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Analyse

Nationalmannschaft: Nach der Pleite gegen Frankreich: Fünf Fragen, die den DFB weiter beschäftigen werden

Nach dem etwas unglücklichen 1:2 gegen Frankreich herrscht eine Art Erleichterung: Sie können's ja doch noch, so der Tenor. Gut, dass den Spielern das nicht reicht, wie sie vor den TV-Kameras zeigten. Es gibt weiter einige Baustellen im Team.

Es ist schon blöd, dass die Nationalmannschaft ausgerechnet jetzt in eine ihrer größten Krisen überhaupt geschliddert ist. Blöd deshalb, weil sie einen ungeliebten Wettbewerb - die Nations League - spielen muss statt belang-, vor allem aber folgenlose Testspiele zu absolvieren. Blöd auch, da ein Abstieg aus der Gruppe A der Nationen-Liga auch formal signalisieren würde: Deutschland ist jetzt zweitklassig! Da kann der Wettbewerb so blöd sein wie er will, die Krise der ehemaligen "Mannschaft" wird augenscheinlich. Davon ist die Truppe von Jogi Löw nur noch ein Unentschieden entfernt.

Ungerecht wäre das nicht. Die Bilanz dieses Jahres, wohlgemerkt eines WM-Jahres, ist für DFB-Verhältnisse verheerend. Sechs von bisher elf Spielen wurden verloren, lediglich drei gewonnen. Darunter waren einige Blamagen. Die immerhin blieb gegen den Weltmeister aus. Ja, es war gegen Frankreich ein Fortschritt zu sehen. Wie nachhaltig der ist, müssen die noch anstehenden Spiele im November zeigen (darunter das Abstiegsspiel gegen die Niederlande). Nicht zu bestreiten aber ist, dass zentrale Fragen weiter unbeantwortet sind:

War das jetzt der überfällige Aufbruch?

Das bleibt abzuwarten. Zu sehen war auf jeden Fall mehr Tempo, mehr Spielwitz, mehr Lust aufs Spiel als zuletzt mit der ausgelaugt wirkenden Löw-Achse aus Ex-Weltmeistern und Bayern-Profis. Vor allem die erste Halbzeit machte Lust auf mehr in dieser Hinsicht, die zweite Hälfte zeigte, dass Jugend allein noch nicht das Ende der Krise bedeutet. Gelegenheit zu zeigen, dass er es ernst mit der Erneuerung meint, hat Löw schon im November, wenn es gegen Russland und im Abstiegs-Rückspiel der Nations League gegen die Niederländer geht. Der Leverkusener Kai Havertz (jetzt verletzt), der Augsburger Philipp Max oder der Gladbacher Florian Neuhaus - allesamt schon länger mit überragenden Leistungen - wären dann Kandidaten für noch mehr Aufbruch.

Wie soll die Ladehemmung beseitigt werden?

Die deutsche Nationalelf schießt kaum Tore - wann hat es das je gegeben? In fünf der elf Spiele in diesem Jahr stand vorne die Null; nie erzielten Werner, Müller und Co. zudem mehr als zwei Treffer pro Spiel. In dieser Hinsicht machen auch die jungen Nationalspieler wenig Hoffnung. In einer Phase, in der international der klassische Mittelstürmer - allerdings deutlich spielstärker als seine "Vorfahren" - wieder zum Erfolgsmodell wird, steht Deutschland blank da. Seit Jahren dominieren ausländische Goalgetter die Torschützenliste - allen voran Robert Lewandowski. Kein Miro Klose weit und breit, nicht mal ein Mario Gomez, und Sandro Wagner will ja nicht mehr (hat aber auch nicht die Top-Klasse). Möglicherweise hat Löw da den Lösungs-Ansatz gegen Frankreich schon gezeigt: drei schnelle Stürmer, die gut in Szene gesetzt eine Abwehr schwindelig spielen können. Dann müssen sie allerdings immer noch treffen. Der Gladbacher Lars Stindl hatte sich da zuletzt immer hervorgetan. Er wäre aufgrund seines Alters aber eher eine Zwischenlösung.

Wie könnte eine neue Achse aussehen?

Jogi Löw betont, dass er eine Mischung aus erfahrenen und jungen Spielern für wichtig hält. Und er braucht eine Achse. Für einen echten Neuanfang bräuchte es auch da neue Kräfte, die nicht nur kurzfristig, sondern gleich für die kommenden Jahre das Gerüst der Löw-Elf bilden könnten. Doch auch da gibt es Probleme. Toni Kroos scheint vorerst nicht ersetzbar. Marco Reus und Ilkay Gündogan wären Kandidaten. Sie stehen aber wegen häufiger Verletzungen allzu oft nicht zur Verfügung, und sind schon im fortgeschrittenen Fußball-Alter. In der Defensive bietet sich Niklas Süle an. Oder Löw setzt auch hier auf Aufbauarbeit mit jüngeren Spielern: Julian Draxler oder Leon Goretzka haben da schon Ansprüche angemeldet - vor allem beim Gewinn des Confed Cups.

Ist Löw der Richtige für den Neuanfang?

Die Zweifel bleiben vorerst; trotz des zarten Pflänzchens gegen Frankreich. Zwar sagte er nach dem Frankreich-Spiel, dass es auf das 0:3 gegen die Niederlande natürlich eine Reaktion geben musste. Doch das war angesichts der Vorstellung von Amsterdam nun wirklich jedem Laien klar. Nicht zum ersten Mal in seiner DFB-Karriere reagierte Löw sehr spät auf neue Entwicklungen. Nach außen hin lässt Löw die Diskussion um seine Zukunft als Bundestrainer kalt. Bisweilen wirkt der Badener dadurch etwas leidenschaftlos. Manchmal aber auch, als wollte er sagen: Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt, wenn ihr mich rausschmeißt. Damit mag er, da Erfolg versprechende Nachfolger wie Jürgen Klopp oder Thomas Tuchel dank lukrativer Verträge und Aufgaben in Liverpool und bei PSG nicht frei sind, sogar Recht haben. Trotzdem muss er bald zeigen, dass er einen Aufbruch wirklich will, dass er dafür ein Konzept und auch eine Spielidee hat oder entwicklen will. Und dass er auch die jüngere Generation der Spieler erreicht und zu einem Team formen kann. Nicht zu vergessen: Löw stand vor der WM ein Team aus Seriensiegern in der Quali, ein Team aus Confed Cup-Siegern und ein Team aus U21-Europameistern zur Verfügung. Gemacht hat er daraus einen desaströs gescheiterten WM-Kader.

Müssen wir uns auf eine lange Durststrecke einstellen?

Seit dem Sommermärchen 2006 hat uns die Nationalelf sehr häufig begeistert. Das sind bis zur WM in Russland zwölf Jahre, die wirklich Spaß gemacht haben - mit dem WM-Titel 2014 und dem unvergesslichen 7:1 gegen Brasilien als Höhepunkte. Dass es nach dieser langen Zeit nun eine schlechtere Phase gibt, ist nicht weiter verwunderlich; erstaunlich ist eher dieser enorme Absturz. Wird dieses Tief womöglich länger anhalten, weil die Weltmeister-Generation nach und nach abtritt und ihre Nachfolger im Schnitt nicht diese Klasse haben? Glaubt man U21-Coach Stefan Kuntz, dann ist das so. Er warnte schon vor der WM in einem Interview, dass andere große Fußball-Nationen Deutschland in der Nachwuchsarbeit überholt haben. Kuntz benannte bei den Nachwuchsstars eine ganze Latte an Problemen: Defizite in der Kommunikaten, in der Persönlichkeit, im Umgang mit Konflikten und in der Durchsetzungsfähigkeit, aber auch bei fußballerischen Basics: Eins-gegen-eins-Spiel, sowohl defensiv wie offensiv, Passgenauigkeit, Kopfballspiel.

Keine guten Aussichten, so scheint es. Die meiste Hoffnung auf eine positive Fußball-Zukunft machte ausgerechnet Frankreichs Weltmeister-Trainer Didier Deschamps mit seiner Spiel-Analyse vom Dienstagabend: "Das System mit drei Innenverteidigern hat uns Schwierigkeiten bereitet. Die drei Stürmer haben uns in Schwierigkeiten gebracht, sie hatten viel Geschwindigkeit auf den Flügeln und ein gutes Passspiel von Kroos und Kimmich. Sie hätten uns wesentlich mehr Schmerzen zufügen können." 

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