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Kolumne

Rot-weiß - die Bayern-Fan-Kolumne: Warum Thomas Müller jetzt der mächtigste Bayern-Spieler ist

Ein Spieler profitiert am meisten vom Taktik-Wechsel beim FC Bayern: Thomas Müller. Wie kam es zur abrupten Änderung der Aufstellung und was heißt das für die Zukunft? Der Versuch einer Antwort.

Von Stefan Johannesberg

Thomas Müller profitiert vom Taktik-Wechsel beim FC Bayern München

Thomas Müller ist wieder da: Wie in seinen besten Tagen bewegte er sich in Bremen zwischen den Linien

DPA

Thomas Müller trat auch nach seiner Top-Leistung und dem Sieg noch wild entschlossen vor die Mikrofone: "Man hat gesehen, wie wir um diesen Sieg gekämpft haben." Werder-Trainer Florian Kohfeldt analysierte die 1:2-Niederlage seines Teams sachlicher: "Teilweise haben sie wieder so gespielt wie die alten Bayern. Sie waren viel geduldiger als zuletzt." Taktik-Fuchs Tobias Escher sieht das ähnlich: "Von einer kurzen Phase in der ersten Halbzeit abgesehen, agierten die Bayern dominant und abgeklärt. Mit ihrem 4-2-3-1-System und der neu gebildeten Doppelsechs standen sie wesentlich sicherer gegen Konter und konnten zugleich mehr Impulse nach vorne bringen."

Neue Aufstellung wirkt wie ein Jungbrunnen

Die neue Aufstellung wirkt wie ein Jungbrunnen für die Münchener, obwohl sie historisch gesehen eher ein Back-to-the Roots ist und zuweilen an alte 2013er Zeiten erinnert. In der legendären Triple-Saison dominierten die Bayern unter anderem ein müdes Barcelona und schossen die Katalanen in zwei Spielen 7:0 von der Platte. Vergleicht man die damalige Aufstellung und Taktik miteinander, fallen mehrere Dinge auf:

  • Alte Spieler sorgen für Sicherheit: Vergleicht man das 5:1 gegen Benfica Lissabon in der CL mit 2013, findet man sechs Spieler, die auch noch heute in der Startelf auf dem Platz stehen - auf derselben Position. Ribery, Robben, Alaba, Neuer, Müller und Boateng bilden damals wie heute den Stamm und sorgen so in der Krise für die nötige Sicherheit und nötige instinktive Verständnis.
  • Angriff der Klon-Krieger: Kimmich und Goretzka bildeten im Weser-Stadion die Doppel-Sechs, die nicht nur Fans an Martinez und Schweinsteiger erinnerte. Zumindest von der Körpergröße. In der 2018er Interpretation mimte Kimmich einen offensiv-gefährlichen Sechser, während Goretzka um ihn herum mit längeren Laufwegen anspielbar war und Lücken füllte.
  • Sieht aus wie Ballbesitzfußball, ist es aber nicht: "In der Phase zwischen Münchener Führungstreffer und Bremer Ausgleichstreffer hatte Werder fast 70 Prozent Ballbesitz. Derart passiv haben die Bayern schon lange nicht mehr agiert", analysiert Escher. Dank der Kantersiege gegen Barcelona vergisst man leicht, dass Messi und Co. in beiden Spielen mehr Ballbesitz hatten und die Bayern eigentlich erst unter Pep Guardiola zur dominanten Passmaschine wurden. Der Heynckes-Fußball lebte von einer sehr effizienten Mischung aus dominanten Phasen, Kontern und dichter Defensive.
  • Freiheit für die Flügelzange: Im alten 4:3:3 funktionierte die Flügelüberlagerung als einziges offensives Mittel neben dem Gegenpressing nur selten. Der Raum bis zur Grundlinie war zu eng für die fußerlahmten Robbery, sie konnten keine Geschwindigkeit mehr aufnehmen. Im neuen System reißen die beiden Stoßspieler Thomas Müller und Robert Lewandowski  viele Lücken, indem sie  sich immer wieder fallen lassen oder nach Außen bewegen. Alaba steht dank der Absicherung durch Kimmich und Goretzka offensiver und bildet so eine weitere Anspielstation im einst schwächelnden vertikalen Offensivspiel. Für die beiden Außen ergeben sich so mehr Räume im vorletzten Drittel und die Möglichkeit mit Wucht in den Strafraum vorzustoßen. Besonders die dynamische Kraftwalze Gnabry profitierte gegen Bremen davon.
  • Thomas Müller ist wieder da: Der freie Radikale bewegt sich zwischen den Linien wie in den glorreichen 100-Millionen-Angebotstagen. Wie kein anderer erkennt er instinktiv sich anbahnende Löcher in der Verteidigung, bietet sich rechtzeitig geschickt an, schiebt sich schlaksig an Gegenspielern vorbei, schafft so Räume, lässt den Ball prallen und ist trotzdem immer noch so gut, dass er wie ein zweiter Stoßstürmer dauerhaft für Torgefahr sorgt. Es gibt weltweit keinen Spieler mit diesen Qualitäten. Selbst James verbannt er in dieser Form nur auf die Bank.

Die einzige Frage, die sich jetzt natürlich stellt: Wie kam es jetzt, so spät, zu diesem Taktikwechsel? Einem Wechsel, der gerade Thomas Müller nach schlechten Spielen, vermeintlicher Opposition zu Kovac und dem Insta-Gate seiner Ehefrau doch noch zum Gesicht des Aufschwungs macht.

Wurde der Coach entmachtet oder war es Einsicht?

Was passierte nach dem desaströsen Düsseldorf-Spiel wirklich?  Wieso änderte Kovac, der vorher "auf den Tod komm raus" sein 4-3-3 nicht anfassen wollte, die Aufstellung? Sah auch er - im Angesicht der drohenden Kündigung - die Notwendigkeit nach einem größeren Eingriff? Bisher äußerte sich jedenfalls inhaltlich keiner der Führungsspieler um Lewy, Müller, Ribery und Neuer - weder zum Taktikwechsel noch zum sonntäglichen Rapport bei Kalle und Uli letzte Woche. "Wir führen solche Gespräche intern. Sonst könnten wir ja auch eine Pressekonferenz dazu einberufen oder eine Talkshow veranstalten, bei der wir auch Fragen aus dem Publikum zulassen", blockte Thomas Müllers Fragen entschieden ab. 

Alle anderen Mitspieler beschwören den absoluten Zusammenhalt und loben den Trainer. Frei nach der Devise: "If you can’t beat em, join em" (Wenn du sie nicht schlagen kannst, verbünde dich mit ihnen) Auffallend ist zudem, dass Kovac trotz der letzten Erfolge nicht mehr so souverän wie in der Pleitenserie auftritt. Sein Gesicht wirkt angespannt und die Ausbrüche am Spielfeldrand in Bremen ungewöhnlich heftig. Auch die Äußerungen, dass die Rotation nun beendet sei und er nun eine Stammformation gefunden habe, muten ob der vorherigen, gegensätzlichen Aussagen seltsam an: "Jetzt habe ich für mich selbst entschieden, dass ich schon ein Gerüst haben werde, wo dann eben der Großteil Fixstarter ist. Und der eine oder andere dementsprechend immer wieder reinkommt."

Video: Befreiungsschlag für Kovac?

Vielleicht lief der Burgfrieden so ab: Rummenigge und Hoeneß sagen den vier Führungsspielern klipp und klar: Kovac bleibt unser Trainer, wenigstens diese Saison. Wir erwarten von euch vollsten Einsatz und Integrität, ansonsten weht auch durch euren Arbeitsvertrag 2019 ein eisiger Wind. Parallel hörten die Bosse den Spielern in ihrer Kritik aber zu, brachten Spieler und Trainer an einen Tisch und sorgten dafür, dass auch Kovac‘ Kompromisse eingehen musste. Äußerungen von Uli Hoeneß klingen auf jeden Fall so, als wäre Papa jetzt mit den zankenden Kindern zufrieden: "Die Stimmung bei uns in der Mannschaft ist sehr gut. Ich habe das Gefühl, dass Trainer und Mannschaft jetzt schön zusammenwachsen."

Vielleicht war es so. Vielleicht hörte Niko Kovac bei der Taktikänderung auch einfach nur auf den Rat von Co-Trainer Peter Hermann. Jenem Peter Hermann, der neben den genannten sechs Spielern aus der Startelf, ebenfalls bereits 2013 gegen Barcelona dabei und als kluger Kopf im Hintergrund maßgeblich beteiligt war. Immerhin ist Hermann der einzige neben Chefcoach Kovac, der über taktisches Verständnis auf internationalem Niveau verfügt. Robert Kovac als zweiter Co-Trainer fühlt sich dagegen nur als reiner Trainingsorganisator wohl.

Thomas Müller profitiert am meisten

Wie oben beschrieben profitiert ein viel gescholtener Spieler am meisten von der momentanen Situation: Thomas Müller. Mit diesem System und der Übernahme von Verantwortung ist der einstige Wackelkandidat jetzt DER Führungsspieler für die nächsten ein, zwei Jahre. Wer soll es auch sonst sein?  Ribery geht. Robben geht. Martinez steht mit geschundenem Körper auf dem Abstellgleis, Lewandowski ist zu sehr Diva und Mats Hummels hadert zu viel mit sich selbst. Manuel Neuer und Jerome Boateng suchen ihre Leistungen. Alaba und Thiago sind keine Alpha-Männchen, Tolisso verletzt, Kimmich erst auf dem Weg dorthin und Goretzka noch zu unbeständig. Bleibt eben nur Thomas Müller - und der liefert bisher ab. Er geht voran, treibt an. Sein Gesicht ziert jetzt oft eine verbissene Miene, den früheren Spaßvogel findet man nur noch zwischen den Zeilen. Und wieder schallen die Sätze von Louis van Gaal aus dem Rauschen des Blätterwaldes: Müller spielt immer. Wie konnten wir daran zweifeln?

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