Oliver Kahn Ein Alphatier wird altersmilde


Ein letztes Mal Oliver Kahn in kurzen Hosen: Mit dem FC Bayern bestreitet der 39-Jährige sein Abschiedsspiel gegen die Nationalmannschaft. Als TV-Experte wird er uns dennoch erhalten bleiben. Das ehemals gefürchtete Alphatier will aber behutsam mit seinen ehemaligen Kollegen umgehen. Hat er zumindest versprochen.
Von Oliver Trust, München

Er kam zu spät und dann klingelte sein Telefon. Früher wäre er für beides zu einer Geldstrafe verdonnert worden. Heute darf er sich das erlauben, der Fußballtorwart außer Dienst: Oliver Kahn. Der "Fußballrentner" war perfekt rasiert und hatte die Haare gekämmt. Sein Hemd war weiß und der Anzug dunkel. Man weiß nie, wie sich plötzliche Freizeit auf das äußere Erscheinungsbild auswirkt, "wenn man mal in den Tag hinein leben kann".

Mancher lässt sich hängen nach dem Job. Kahn gehört nicht dazu. So war es auch am Tag vor dem Abschiedsspiel des "Titanen" gegen die deutsche Nationalmannschaft in der Arena (Dienstag um 20 Uhr im ZDF) in München. Markus Hörwick, der Mediendirektor des FC Bayern, betonte so oft, der "ältere Herr" neben ihm sei heute besonders gut drauf, als rechne er nicht damit, dass ihm das irgendjemand glaubt. "Das ist die letzte offizielle Pressekonferenz von Oliver Kahn", sagte Hörwick. Medienzeitfenster heißt das seit Jürgen Klinsmann.

Sein Abschiedsspiel will Kahn nicht im Nationaltrikot bestreiten

Und vielleicht war der neue Bayern-Trainer an der Verspätung schuld. "Der Jürgen hat mir alles gezeigt", erzählte Kahn, staunte über die Umbauten der "Nach-Kahn-Ära" und meinte, Paul Breitner sei auch dabei gewesen. Ob als Friedensengel oder nur zufällig, ließ man offen. Klinsmann hatte Kahn als Bundestrainer vor der WM 2006 zur Nummer zwei degradiert, seitdem pflegen die beiden ein wechselhaftes Verhältnis. "Vielleicht", meinte Kahn grinsend, "stellt er mich gar nicht auf".

Warum nun ausgerechnet der streitbare Breitner mit den beiden zur Besichtigung antrat, blieb so rätselhaft wie die Tatsche, warum der gebürtige Karlsruher bei seinem "Fußballfest" nur im Bayern-Tor stehen wird und nicht auch in dem der Nationalelf. Es sei der ausdrückliche Wunsch von Kahn gewesen, nur für die Bayern zu spielen, ließ Bundestrainer Joachim Löw verlauten. Kahn dagegen wiegelte ab: "Ich würde das nicht so auf die Goldwaage legen." Das könne man zur Not kurzfristig ändern. Er habe andere Sorgen: "Ich muss diese 75 Minuten irgendwie überleben. Ich bin selbst gespannt, was ich nach drei Monaten Pause noch drauf habe". Danach wird DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger den 86maligen Nationalspieler Kahn zum Ehrenspielführer ernennen. Beides - Abschiedsspiel und Ehrenspielführerwürde - hat man Jürgen Klinsmann nach 108 Länderspielen übrigens nicht zugestanden.

Seit drei Monaten macht Kahn Pause und gleitet ins neue Leben. Mit dem Boot schipperte er übers Mittelmeer. Eine Weile Cote d´Azur und dann Sardinien. "Ich hatte mal den Traum, wochenlang nur auf dem Boot zu leben. Aber das wird ein Traum bleiben. Nach ein paar Tagen wird es dir kotzübel und du musst ein paar Tage leiden. Das habe ich bis heute nicht gepackt". Kahn machte Landurlaub und kehrte bis zu den nächsten Übelkeitsanfällen auf's Boot zurück. "Es war erstaunlich leicht loszulassen", sagte Kahn. "Nur irgendwann kommt der Punkt, so im Juli und August, da verlangt der Körper nach Arbeit." Kahn golfte etwas, lief Waldläufe und stemmte Hanteln. Und gestern um 14 Uhr, als Höhepunkt für die Fernsehanstalten, hielt er ein letztes Training mit Sepp Maier ab, der wie er keine besonders tiefe Freundschaft zu Jürgen Klinsmann pflegt. "Was mir fehlen wird, ist das Mannschaftserlebnis".

Eine TV-Show in China

Es war wohl der letzte ruhige Tag des künftigen TV-Experten Kahn. Vorerst jedenfalls. Am Dienstag wird eine Eventwelle über Kahn hinwegrollen, der in Asien immer noch als Megastar gilt und zur Unterhaltung der asiatischen Fans eine Internetseite auf Chinesisch hat. Und Kahn hat jede Menge zu tun. Alte Weggefährten (Schäfer, Völler, Beckenbauer) werden in der "30 Minuten Show" vor dem Anpfiff auftauchen, es wird Videobotschaften aus aller Welt geben und man wird die Kahnschen "Emotionen" seiner Karriere in einem Film sehen. 69.000 Zuschauer werden da sein und den "Millionenschuss" begutachten können. Zehn ausgewählte Schützen schießen aus 16 Meter auf sein Tor und jeder Treffer ist 100000 Euro für den Schützen wert. Hält er, bekommt ein Kinderhilfsprojekt eine dicke Spende. Es wird aus 16 Meter Entfernung geschossen, weil "aus 11 Metern auch ein C-Jugendlicher gegen mich treffen könnte, wenn er es gut macht".

Kahns Stiefelspitzen werden künftig nach Asien ausgerichtet sein. In China wird es eine TV-Show geben, die sein "Projekt", die besten Torhüter Chinas zu suchen, "medial begleitet" (Kahn). "Das ist eine ernsthafte Sache. Ich werde einige Dinge in Asien tun. Auch in Korea und Malaysia". Und der "Privatier" Kahn tourt durch bayerische Schulen mit dem Projekt "Ich-schaffe-es", er will Vorträge halten oder an Managerseminaren teilnehemen.

Man wird ihn bald nach dem Abschied auf dem Rasen wieder sehen. Zuerst als Experte im Fernsehen, der mit den ehemaligen Kollegen nach 557 Bundesligaspielen behutsam umgehen will, "weil da manches überinterpretiert wird" aber auch manches gesagt wird, "was auch ich früher nicht gerne hören wollte". Er wird sich bei keinem seiner ehemaligen Kritiker revanchieren, wenn im September die TV-Karriere mit den WM-Qualifikationsspielen beginnt. "In drei Monaten fällt so viel von einem ab. Ich habe über nichts mehr zu lamentieren. Irgendwann aber kommt der Moment, da magst du einfach diese kurze Hose nicht mehr anziehen. Ich denke, der Moment ist nach Dienstag endgültig da".


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker