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Nationalmannschaft: "Endlich einen Großen schlagen"

Eine Mannschaft wächst mit schweren Gegnern - oder sie scheitert. Jürgen Klinsmann will, dass sein Team im Testspiel gegen Italien WM-Reife erlangt. Wer gegen die "Squadra Azzurri" die Kohlen aus dem Feuer holen soll, ist aber noch unklar.

Euphorie oder Ernüchterung - exakt 100 Tage vor dem WM-Start wird die Kraftprobe mit dem dreimaligen Weltmeister Italien für die extrem junge deutsche Fußball-Nationalmannschaft zum großen Stimmungstest. "Endlich wieder einen Großen zu schlagen, würde uns einen Riesenschub geben", sagte Michael Ballack vor der ersten Standortbestimmung des selbst ernannten Titelkandidaten Deutschland im WM-Jahr am Mittwoch (21:00 Uhr/ARD) gegen einen der Weltmeisterschafts-Favoriten.

Der Kapitän gab mit seiner mutigen Marschroute die Richtung für das schwere Auswärtsspiel vor, doch auf dem kurzen Flug von Frankfurt nach Bologna sorgte der Kapitän aus anderem Grund für Wirbel: Aus England kam die vom Mittelfeldstar des FC Bayern München postwendend dementierte Meldung ("Daily Mail"), wonach er nach der WM für den FC Chelsea spielen werde, den Club des russischen Milliardärs Roman Abramowitsch. Nichts sei unterschrieben, übermittelte Ballack kurz und bündig über den DFB nach der Ankunft in Italien.

"Brauchen diese Highlights"

Auch Jürgen Klinsmann sah sich bei der Pressekonferenz im "Grand Hotel" von Florenz mit dem neuen Rummel um seinen wichtigsten Akteur konfrontiert. Erhellendes konnte er allerdings nicht beitragen. "Wir halten uns da absolut heraus. Wir sind auch gespannt", sagte der Bundestrainer. Nach dem abgeschlossenen "Fall Wörns" war Klinsmann, der während des Fluges in Reihe eins der Lufthansa-Airbus eifrig am Laptop Taktik und personelle Planung verfeinert hatte, bemüht, die neue Ablenkung von seinem 20-köpfigen Aufgebot fernzuhalten.

Der Bundestrainer weiß, wie Richtung weisend Teil drei der deutsch-italienischen Wochen im "Stadio Artemio Franchi" für sein WM-Projekt sein kann. Nach dem 1:1 des FC Bayern gegen den AC Mailand und dem 3:2 von Werder Bremen gegen Juventus Turin in der Champions League soll keinesfalls eine Niederlage der wichtigsten deutschen Fußball-Mannschaft die WM-Vorfreude dämpfen. "Aber darum machen wir uns keinen Kopf", versicherte Klinsmann: "Wir brauchen diese Highlights gegen Mannschaften wie Italien, Frankreich, Holland, Brasilien oder Argentinien, um als Mannschaft zu wachsen." Und abgerechnet werde ohnehin erst bei der WM: "Am 9. Juni zeigt sich, was Sache ist." Dann ist gegen Costa Rica ein Sieg Pflicht.

Klinsmann zeigt Respekt vor den "Azzurri"

Trotzdem käme nach der Durststrecke von über fünf Jahren ein Sieg gegen eine große Fußball-Nation gerade Recht, um den Traum vom WM-Titel zu schüren. Aber das Unterfangen, die "schwarze Serie" ausgerechnet auswärts und noch dazu gegen die Italiener, die zuletzt erst in den Niederlanden mit 3:1 gewonnen haben, zu beenden, schien im Vorfeld vermessen, angesichts der Probleme etlicher Akteure.

Nach der Absage des angeschlagenen Oliver Kahn wird Jens Lehmann wie beim 0:0 gegen Frankreich im Tor stehen - allerdings hinter einer Abwehr, die mit den Vereinsreservisten Christoph Metzelder und Robert Huth vor einer großen Herausforderung steht. "Es war beeindruckend, wie die Italiener in Holland gewonnen haben", äußerte Klinsmann großen Respekt vor den "Azzurri". Die einstigen Abwehrkünstler verfügen auch ohne den verletzten Regisseur Francesco Totti mit Lokalmatador Luca Toni, der für den AC Florenz in der Serie A schon 22 Saisontore erzielt hat, sowie Alberto Gilardino (AC Mailand) über eine Top-Offensive. "Wenn wir das Ziel haben, Weltmeister zu werden, muss man sich auch mit solchen Leuten messen", sagte Metzelder mutig.

Der Dortmunder konkurriert mit Huth um den Platz in der Innenverteidigung neben dem Hannoveraner Per Mertesacker. Und der Vize-Weltmeister weiß, wie heikel das Spiel nach der Ausbootung seines Vereinskollegen Wörns aus dem WM-Kader ist. "Alle werden ganz besonders gucken, was Robert Huth und ich für eine Leistung bringen werden", betonte der 25-jährige Metzelder.

Wer stürmt neben Klose?

Links in der Viererkette wird der Münchner Philipp Lahm nach 14-monatiger Länderspiel-Pause endlich sein Comeback feiern. "Er sprüht vor Spielfreude und Engagement. Er wird die Möglichkeit bekommen, sich zu zeigen", kündigte Klinsmann an. Mehr mochte der Trainer nicht zur Aufstellung verraten. Insbesondere im Mittelfeld ist die Auswahl neben den gesetzten Ballack und Torsten Frings groß, zumal die Prellung von Bernd Schneider rechtzeitig abgeklungen ist.

Womöglich gibt es eine große Arbeitsteilung in allen Mannschaftsteilen. Nach der Denkpause für den Schalker Kevin Kuranyi lautet im Sturm die Frage: Wer beginnt neben Miroslav Klose, der Schalker Gerald Asamoach oder doch Lukas Podolski, der beim 1. FC Köln im Formtief steckt? Unumstritten ist in der Spitze nur der beste Bundesliga-Torschütze Klose (17 Treffer), auch wenn der Bremer im Nationalteam seit 14 Monaten auf ein Tor wartet. Klinsmann ist vom ganz großen Durchbruch seines Top-Stürmers überzeugt, der am Tag des WM-Eröffnungsspiel 28 Jahre alt wird: "Miro hat jetzt das richtige Alter, um einem großen Turnier wie der WM seinen Stempel aufzudrücken", meinte der Bundestrainer.

Klaus Bergmann, Jens Mende/DPA / DPA

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