Nationalmannschaft Lächelnd im Sturm


Er gilt als Notlösung, die Bundesliga traut ihm wenig zu, und die Boulevardpresse lauert auf Fehler. Doch der neue Bundestrainer jürgen Klinsmann strahlt nicht nur gute Laune aus. Er hat auch den Biss, sich durchzusetzen.
Von Bernd Volland

Es gibt eine Theorie, die besagt, dass du nur lange genug lächeln musst, dann wirst du froh. Sie stammt aus der Verhaltenspsychologie und gilt eigentlich als überholt. Aber vielleicht ist doch was dran. Zurzeit läuft ein Experiment, das der Deutsche Fußball-Bund am 29. Juli gestartet hat. Da saß Jürgen Klinsmann an einem großen Tisch vor Journalisten neben Gerhard Mayer-Vorfelder, dem DFB-Präsidenten. Mayer-Vorfelder sagte: "Wir haben in Jürgen Klinsmann einen Nationalspieler gefunden, der den Trainerschein besitzt", der Präsident lächelte viel. Klinsmann sagte: "Mein Ziel ist es, Weltmeister zu werden", der Trainer lächelte noch mehr.

Dabei trägt er seitdem ein Amt, das momentan wenig Frohsinn mit sich bringt: Er ist deutscher Bundestrainer. Nachfolger von Rudi Völler, nach einer EM, bei der sich der deutsche Fußball von Grund auf als zu lahm und uninspiriert gezeigt hat. Nach einer Trainersuche auch, bei der sich der Verband allerherzlichst blamiert hat. Und jetzt wird alles anders?

Ein paar Wochen darauf,

vor seinem 3:1-Debüt gegen Österreich, saß Klinsmann in Wien wieder am Tisch vor der Presse und sagte: "Wir wollen langfristig ein Spielsystem aufbauen, das aggressiv und nach vorne gerichtet ist." Er war auf Turnschuhen zum Podium gefedert, sah aus wie früher, mit dem blonden Pony, den blauen Augen und dem Lächeln. An eine Wand, abseits der Menge, hatte sich Oliver Bierhoff gelehnt, sein Teammanager; die Stelle wurde neu geschaffen. Er soll die Nationalelf gut verkaufen - und Klinsmann den Rücken frei halten. Bierhoff trug einen Anzug, der perfekt saß, und eine Krawatte, die genau zum Anzug passte. Sie wirkten so jung, dynamisch und innovativ, wie man sich den deutschen Fußball wünscht.

Später erzählt Bierhoff von der Theorie eines Vietnam-Generals: "Der sagte den Soldaten: "Glaubt an ein gutes Ende, aber schaut der Realität immer brutal ins Auge." Wir sind keine Träumer."

Klinsmann und Bierhoff sind zu klug, um an den reinen Erfolg des Lächelns zu glauben. Sie wissen, dass sie sich beweisen müssen. Am Mittwoch erstmals zu Hause, in Berlin gegen Weltmeister Brasilien.

Der neue Bundestrainer ist in einer so schwierigen Position wie wohl keiner seiner Vorgänger. Bei der EM wurde die letzte Geduld der Fans verspielt, für die WM 2006 im eigenen Land werden trotzdem die Erwartungen riesig sein. Klinsmann gilt als Notlösung nach den Absagen von Ottmar Hitzfeld und Otto Rehhagel, nach den verpatzten Anfragen bei Guus Hiddink und Morten Olsen. Dazu trägt er die Erblast von Völlers unfassbaren Sympathiewerten. In der Liga hat man wenig Vertrauen in ihn. Soll der es schaffen? Klinsmann, der die letzten sechs Jahre in den USA wohnte, seinen Lebensmittelpunkt dort hat und vor allem: noch nie eine Mannschaft trainierte?

Klinsmann, der Angreifer, steht wieder im Sturm. Der bläst ihm kräftig entgegen. "Es ist eigentlich eine Schande, dass es Trainer gibt, die diesen Job nicht wollen, und dann wirft man es einem vor, wenn er es macht. Absurd", sagt Bierhoff.

Doch Klinsmann wankt nicht so schnell. Als er erstmals den Medien präsentiert wurde, lächelte er freundlich und erklärte: "Ich habe mich gefragt, warum sollst du denn Teamchef heißen, du hast doch den Trainerschein?" Es hörte sich jungenhaft an, harmlos, Bundestrainer statt Teamchef, so wie zuerst vom DFB gedacht, ist ja nur ein Titel, Fußball nur ein Spiel. Doch Bundestrainer Klinsmann hat qua Amt mehr Macht als der Teamchef Rudi Völler: Er ist nicht nur zuständig für die Nationalelf, sondern oberster Trainer des Verbands.

Es mag sein, dass mancher anfangs nur an die heilende Wirkung seines Lächelns gedacht hat, bei der Besetzung. Der hat sich geirrt. Macht ist kein Wort, vor dem es Klinsmann graust, es wird Kämpfe geben.

Es war zu spüren in Wien. Nach der Platzbesichtigung saß Towarttrainer Sepp Maier noch eine Weile auf der Spielerbank, er wirkte teilnahmslos. Mochte sein, dass er nachdachte, ob er die Klappe halten oder in die Schlacht ziehen sollte. Klinsmann hatte den Stammplatz von Oliver Kahn infrage gestellt und dem die Kapitänsbinde abgenommen. Als Maier den Bundestrainer dafür in einem Interview kritisierte, spürte Klinsmann, wie leicht man im neuen Amt ins Feuer gerät. Als Klinsmann wiederum zu verstehen gab, dass sich Maier besser kein zweites Mal so äußern sollte, spürte Maier, wie schnell man auf die Abschussliste kommt. Maier war still, beim Spiel trottete Kahn zwei Meter hinter dem neuen Kapitän Michael Ballack aufs Feld, er, der bei Völler Unanfechtbare, und wurde zur Pause ausgewechselt. Die Zeit Völlerscher Dankbarkeit für alte Großtaten ist vorbei.

Die Zeit der harten Wahrheiten hat begonnen. "Weitsichtig betrachtet ist Michael Ballack unser wichtigster Spieler für die WM", sagt Bierhoff, "und als Feldspieler für die Kapitänsbinde geeigneter."

Ein Lächeln ist ist nicht immer ein Indiz für Friedfertigkeit. Seine Ziele hat Klinsmann meist erreicht. Als Stürmer scheute er keinen Zweikampf. Und abseits des Platzes? In München staunt Uli Hoeneß heute noch, wie Klinsmann ihn, den Fuchs der Liga, 1997 austrickste und trotz Vertrags ablösefrei nach Genua ging.

Er dürfte gelächelt haben dabei, wie in Wien. Da verkündete er: "Beim Abendessen wird nur die Mannschaft am Tisch sitzen. Nur die Spieler können die Tore schießen." Bei den letzten Worten lachte er, alles nur ein Spiel, es war ein zittriges Lachen, er wusste, dass es Feinde bringt, wenn sich keiner von den Funktionären mehr wichtig machen darf am Spielertisch. Egal. "Die Mannschaft soll einen engen Kreis bilden, der zusammenhält, der weiß, was er will", sagt Bierhoff. Deshalb wird auch der Kader klein gehalten. Das Ziel zählt.

Klinsmann dürfte auch der Nebeneffekt der Kahnreduzierung auf Menschenmaß willkommen sein: Die Mannschaft atmet auf, dass der Egomane nicht mehr das höchste Tier im Team ist. Kahn, der Fußballgott, der über Wasser geht und zu gern signalisierte, wie irdisch doch der Rest der Mannschaft ist. Wie Völler schöpft Klinsmann aus seiner Spielererfahrung. Die WM 94 und die EM 96 haben ihn geprägt: Eine zerstrittene Elf schied in den USA früh aus, eine von Klinsmann zusammengeschworene Truppe wurde in England Europameister. Klinsmann sagte einmal: Fußball, das ist wie in der Schule. Wenn einer stört, kriegt der andere nichts mit.

Manche beschreiben ihn als Egoisten. Er mag eigensinnig sein, aber zugleich denkt er ans Team. Nur: Er will es lenken. Matthäus nagt noch heute daran, dass Klinsmann ihm 1995 in der Nationalelf erst die Kapitänsbinde abgejagt hat und ihn dann ganz rausgemobbt haben soll. Aber für das Team war der Verlust des "Bild"-Maulwurfs und Stänkerers kein allzu großer Schaden. Berti Vogts sagt: "Gegen Klinsmann kannst du keinen Krieg gewinnen." Und Vogts ist sein Freund.

In der Frankfurter DFB-Zentrale zittert nun die halbe Funktionärsschaft. DFB-Direktor Bernd Pfaff ist nach 44 Jahren plötzlich sein Amt losgeworden. Ulli Stielike wurde als U21-Trainer durch Klinsmanns alten Teamkollegen Dieter Eilts ersetzt. Nachwuchskoordinator und Völlers Assistent Michael Skibbe blieb außen vor. Selbst mit Franz Beckenbauer hat Klinsmann es sich verdorben, indem er nicht dessen Mann Holger Osieck als Co-Trainer akzeptierte, sondern den Schwaben Jogi Löw holte. Den Kreis derer, die Einfluss nehmen dürfen in seinem Arbeitsbereich, hält Klinsmann klein. Er setze das eiskalt durch, schimpft mancher im DFB.

"Es ist ein Unterschied, ob jemand eiskalt ist oder ob er unbeirrt seinen Weg geht", sagt Bierhoff. Es schafft nicht nur Freunde. Die könnten Klinsmann fehlen, wenn die ersten Niederlagen kommen.

Doch womöglich gibt es keinen anderen Weg in seiner Position. "Er unterstreicht, dass er der starke Mann ist. Er kann als Trainer zwar noch nicht mit Erfolgen aufwarten, doch er zeigt, dass er eine klare Linie hat. Das ist durchaus richtig", sagt Klaus Allofs, Manager von Werder Bremen. "Aber die Frage ist: Kann einer, der nie mit einer Mannschaft gearbeitet hat, ein Team zusammenstellen, das funktioniert? Zumal das Spielerkontingent beschränkt ist, unser Fußball ist auch in den Vereinen nicht mehr europäische Spitze."

Die andere Frage ist: Wie viel Rückhalt hat Klinsmann in der Öffentlichkeit? Es gibt keinen größeren Experten in der Disziplin, die Stimmung in Fußball-Deutschland auszuloten, als Alfred Draxler, Sportchef von "Bild", einer der mächtigsten Männer im deutschen Sport.

Draxler sitzt im

Hamburger Café "News", seine Redaktion soll die Messer gegen Klinsmann gewetzt haben, da sind sich einige Beobachter sicher, denn Klinsmann wollte nie mit dem Boulevard kooperieren, veranlasste sogar einmal eine Klage gegen das Blatt, das war 1996. Draxler hat die Hände vor sich gefaltet. "Das ist Unfug", sagt er. "Wir haben nichts gegen Klinsmann. Wissen Sie, was der Grund für unsere Zurückhaltung ist? Es gibt in der ganzen Fußballnation keine überschäumende Begeisterung, wie es sie bei Völler gegeben hat." Draxler trinkt einen Schluck von seinem Espresso. "Deshalb waren wir bei Völlers Einstand euphorischer, deshalb haben wir nach Klinsmanns Sieg gegen Österreich nicht getitelt: "Jaa, Klinsi, jaa!!'" Stattdessen schrieb die Zeitung: "Können wir auch die Großen schlagen?"

Warum gibt es keine Klinsi-Manie? "Klinsmann ist eine Ich-AG, die immer funktionierte. Er suchte immer seinen eigenen Weg, deshalb weiß keiner, was ihn mit ihm erwartet. Völler ist einer der beliebtesten Deutschen. Das bringt Klinsmann nicht mit. Er hatte immer ein distanziertes Verhältnis zur Öffentlichkeit." Kann ihm das gefährlich werden? "Vielleicht", sagt Draxler und stützt sich auf. "Aber womöglich ist es schlau. Klinsmann könnte mit einer Zuneigung wie sie Völler erfahren hat vielleicht gar nicht umgehen, würde sich möglicherweise sogar gefangen fühlen." Kann ein Bundestrainer ohne Unterstützung von Deutschlands größter Zeitung überleben? "Natürlich", sagt Draxler, aber es dürfte das Understatement eines Mannes sein, für den die Macht seit zwölf Jahren selbstverständlich ist.

"Egal, wie der Boulevard zu uns steht", sagt Bierhoff, "wenn die positiven Ergebnisse nicht kommen, dann wird es eh schwer. Und wenn der Erfolg kommt, ist das Thema erledigt." Dennoch: Das erste große Interview gab Bundestrainer Klinsmann der "Bild am Sonntag".

Es bleibt ein Balanceakt:

Klinsmann muss junge Talente für 2006 aufbauen und zugleich von Beginn an gute Ergebnisse liefern, dazu braucht er erfahrene, zuverlässige Spieler. Man sah es in Wien, da nominierte er Thomas Linke, 34, nach, und Kritiker diskutierten, ob so ein Neuanfang aussieht. Aber was hätten sie gesagt, wenn Klinsmann sein erstes Spiel mit einer Innenverteidigung von Frischlingen verloren hätte?

Und immerhin hat er im Mittelfeld den Spiel-Überberuhiger Didi Hamann durch Torsten Frings, den Antreiber, ersetzt, auf den alternden Fredi Bobic verzichtet, nur sechs Spieler auflaufen lassen, die bei der EM in der Stammformation standen. Ein 3:1-Sieg, klar, das sagt noch nichts aus. Aber die Spieler sind optimistisch. "Bei Klinsmann spürst du: Er vertraut dir", sagt Michael Ballack. "Und nur wenn wir Selbstbewusstsein haben, können wir forscher spielen. Klinsmann sucht das Risiko, und es darf dabei auch mal etwas schief gehen."

Beim Training in Wien schlurfte Klinsmann über den Platz, die Stutzen nach unten geschoben, Schultern hängend. Sein Auftreten als Unsicherheit auszulegen, wäre wohl falsch, ihm fehlt die Eitelkeit zum stolzen Gang. Seine Stimme schneidet über den Platz: "Tempo aufnehmen." Gero Bisanz, der Klinsmann zum Trainer ausbildete, sagt: "Jürgen wird sicher ein Trainer sein, der seine Vorstellungen sehr entschieden und klar zum Ausdruck bringt." Manche Spieler sagen jetzt schon, Klinsmann sei strikter als Völler, was bestimmte Regeln angeht.

"Als Trainer", sagt Bierhoff, "ist Jürgen genau wie Rudi sehr nahe an den Spielern. Alle sind mit ihm per Du. Taktisch hat Rudi eher auf den Gegner reagiert. Jürgen will immer Tempo, Gas, nach vorne, das Spiel selbst gestalten." Aber kann er überhaupt so viel Einfluss nehmen als Bundestrainer in ein paar Lehrgängen? "Er kann die Spieler nicht umwandeln", sagt Klaus Allofs, "aber immerhin können seine Forderungen und Maßnahmen Signale an die Vereine sein."

Klinsmann sucht die enge Zusammenarbeit mit den Clubs. Und so war es auch eine Goodwill-Aktion, als er in Wien auf Sebastian Deisler verzichtete; der sei noch nicht so weit, sagte Bayern-Trainer Magath zu dem Bundestrainer.

Klinsmann braucht Unterstützung und Zeit. Gegen Ende des Österreich-Spiels setzten sich Klinsmann und Löw auf die Lehne der Bank, hatten die Jacketts ausgezogen, es hätte locker wirken können, es wirkte aber wie einstudiert. Sie suchen ihre Linie, es muss leichtfüßiger werden, die Stimmung, das Spiel, das wissen sie. Es wird mit Lächeln nicht getan sein. Aber den Biss hat Klinsmann auch.

print

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker