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Nationalmannschaft: Klinsmann bleibt hart

Jürgen Klinsmann pariert Beckenbauers Attacken mit erstaunlicher Gelassenheit - vielleicht auch deshalb, weil sich Innenminister Schäuble mit dem Bundestrainer solidarisiert hat. Die Kritik reißt indes nicht ab: Nun ist auch Netzer in die Bütt gegangen.

Jürgen Klinsmann will sich auch durch Franz Beckenbauer nicht von seinem aus Amerika gesteuerten WM-Kurs abbringen lassen - ein Zerwürfnis mit dem deutschen WM-Chef sieht er aber trotz der heftigen "kaiserlichen" Kritik an ihm nicht. "Es gibt keine Fehde zwischen mir und Franz", sagte der Bundestrainer in einem dpa-Interview. Eine Aufgabe seines WM-Projektes schloss Klinsmann trotz der verschärften Diskussion um seine Person kategorisch aus, der Bundestrainer will seine Marschroute auch bei weiterer Kritik konsequent vorantreiben und durchziehen. "Wir werden uns nicht aus der Ruhe bringen lassen", kündigte Klinsmann 94 Tage vor dem WM-Eröffnungsspiel gegen Costa Rica am 9. Juni in München an.

"Das gehört sich einfach nicht."

Beckenbauer bekräftigte unterdessen bei einem WM- Termin in Berlin seine deutliche Kritik an Klinsmanns Fehlen beim Workshop der 32 WM-Teilnehmer in Düsseldorf. "Das gehört sich einfach nicht. Klinsmann ist einer der höchsten Repräsentanten des deutschen Fußballs und er hätte da sein müssen, wenn alle da sind, die im internationalen Fußball Rang und Namen haben. Und nur unser Gastgeber war nicht da. Zu dieser Kritik stehe ich unverändert."

Während sich in der emotional aufgeladenen Debatte um Klinsmann auch immer mehr Politiker zu Wort melden, demonstriert DFB-Präsident Theo Zwanziger Standhaftigkeit. Zwanziger gab bei einer Pressekonferenz in Berlin nochmals eine Garantie dafür ab, dass Klinsmann bei der WM Trainer der deutschen Nationalmannschaft sein werde. "Da gibt es kein Wackeln. Es gibt keinen anderen."

Schäuble steht zu Klinsmann

Der auch für den Sport zuständige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) stärkte dem Bundestrainer ebenfalls den Rücken. "Ich halte nichts davon, mitten im Strom die Pferde zu wechseln. Jürgen Klinsmann hat mein Vertrauen", sagte Schäuble der "Bild"-Zeitung.

Klinsmann äußerte ein gewisses Verständnis für die verbale Schelte Beckenbauers wegen seines Fehlens beim Workshop. "Ich kann ihn verstehen, wenn er mal verärgert ist, da diese WM ja sein Baby ist", sagte der Bundestrainer. Inhaltlich wies er die Kritik aber zurück: "Trotzdem wird man ab und zu auch mal anderer Meinung sein dürfen."

Klinsmann weist Kritik zurück

Klinsmann betonte nochmals, dass in Düsseldorf alle anfallenden Aufgaben von Teammanager Oliver Bierhoff und seinem Assistenten Joachim Löw bestens abgedeckt worden seien. Beckenbauers Vorwurf, seinen Repräsentations-Pflichten als Cheftrainer des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) nicht ausreichend nachzukommen, wies Klinsmann entschieden zurück. "Ich habe schon viele repräsentative Aufgaben für diese WM wahrgenommen, unter anderem war ich mit Franz Beckenbauer in der Welt unterwegs, damit die WM überhaupt erst nach Deutschland gekommen ist", sagte der einstige WM-Botschafter für 2006.

Beckenbauer mochte sich nicht auf eine Debatte mit Klinsmann über die Medien einlassen. "Dieses Spiel, was jetzt beginnt, mache ich nicht mit", erklärte der 60-Jährige. Mit seiner Kritik steht der ehemalige Trainer von Klinsmann aber nicht alleine da. "Was er sich da geleistet hat mit der Veranstaltung, zu der alle Trainer aus der Welt kommen, ist unerklärlich und unentschuldbar. Da hat Franz Beckenbauer schon Recht", sagte Ex-Nationalspieler Günter Netzer dem Internet-Anbieter "Sport1.de". Selbst DFB-Teammanager Oliver Bierhoff räumte im Nachhinein einen taktischen Fehler der Nationalmannschaftsführung ein. "Man hat die Wirkung unterschätzt."

Weitere Testspiele sind möglich

Eine Woche nach der 1:4-Niederlage in Italien setzt Klinsmann unterdessen andere Arbeitsschwerpunkte. Drei Monate vor der WM bestünde seine Aufgabe hauptsächlich darin, sich auf die sportliche Entwicklung der Nationalelf zu konzentrieren und alle Informationen über die WM-Gegner auszuwerten. An seinem Kurs will er nichts ändern, weitere Widerstände kalkuliert Klinsmann sogar ein. "Wir werden noch einige Stürme über uns ergehen lassen müssen. Wir sind aber weiterhin überzeugt von unseren Spielern und unserer Philosophie. Wir werden uns nicht aus der Ruhe bringen lassen. Wer nichts wagt, wird auch nichts gewinnen."

Dem Notplan, nach dem Länderspiel gegen die USA am 22. März in Dortmund womöglich ein oder zwei zusätzliche Spiele zu absolvieren, steht Klinsmann aufgeschlossen gegenüber. "Auf Grund der mangelnden Spielpraxis von vielen Spielern ist es eine Überlegung wert." Bayern- Chef Karl-Heinz Rummenigge signalisierte Gesprächsbereitschaft der Bundesliga-Clubs. "Wenn Jürgen zusätzliche Termine will, werden wir uns damit befassen", sagte Rummenigge. Voraussetzung sei allerdings, "ob für Spiele Zeit ist".

Wichtiger als solche Notpläne ist nach Ansicht von Rummenigge aber, dass die aufgebrochenen Baustellen rund um das Nationalteam wieder geschlossen würden. Daran müsse aber auch der Bundestrainer aktiv mitwirken, etwa mit einem Umzug nach Deutschland bis zur Weltmeisterschaft: "Eine Großbaustelle ist der Wohnsitz in Amerika. Das wird Jürgen keinen Zacken aus der Krone brechen."

DPA / DPA

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