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P. Köster: Kabinenpredigt: Wie die Bundesliga schleichend ihre Fans verliert

Die Zuschauerzahlen in der Bundesliga sinken. Doch die Profiklubs wollen darüber nicht reden. Dabei ist eine Debatte über die Zukunft des deutschen Fußballs überfällig. Sagt stern-Stimme Philipp Köster. 

Thiago und der FC Bayern: Totale Dominanz in der Liga, mehr Langeweile für viele Fans

Thiago und der FC Bayern: Totale Dominanz in der Liga, mehr Langeweile für viele Fans

DPA

Der April ist der Wonnemonat des Fußballfans. Wenn in der der Meister ermittelt wird und im Abstiegskampf die Mannschaften um den Klassenerhalt zittern, dann jubiliert der Anhänger. So war es jedenfalls früher. Im April 2018 muss der gemeine Fußballfan hingegen beim Blick auf die Bundesligatabelle ein Gähnen unterdrücken. Meisterschaft entschieden, zwei Absteiger stehen fest. Nach dem 31. Spieltag ist nur noch offen, ob sich Leverkusen, Hoffenheim oder Leipzig als vierter Klub für die Champions League qualifiziert und welcher der drei Klubs Wolfsburg, Freiburg oder Mainz Relegationsspiele bestreiten muss. 

Und das nicht zum ersten Mal. Wer sah, wie gelangweilt die Bayern-Spieler bei der Meisterfeier 2017 die Stufen im Münchner Rathaus hinaufstiefelten, um auf dem Marienplatz die Schale zu präsentieren, dem wurde klar, wie sehr der sportliche Wettbewerb in der Bundesliga inzwischen auf den Hund gekommen ist. Und deshalb hielt sich auch die Verwunderung in Grenzen, als am in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ beschrieben wurde, wie die Bundesliga einen wahrnehmbaren Zuschauerschwund unter der Decke hält.

Keine erdrutschartigen Verluste, aber: Der Bundesliga-Boom ist vorbei

Dabei sind die Zahlen ja in der Welt. Zahlreiche Klubs verzeichnen ganz offiziell gesunkene Zuschauerzahlen. Nur ein paar Beispiele: Der Schnitt von Bayer Leverkusen fällt von 28.322 auf 27.967 Personen, der von Hertha BSC von 47.384 auf 43.169, der von Borussia Mönchengladbach von 51.168 auf 50.511 Fans. Das sind keine erdrutschartigen Verluste, im europäischen Vergleich sind das sogar immer noch konkurrenzlos hohe Zahlen. Rechnet man allerdings hinzu, dass immer mehr Dauerkarteninhaber sich sehr genau überlegen, welche Spiele sie tatsächlich besuchen, sieht man inzwischen in vielen Stadion gleich reihenweise leere Schalensitze. Und es ergibt sich ein klares Bild: Der große Fußballboom, der die Zuschauer bedenkenlos in die Stadien rennen und die Fanshops der Bundesligisten leerkaufen ließ, ist ganz offenbar vorbei.

Die gesunkene sportliche Spannung hat damit natürlich ursächlich zu tun. Dass die Zuschauer zum gehen, weil sie nicht wissen, wie das Spiel ausgeht, stimmt eben auch in der Umkehrung. Sie bleiben weg, wenn immer nur der FC Bayern Meister wird. Aber die Gründe für das Ende des Booms sind vielschichtiger.

Höhepunkt der Begeisterung: der WM-Titel 2014

Da ist zunächst einmal die Binsenweisheit, dass jeder Hype, ob im Sport oder in der Kultur, einmal endet. Retrospektiv begann der Fußball-Boom hierzulande mit der Modernisierung der Ausbildungsstrukturen nach der desaströsen Europameisterschaft 2000, den Stadionneubauten um die Jahrtausendwende und dem Sommermärchen 2006. Er sorgte dafür, dass Fußball in den folgenden Jahren das gesellschaftliche Megathema schlechthin war, die Liga jedes Jahr neue Zuschauerrekorde erzielte und neue Fernsehverträge immer mehr Geld in den Profifußball pumpten.

Und er fand seinen Höhepunkt und Abschluss in der rauschhaften WM 2014, der mit dem Sieg der deutschen Elf auch endlich die Durststrecke seit dem Gewinn der Euro 1996 beendete. Auf Klubebene hatte der deutsche Fußball schon 2013 im Champions-League-Finale in London seine Vitalität bewiesen. Seither ist dem deutschen Fußball Sinn und Ziel abhanden gekommen.

Abgedrehte Transfers, unausgegorener Videobeweis

Und da sind all die anderen Faktoren: Der mittlerweile finanziell völlig durchgedrehte europäische Spitzenfußball, dessen bizarre Transfervolten bei den Anhängern nur noch Kopfschütteln auslösen. Unausgegorene und fahrlässig geplante Experimente wie der zur neuen Saison eingeführte Videobeweis, der die Zuschauer in den Stadien regelmäßig frustriert. Die Eintrittspreise, die für Zuschauer mit kleineren Einkommen und Kindern jedes zweite Wochenende aufs Neue eine Herausforderung sind. Hinzu kommt die unattraktive Spielweise vieler deutscher Klubs, die nur noch auf Fehler des Gegners warten, als selbst einmal das Spiel zu machen.

Über all das müsste offen geredet und nach Abhilfe gesucht werden. Stattdessen wird die Situation schön geredet oder die Probleme werden verschwiegen. Das aber wird sich die Liga nicht mehr lange leisten können.


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