HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

P. Köster: Kabinenpredigt: "Die Mannschaft" ist eine hohle PR-Phrase

Trotz erfolgreicher EM-Quali herrscht rund um die Nationalelf miese Stimmung. Und daran sind Bierhoff und Löw selbst schuld, findet stern-Stimme Philipp Köster.

Deutschland gegen Weißrussland: Fans zerreißen DFB-Choreo – und weisen auf gewaltiges Problem hin

Wenn eine Mannschaft 4:0 daheim gewinnt, ist die Stimmung beim Publikum normalerweise prächtig. Nicht so jedoch bei den Anhängern der deutschen Nationalmannschaft, obwohl Jogi Löws Truppe mit dem Sieg gegen Weißrussland in Mönchengladbach auch noch die Qualifikation für die Europameisterschaft im nächsten Jahr eingetuppert hat. Trotzdem herrschte auf den mäßig gefüllten Rängen über weite Strecken des Spiels eine Stimmung wie in einer gut gelüfteten Aussegnungshalle.

Zwischendurch war sogar die Hundertschaft weißrussischer Anhänger lauter zu hören und musste mühselig durch eine mit Freikarten geköderte Blaskapelle in Fellwesten übertönt werden. Keine Euphorie, nirgends. Dabei hatten sich Spieler und Funktionäre zuvor sehr bemüht, den Eindruck zu erwecken, dass bei der Nationalelf gerade etwas Neues und Spannendes entsteht. Allein, das Publikum bleibt misstrauisch, und das völlig zu Recht. Weil diese EM-Quali für ein grotesk aufgeblähtes Turnier ein schlechter Witz ist. Weil die Tickets nach wie vor viel zu teuer sind. Weil viele in der Mannschaft nicht mehr als unbedingt nötig taten. 

"Die Mannschaft" ist eine hohle PR-Phrase

Vor allem aber, weil das Publikum der ganzen Inszenierung nicht traut, dem ganzen klebrigen Pathos, der die Nationalelf beharrlich umwabert. Am Freitag schon wieder durch eine verunglückte Choreographie, die angesichts des überforderten Gegners viel zu bedeutungsheischend daherkam. "Alle Träume können wahr werden, wenn wir den Mut haben, ihnen zu folgen", ein Spruch von Walt Disney wurde vom offiziellen Fanklub ausgerollt und dazu mit Papptafeln ein großes "London 20" gezeigt, der Ort der Finalspiele nächstes Jahr. 

Angeführt von Toni Kroos _(2.v.r.) trottet das DFB-Team nach dem 3:0 gegen Weißrussland zurück in die eigene Hälfte

Toni Kross gibt die Richtung vor. Ansonsten fällt der Jubel der DFB-Spieler über das 3:0 im EM-Qualifikationsspiel gegen Weißrussland eher verhalten aus.

DPA

Nun darf sich auch die Nationalmannschaft unrealistische Ziele setzen, zuvor sollte sie aber dringend mal darüber diskutieren, wofür die Auswahl eigentlich in Zukunft stehen und für welche Werte sie kämpfen will. "Die Mannschaft" ist bislang nur eine hohle und tote PR-Phrase. Sie steht für nichts, nicht für mannschaftlichen Zusammenhalt, nicht für gesellschaftliches Engagement, für gar nichts. Und je größer und angeberischer sie an Busflanken und Kabinenwände gepinselt wird, desto mehr wird diese Leerstelle offenbar.

Mit dem WM-Titel verschwand die gemeinsame Basis

Das alles ist keine kurzfristige Entwicklung, sondern reicht in die Anfänge der Ära Klinsmann und Bierhoff zurück. Beide schufen damals Gestalt und Idee der Nationalmannschaft, wie wir sie heute kennen, als verschworene Gemeinschaft, als sportliche Spaßgesellschaft, als fusselfreie Werbeplattform. Das war damals eine richtige Entscheidung, im Angesicht der nahenden WM im eigenen Land, aber auch darüber hinaus. Die Kollateralschäden nahm man hin, etwa den Umstand, dass sämtliche Nationalspieler öffentlich nur noch PR-Unsinn von sich gaben oder sich wie Poldi und Schweini auf die pausenlose Inszenierung debiler Buddyspäße verlegten, weil sich schlicht niemand den grausigen Fußball der Jahre 1998 ff. und das stoffelige Ambiente offizieller DFB-Delegationen zurückwünschte.

Diese Inszenierung der Nationalmannschaft als fröhliche Bacardi-Insel konnte jedoch nur so lange funktionieren, wie Spieler, Trainer, Funktionäre und auch die Anhänger alle zusammen ein großes Ziel hatten: nämlich endlich wieder Weltmeister zu werden. Als Philipp Lahm 2014 den Goldpokal im Maracana hochreckte, ging im überschwappenden Jubel unter, dass mit diesem Triumph auch die gemeinsame Basis verschwunden war. Das zu erkennen und zu handeln, durch neue Zielsetzung und neues Engagement, hätte Bierhoff und Löw zu wirklich großen Männern des deutschen Fußballs gemacht. Wenn sie aus der Selbstgefälligkeit, die den deutschen Fußball immer nach großen Siegen befallen hat, gelernt hätten.

Stattdessen waren sie genauso erfolgsbesoffen wie Franz Beckenbauer 1990. "Auf Jahre hinaus unschlagbar", das haben die beiden zwar nicht gesagt, aber gedacht, bis 2018 bei der WM die ganze Kulisse krachend einstürzte. Die Nationalelf neu zu denken, auch mit den Spielern über ihre Rolle in einer auseinanderdriftenden Gesellschaft zu diskutieren, ohne dabei gleich an ihre Vermarktbarkeit zu denken, wäre ein guter Start. Er ist überfällig, eigentlich schon seit 2014.

Wissenscommunity