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P. Köster: Kabinenpredigt: Videobeweis-Debatte zeigt: Wir müssen uns im Fußball eine grundsätzliche Frage stellen

Videobeweis abschaffen oder nicht? Hinter der Debatte um den VAR steht die grundsätzliche Frage: Welchen Fußball wollen wir? Wir müssen uns entscheiden, meint stern-Stimme Philipp Köster.

Bayern Münchens Jérôme Boateng (l.) diskutiert mit dem Schiedsrichter Christian Dingert - konnte ihn aber nicht überzeugen, dass es kein Handspiel war

Bayern Münchens Jérôme Boateng (l.) diskutiert mit dem Schiedsrichter Christian Dingert - konnte ihn aber nicht überzeugen, dass es kein Handspiel war

DPA

Erinnern Sie sich noch: Es ist erst eineinhalb Jahre her, da wurde mit großem Theaterdonner der Videobeweis eingeführt und ein Kölner Kellerverließ angemietet, um künftig mit unbestechlichem Auge und modernster Technik der Bundesliga die Gerechtigkeit zu bringen. Schön wär's gewesen! Stattdessen produziert der Videobeweis jede Woche Ärger und Diskussionen. Und anstatt den Referees die Arbeit zu erleichtern, ist die Kritik deutlich schärfer als früher, schließlich haben sie ja nun auch noch die Videobilder als Entscheidungshilfe.

Und doch passieren immer wieder nahezu unglaubliche Fehlleistungen. Dass ein Handelfmeter gepfiffen wurde, als Jérôme Boateng gegen Hannover aus kürzester Entfernung den Ball gegen den Arm geschossen wurde, ging noch als Kuriosum in den Spielbericht ein, auch weil sich der Verteidiger sicher noch mehrfach anschießen hätte lassen können, ohne dass Hannover gewonnen hätte. Aber was sich zeitgleich in Berlin zutrug, machte die Videoüberwachung nahezu obsolet. Im Olympiastadion durfte der Berliner Karim Rekik nämlich den Ball einmal quer durch den eigenen Strafraum pritschen, ohne dass im Kölner Videokeller mal einer aus dem Mittagsschlaf hochgeschreckt wäre. Gerechtfertigt wurde das später mit dem ulkigen Hinweis, auf dem Spielfeld habe ja schließlich auch niemand protestiert – eine schlecht verklausulierte Aufforderung, doch in Zukunft den Referee bei jeder sich bietenden Gelegenheit per Rudelbildung zum Videostudium aufzufordern.

Beim Videobeweis geht es um etwas anderes

Was nun tun? Den Videobeweis wieder abschaffen oder zumindest die Referees im Keller darauf verpflichten, wirklich nur bei gravierenden Fehlentscheidungen Meldung zu machen? Alles denkbar, alles möglich. Doch viel wichtiger erscheint, sich noch einmal ein paar grundsätzliche Gedanken über das Wesen des Fußballs zu machen. Denn letztlich ist die Debatte um den Videobeweis nur ein Stellvertreterstreit für einen viel grundsätzlicheren Konflikt, nämlich den um die Frage, wie sehr sich der Fußball den Gesetzen der Entertainment-Industrie unterwerfen will.

Einen solchen Kniefall hat der Fußball bereits in den letzten zwanzig Jahren unternommen. Seit den Neunzigern hat der einst biedere Volkssport wirklich alles getan, um an die Gelder der globalen Showbranche zu kommen, an Werbepartner und Fernsehgelder. Die Stadien sind blank geputzte Eventtempel, die Spieler moderne Gladiatoren und die Anstoßzeiten an die Bedürfnisse der TV-Sender angepasst – fast alles ist planbar im modernen Fußball.

Dabei ist es ja genau das Gegenteil, das den Fußball in der Vergangenheit so faszinierend gemacht hat: das Unerwartete, das Überraschende, das Spontane. Es galt das Diktum von Sepp Herberger, dass die Leute ins Stadion gehen, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht. Und das galt beileibe nicht nur für das Geschehen auf dem Rasen.

Meister werden immer die Bayern

Heute ist der Bundesligabetrieb in vielerlei Hinsicht überraschungsarm. Meister wird immer der FC Bayern, die Unterhaltung der Zuschauer rund um die Spiele folgt sekundengenau einem Ablaufplan und die Unterstützung aus den Fankurven wird auch nur so lang gutgeheißen, solange sie den gutbürgerlichen Geschmack der Ehrenloge nicht verletzt. Und es fällt sofort auf, wenn irgendetwas nicht nach Wunsch der Eventplaner läuft. Jede Störung des Betriebsablaufes kostet Geld. Also sollen die Zuschauer in den Stadien sich benehmen, sollen Spieler skandalfrei leben und soll eben auch das Geschehen auf dem Spielfeld möglichst ausrechenbare Unterhaltung sein.

Womit wir beim Videobeweis wären. Wir werden uns entscheiden müssen, ob wir einen aseptischen Sport wollen, der immer perfekte Unterhaltung sein will und glitzernd und profitabel. Oder ob wir einen Sport wollen, in dem Menschen Fehler auf dem Platz machen können, Spieler und Schiedsrichter und Trainer. Einen Sport, der auch mal ungerecht und hässlich und deprimierend sein kann. Einen Sport, in dem die Akteure auf dem Rasen genauso normale Menschen sein können wie die auf den Rängen.

Für diesen Fußball lohnt es sich zu kämpfen – mit oder ohne Videobeweis.

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