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Robert Enke - erster Todestag: Kein Platz für Schwache

Vor einem Jahr warf sich Nationaltorwart Robert Enke vor einen Zug. Danach sollte im Profi-Fußball alles menschlicher werden. Warum das nicht geschehen ist.

Von Klaus Bellstedt

Es ist genau ein Jahr her, dass sich Robert Enke in der Nähe seines Hauses bei Neustadt am Rübenberge vor einen Regionalexpress warf. Robert Enke wollte den Tod. Er sah keinen anderen Ausweg aus der Finsternis. Seine Depressionen hatten ihn zerstört. Die Trauer in Deutschland war riesengroß.

Es ist genau 360 Tage her, dass Theo Zwanziger vor 40.000 trauernden Fans in Hannover eine bemerkenswerte Rede hielt und sagte: "Fußball darf nicht alles sein." Der DFB-Präsident kritisierte, dass im Leistungssport für Schwächen kein Platz sei. Zwanziger rief zu "mehr Menschlichkeit" auf. Alles sollte sich ändern, vor allem im Fußball, vor allem in der Bundesliga. Was ist geblieben von den Appellen? Ist der Umgang im Profifußball, das Miteinander, wirklich behutsamer geworden?

"Viel heiße Luft"

Für René Adler lautet die Antwort: Nein. "Nach dem tragischen Tod von Robert ist zwar viel heiße Luft fabriziert worden, geändert hat sich aber nichts. Aber so ist wohl dieses Geschäft", sagt der Nationaltorwart, den mit Enke ein besonderes Vertrauensverhältnis verband. Man bezeichne Fußballer schon einmal als moderne Gladiatoren "und ich denke, dass da etwas dran ist". Das Publikum will Leistung, Leidenschaft, Kampf und Helden. Für Schwächen und Schwache ist da kein Platz. "Ich bedauere das sehr", klagt Enkes Ex-Kollege im Nationalteam auf ran.de. Letztlich sei das wohl auch der Schnelllebigkeit des Fußballs geschuldet. "Wer heute noch der Messias ist, kann drei Tage später schon der Versager sein. Es gibt nur schwarz und weiß, keine Grautöne."

Adler spricht aus Erfahrung. Vor der WM war er die klare Nummer 1 von Bundestrainer Joachim Löw. Wegen einer Rippenverletzung verpasste er das Turnier in Südafrika und fand sich danach in der Reihenfolge der deutschen Nationaltorhüter hinter Manuel Neuer und Tim Wiese plötzlich nur noch auf Platz drei wieder. Die Enttäuschung darüber hat Adler tief getroffen und die Bewältigung ist ihm schwer gefallen. "Man muss sich darum aktiv kümmern, das geht nicht von jetzt auf gleich an einem vorbei. Aber das gehört im Leben nun mal dazu, dass man auch Rückschläge wegstecken muss." Robert Enke konnte das nur schwer. Er war in seinen letzten Wochen depressiv. Die Art und Weise wie Adler seinen persönlichen Frust bewältigen konnte, sie wäre Enke zuletzt nicht mehr in den Sinn gekommen.

"Zu 100 Prozent ich"

Deutschlands einziger Fußballprofi, der sich nach dem Selbstmord von Robert Enke mit Depressionen an die Öffentlichkeit gewagt hat, ist Andreas Biermann, Ex-Spieler vom FC St. Pauli. Biermann hasste früher seine roten Haare wegen dener er in der Schule gehänselt wurde. Später als Profi hasste er dann seine lädierte Schulter und das kaputte Knie. Er konnte lange Zeit keine Trauer mehr fühlen, wirkliche Freude sowieso nicht. Er war gefangen in seiner Gedankenwelt, die ihn wie eine schwarze Wolke umgab. Er wollte weg, flüchten, sterben. Im Oktober 2009 unternahm Biermann einen Selbstmordversuch. Als dreieinhalb Wochen später Teresa Enke auf einer Pressekonferenz unglaubliche Kraft bewies und über das Leiden ihres Mannes sprach, rettete sie vielleicht Biermanns Leben. "In der Beschreibung, wie sie ihren Mann gesehen hat, habe ich mich zu 100 Prozent wiedergefunden", sagt Biermann im Gespräch mit stern.de. Der allererste Gedanke in dem Moment, der alles ins Gute wendete. Zumindest für Biermann.

"Meine Frau und ich fuhren in eine Klinik. Ich blieb 58 Tage dort", berichtet der 30-Jährige. Er lernte wieder zu leben, sich auch an kleinen Dingen zu erfreuen, Angeln, Spaziergänge, Sonnenuntergänge. Und Fußball? Auf einen Schlag war daran nicht mehr zu denken. Aber nicht, weil Biermann nicht wollte. "Kein Klub wollte mich danach mehr verpflichten, obwohl ich so gerne den Beweis erbringen wollte, dass ich wieder spielen kann. Damit hätte ich ja vielleicht auch anderen Mut machen können." Wer nicht funktioniert, wird ganz schnell aussortiert. Das war vor Robert Enkes Tod so, und so ist es weiterhin.

Eine Welt wie in Wall Street III

Auch die Reaktion der Kollegen sei enttäuschend gewesen, berichtet Biermann. "Vor meinem ersten Training nach der Therapie habe ich mich vor die Mannschaft gestellt und ganz offen über meine Depressionen gesprochen. Ich hätte gerne weiter Auskunft gegeben, aber keiner ist auf mich zugekommen." Dabei spielte Biermann in einer Mannschaft, deren Kameradschaft immer wieder in höchsten Tönen gelobt wird. Doch der depressive Fußballer weiß, warum niemand mit ihm über seine Krankheit sprechen wollte - da hilft der beste Teamgeist nichts: "Geisteskrankheiten schrecken Menschen zurück. Da setzt ein Gefühl aus. Die Spieler haben eher Angst davor, sie drücken das Thema weg."

Dieter Hecking, Trainer des 1. FC Nürnberg und Enkes Ex-Coach in Hannover, hat es dieser Tage auf den Punkt gebracht: "Die Männerwelt Bundesliga lässt keine Schwächlinge zu." Andreas Biermann hat aus der Ignoranz seiner Ex-Kollegen seine eigenen Schlüsse gezogen. "Die Befürchtungen, die ich hatte, bevor ich meine Krankheit öffentlich gemacht habe, haben sich bestätigt. Ich würde keinem depressiven Profi empfehlen, seine Krankheit öffentlich zu machen."

Besser nichts preisgeben, besser sich maskieren, sich immer stark und souverän zeigen. Toleranz, Offenheit, Menschlichkeit, das fehlt auch 2010 noch im deutschen Profifußball. Besserung ist nicht in Sicht. Gunter Gebauer, Sport-Philosoph von der TU Berlin, glaubt nicht, dass sich der "Kampfsport Fußball" für Tabuthemen wie Depression oder auch Homosexualität öffnen kann. In diesem Mikrokosmos, bestimmt von "bedingungsloser Erfolgsorientierung", verrate schon die Sprache der Trainer, Präsidenten, Medien und Fans Gewaltbereitschaft. "Wenn Misserfolg droht, wird der Umgang miteinander gnadenlos; dann macht Hoeneß seinen Trainer platt", so der Wissenschaftler und spielt damit auf den Frontalangriff des Bayern-Präsidenten auf Louis van Gaal im TV vor zehn Tagen an. "Für die Beteiligten steht so viel auf dem Spiel, dass sie für Würde, Achtung, Fairness nur noch Verachtung übrig haben; sie leben in einer Welt von Wall Street III." Es ist eine Parallelwelt, im Käfig des Systems bleibt jeder für sich, versteckt sich jeder für sich. Auch weiterhin. Das ist traurig. Aber es ist die Wahrheit.

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