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Pep Guardiola kommt in England noch gar nicht klar

Im Sommer wechselte Trainer Pep Guardiola vom FC Bayern München zu Manchester City. Dass er inzwischen in der Premier League angekommen wäre, kann man aber nicht behaupten. Die Engländer wundern sich über den Katalanen - und er sich über den englischen Fußball.

Pep Guardiola

Geste der Verzweiflung? Pep Guardiola beim Spiel zwischen Manchester City und Burnley an der Seitenlinie

Seit einem halben Jahr ist inzwischen Trainer von Manchester City. Ein erstes Zwischenfazit seiner Amtszeit ist schnell gezogen: Der Katalane fremdelt gewaltig mit den Gepflogenheiten in der Premier League - und lässt sich das in letzter Zeit auch verstärkt anmerken. Beim FC Bayern München hatte er den Journalisten keine Einzel-Interviews gewährt. In England kommt er nicht so leicht davon. Das führt bisweilen zu gegenseitiger Verwunderung zwischen Fragesteller und Befragtem.

Dass der 45-Jährige zuletzt gar mit seinem baldigen Karriereende kokettierte, war offenbar erst der Anfang. So kam es jüngst nach der Partie zwischen Manchester City und Burnley zum "Meltdown" ("Independent") beziehungsweise zum "most awkward interview ever" ("The Sun"). Ob man gleich von "Kernschmelze" beziehungsweise dem "seltsamsten Interview aller Zeiten" reden muss, darüber lässt sich streiten. Dass der störrische Pep mit seinem Auftritt bei der BBC eine neue Stufe mangelnder Souveränität erklomm, steht aber außer Frage.

Mit künstlichem Lächeln übte sich Guardiola ab der ersten Frage in allen Formen passiv-aggressiver Verweigerungshaltung gegenüber dem seelenruhig nachhakenden Reporter - von einsilbig ("Ja, das stimmt") über patzig ("Sie sind der Journalist, nicht ich") bis ironisch ("Die Mannschaft mit mehr Ballbesitz bekommt immer die Platzverweise"). Selbst Boris Becker sah sich anschließend zu einem Tweet veranlasst, in dem er dem City-Coach "kaltes englisches Bier" zum Relaxen empfahl.

Aber so ungewollt-unterhaltsam er sich inzwischen immer häufiger präsentiert, deutet Guardiolas Verhalten doch ein grundsätzliches Problem an: Der manische Tüftler ist noch nicht in der angekommen. Viele Facetten des englischen Fußballs versteht er einfach nicht und will sie auch nicht verstehen - das lässt er in seinen Äußerungen immer wieder durchscheinen. 

Ein Beispiel: Sein Torwart Claudio Bravo hatte im Match gegen mit einer verunglückten Faustabwehr das Gegentor beim 2:1-Sieg von City verschuldet. Guardiola "analysierte" die Szene im bei der BBC wie folgt: "Überall auf der Welt wird unser Torwart im Strafraum gefoult, hier nicht. Ich muss das erst noch verstehen. Claudio Bravo wird gefoult. Hier nicht. Das ist in Ordnung, aber das muss ich noch verstehen."

Pep Guardiola: "Muss die Regeln hier noch verstehen"

In eine ähnliche Kerbe schlug er mit seiner These, dass die Mannschaften mit mehr Ballbesitz immer die Platzverweise bekämen (siehe oben). So genervt reagierte er auf die Frage des Reporters, ob Rotsünder Fernandinho womöglich ein Disziplinproblem habe: "Ich muss die Regeln hier in noch verstehen. Ich weiß, Sie sind ein Spezialist, aber ich muss es erst noch verstehen."

Was ironisch gemeint war, fasst den Kulturschock für den Katalanen in England ziemlich gut zusammen: Kann ein Trainer, der öffentlich bekundet, Zweikämpfe gar nicht erst trainieren zu lassen, im immer noch sehr körperbetonten englischen Fußball überhaupt bestehen? Kann Tiki-Taka in Manchester funktionieren? Hat Pep die Premier League schlicht unterschätzt?

Für eine endgültige Antwort auf diese Frage ist es noch zu früh. Fest steht: Bisher kommt Guardiola gar nicht klar auf der Insel. Er hat die Herausforderung bei den Citizens auch deshalb angenommen, um es seinen Kritikern zu beweisen, die immer wieder andeuten, dass er es mit Barcelona und Bayern zu leicht hatte, weil die Konkurrenz zu schwach war. Die Leistungsdichte in der Premier League ist tatsächlich deutlich höher als in der Bundesliga und der Primera Division.

Passt Guardiolas Spiel überhaupt nach England?

Nicht wenige Experten glauben außerdem, dass Guardiolas Ballbesitzspiel nicht Premier-League-tauglich sei. Die Wut, dass er sich für seine Idee des Fußballs immer wieder rechtfertigen muss, nagt längst sichtbar an ihm. Noch hat er sich im Griff, aber es scheint nur eine Frage der Zeit, bis es tatsächlich zur "Kernschmelze" kommt. Man könnte auch sagen: Das Genie erweckt den Eindruck, dass es langsam wahnsinnig wird.

"Pep, Sie scheinen nicht besonders glücklich zu sein, dass sie gewonnen haben", merkte der BBC-Reporter nach dem Match gegen Burnley an. Mit einem kurzen kalten Grinsen antwortete Guardiola: "Ich bin glücklicher, als Sie denken. Ich bin sehr glücklich, glauben Sie mir. Frohes neues Jahr."

Wie gesagt: Noch hat er sich im Griff. Noch.

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