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P. Köster: Kabinenpredigt: Tolle Fans, hilflose Klubs – Vereine und Verbände müssen im Kampf gegen Rassismus mehr tun

Alle feiern die Anhänger, die in Münster einen Nazi von der Tribüne verjagten. Doch die Klubs und Verbände sind damit nicht aus dem Schneider, meint stern-Stimme Philipp Köster.

Schalke-Fans gegen Rassismus im Fußball

Leroy Kwadwo (l.) von den Würzburger Kickers wurde im Drittliga-Spiel gegen Preußen Münster rassistisch beleidigt

DPA

Es waren ergreifende Szenen. Ein durch rassistische Rufe bis ins Mark erschütterter Leroy Kwadwo von den Würzburger Kickers. Resolute Münsteraner Zuschauer, die den Rassisten von der Tribüne vertrieben. Und ein ganzes Stadion, dass sich den Frust über diesen unverbesserlichen Volltrottel mit dem Ruf "Nazis raus" von der Seele brüllte. 

So couragiert wie während des Drittligaspiels in Münster sollte es immer zugehen, wenn auf den Rängen rassistisches und menschenverachtendes Zeug gebrüllt wird. Geht es aber leider nicht. Das musste Jordan Torunarigha von Hertha BSC erfahren, der im Schalker Stadion rassistisch angepöbelt wurde, was nicht einmal Durchsagen des Stadionsprechers nach sich zog, weil nach dem Schlusspfiff "der Kontext" nicht mehr herzustellen gewesen sei – wohlgemerkt, sechs Minuten nach dem Vorfall. 

Und am Sonntag wurde Moussa Marega, Spieler des portugiesischen Erstligisten FC Porto, massiv rassistisch beleidigt und bekam dafür, dass er eine nach ihm geworfene Sitzschale aufhob, auch noch die gelbe Karte gezeigt. Dass er anschließend verständlicherweise nicht mehr weiterspielen wollte, kommentierte die FAZ mit der Schlagzeile "Porto-Spieler geht nach Eklat einfach vom Platz". Ganz so, als ob der Spieler wegen einer Lappalie ausgerastet sei.

Nein, dem Rassismus wird man nicht Herr werden, indem nur das Publikum gefeiert und damit den Zuschauern auch die Verantwortung übertragen wird, die Krakeeler in ihre Schranken zu weisen. Das mag bisweilen funktionieren, wenn sich genug Umsitzende finden, die den Konflikt nicht scheuen, in kleinen Stadien und bei aufgeklärtem Publikum. In der Regel jedoch sind Rassisten nicht allein im Stadion, sondern haben Unterstützer und Sympathisanten, die nicht so einfach von ihren Plätzen zu verscheuchen sind. Umso wichtiger ist, dass es Ansprechpartner gibt, denen solche Rufe gemeldet werden können, die für solche Fälle geschult werden und nicht achselzuckend empfehlen: "Dann hören Sie halt weg!" Das ist nämlich eher die Regel in deutschen Stadien.

Fußball muss Kampf gegen Rassismus gewinnen

Und die Klubs müssen noch viel mehr machen. Sie müssen Mitarbeiter und Ordner sensibilisieren. Sie müssen für Völkerverständigung werben. Vor allem aber müssen sie sichtbar und immer wieder aufs Neue klarstellen, dass rassistische Rufe nie und unter keinen Umständen geduldet werden. Und dass jeder, der Urwaldlaute auf den Platz blökt oder menschenverachtendes Zeug ruft, nicht nur harte Strafen und ein Stadionverbot riskiert, sondern dass er auch dafür sorgt, dass notfalls nicht mehr weitergespielt wird. Denn das muss die Drohkulisse sein, die allen präsent ist. Es gibt nicht umsonst einen Drei-Stufen-Plan, der neben Durchsagen und Unterbrechungen auch als letzte Konsequenz den Abbruch des Spiels vorsieht.

Nazi-Symbole: Die Codes der neuen Rechten

Es gibt viel Skepsis im Profifußball, diesen Stufenplan wirklich konsequent umzusetzen. Weil vielerorts der Kampf gegen Rassismus doch nur so lange geführt wird, wie er das lukrative Geschäft nicht beschädigt. Und abgebrochene Spiele gehören zu den schlimmsten Alpträumen des modernen Fußballgeschäfts, weil sie das sorgsam gehegte Bild von der bunten, fröhlichen, rasanten Bundesliga konterkarieren. 

Doch der entschiedene Kampf gegen Rassismus ist ein Kampf, den der Profifußball unbedingt gewinnen muss. Urwaldlaute und menschenverachtendes Gepöbel zerstören jede Freude am Fußball. Zu gewinnen ist der Kampf nur mit Konsequenz und der Überzeugung, dass Fußball immer verbinden und nicht spalten soll. 

Gemeinsam, im Schulterschluss von Anhängern, Verbänden und Vereinen ist zu schaffen, dass das was in Münster skandiert wurde, irgendwann Realität in den Stadien ist, nämlich: 

Nazis raus!   

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