennt man in Madrid gar nicht. Seit der Schmach in Dortmund am Mittwochabend gibt sich sogar José Mourinho kleinlaut. Der Trainer von Real Madrid ist bekannt dafür, dass er nicht verlieren kann und schiebt gerne den Schiedsrichtern die Schuld in die Schuhe, wenn seine Mannschaft schlecht gespielt hat. "Ich weiß nicht, was in der zweiten Halbzeit passiert ist. Jedem einzelnen Tor ist ein individueller Fehler vorausgegangen", sagt ein plötzlich selbstkritischer Mourinho.

Schonungslos geht auch die konservative Zeitung "ABC" mit Real ins Gericht: "Ein Walze zermalmt die chaotischen Madrilenen", schreibt das Blatt über die 4:1-Niederlage in Dortmund. Spanischer Fußball ist nicht mehr das, was er war: besser als der deutsche. Innerhalb von zwei Tagen hat Spanien großen Respekt vor der Bundesliga entwickelt.

Prinzip Hoffnung im Rückspiel

Beide Mannschaften werden zwar vor ausverkauften Stadien mit heimischen Schlachtenbummlern in der Überzahl spielen: in Barcelonas Camp Nou mit knapp 100.000 Plätzen und Madrids Bernabéu-Stadion mit 80.000 Zuschauern. Aber an einen haushohen Sieg, der eines der beiden spanischen Teams zum Endspiel ins Wembley-Stadion katapultieren wird, glaubt kaum ein fußballbegeisterter Spanier. Puren Zweckoptimismus betreibt Mourinho, wenn er sagt: "Ich habe noch Hoffnung für das Rückspiel".

Ein Barça-Fan dagegen rechnet mit einem deutsch-deutschen Finale: "Weder Real noch Barça werden nach London fliegen", sagt Jordi Camps vom deutsch-katalanischen Verein El Pont Blau in Hamburg. "Am 25. Mai werden sich Bayern und Dortmund in London gegenüberstehen." Eine Schmach für ihn: ein Champions-League-Finale ohne die Beteiligung einer spanischen Mannschaft.

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