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Kommentar

Neymar-Irrsinn: Der Fußball macht sich nur noch lächerlich

Der Wahnsinn ist nicht neu, die Dimension aber schon: Wenn der brasilianische Superstar Neymar für 222 Millionen Euro vom FC Barcelona zu Paris St. Germain wechselt, hat das Milliardengeschäft Fußball endgültig allen Anstand verloren.

Jordan Pickford ist der beste Beweis, dass der Fußball den Verstand verloren hat. Pickford wechselt in diesem Sommer von Sunderland nach Everton, für die stolze Ablösesumme von 28 Millionen Euro – die mit Bonuszahlungen sogar auf bis zu 34 Millionen Euro steigen könnte. Der Witz an der Sache: Pickford ist ein englischer Torhüter. Ein. Englischer. Torhüter. 28 Millionen also? Haha.

Der Transfer-Sommer 2017 wird in die Geschichte eingehen als der Moment, als den Strippenziehern des Milliardengeschäfts, das einst auf dem simplen Spiel namens Fußball basierte, endgültig der Anstand und jegliches Maß abhanden gekommen ist. In diesem Sommer wurden für den französischen Linksverteidiger Benjamin Mendy 58 Millionen Euro gezahlt, für den belgischen Stürmer Romelo Lukaku 85 Millionen, und jetzt 222 Millionen für Neymar. Der Brasilianer hat das Geld in Barcelona bezahlt und damit seinen Vertrag aufgelöst, teilte der Verein am Donnerstagabend mit. Wenig später meldete auch Paris St. Germain, dass Neymar dort einen Fünfjahresvertrag unterschrieben habe.

Neymar: "Es gibt immer ein Schlüsselloch"

Natürlich könnte man nun anmerken, dass Neymar nun mal einer der besten Fußballer der Welt ist, aktuell größter Star der ewigen Fußball-Nation Brasilien. Oder wie der Kollege Oliver Fritsch bei "Zeit Online" mit feiner Ironie argumentiert: "Die weisesten Experten schwärmen von Neymar. (...) Er gewann die Champions League, führte sein Land zu olympischem Gold. Was macht Brasilien ohne ihn? Brasilien verliert 7:1, der Deutschland-Fan erinnert sich."

Aber die Fabelsummen sind längst nicht mehr an die Leistungen auf dem Platz gekoppelt, sondern an Vermarktungsmöglichkeiten, an die Skrupellosigkeit der beteiligten Berater, an die Maßlosigkeit katarischer Investoren, an wasauchimmer. Es ist egal, sagt Christian Streich, und hat wie so oft vollkommen Recht. Es ist egal, weil es die Vorstellungskraft sprengt. Weil es so grotesk ist, dass wir es eigentlich nicht mehr ernst nehmen dürfen.

"Wir haben endgültig die Linie zwischen sozialen Werten und kommerziellem Irrsinn überschritten", heißt es in einem Facebook-Post des ältesten Fußballvereins der Welt, des Sheffield FC, angesichts des Neymar-Irrsinns. "Bei unserem Spiel geht es um Milliarden Fans und Amateure, nicht um einen Milliarden-Gehaltscheck am Ende jeden Monat."

Das so genannte "Financial Fairplay" scheint tatsächlich mehr "ein Vorschlag" als eine Regel zu sein, hat Jürgen Klopp in seiner spöttischen Art angemerkt. Witzig ist das trotzdem nicht mehr. Angeblich haben die katarischen PSG-Investoren die 222 Millionen gleich an Neymar gegeben, um ihn zum WM-Botschafter für 2022 zu machen. Der Brasilianer hat das Geld dann höchstpersönlich an seinen bisherigen Verein, den FC Barcelona, überwiesen. So perfide soll das "Financial Fairplay" gewährleistet bleiben.

Pseudo-Reglementierungen wie diese gelten sicher nicht in gleichem Maße für alle Vereine. "Es gibt immer ein Schlüsselloch" - so kommt es nicht nur Klopp vor. Aber: Die Verbände mögen die Fans schon lange für unglaublich naiv halten, sie sollten aber nicht davon ausgehen, dass sie ihnen noch die dreisteste Lüge verkaufen können.

"Ich hoffe, das wird eine Ausnahme bleiben"

Der Fußball hat sich in diesem Transfer-Sommer endgültig lächerlich gemacht. Wenn für englische Torhüter (englische! Torhüter!) achtstellige Summen aufgerufen werden, wenn irgendein Spieler 220 Millionen Euro wert sein soll, dann müssen die Beteiligten verrückt geworden sein. Wer jetzt noch argumentiert, dass der Markt diese Summen schließlich hergibt, macht sich des Zynismus verdächtig. Dabei sind Fußballfreunde im Herzen doch hoffnungslose Romantiker.

"Ich hoffe, das wird eine Ausnahme bleiben", sagt Jürgen Klopp über den Neymar-Transfer. "Aber wer weiß das schon."

Christian Streich: Freiburg-Trainer über Neymars Transfer-Wahnsinn

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