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Kritik auf der Mitgliederversammlung: Was an der Abrechnung des Bayern-Anhängers mit Hoeneß berechtigt ist - und was nicht

"Ich war schockiert", sagte Hoeneß in Reaktion auf die Rede von Bayern-Mitglied Johannes Bachmayr auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern - und behauptete, dass der Anhänger viele falsche Behauptungen aufgestellte hätte. Stimmt das?

Uli Hoeneß

Uli Hoeneß verlässt das Podium nach seiner Rede auf der Mitgliederversammlung des FC Bayern

Getty Images

Der Präsident des FC Bayern, Uli Hoeneß, hat sich auf der Mitgliederversammlung harsche Kritik von Vereinsmitgliedern anhören müssen. Besonders tat sich der 33-jährige Johannes Bachmayr hervor, der in einer zwölfminütigen Rede mit dem Bayern-Präsidenten abrechnete. Bachmayr ätzte gegen den Führungsstil des Präsidenten, die Vetternwirtschaft und die Verbannung Paul Breitners von der Ehrentribüne. Er kritisierte außerdem das Katar-Sponsoring sowie die Verpflichtungen von Hasan Salihamidzic und Niko Kovac. Doch was ist dran an den Vorwürfen?

Verbannung von Paul Breitner 

Bachmayr: "Ein Ehrenspielführer ist nicht zu verbannen? Es ist nicht Ihr Stadion und der Verein ist nicht Ihr Eigentum. Paul Breitner hat ausgesprochen, was viele dachten. Und das muss man auch mal aushalten."

Dazu muss man wissen: Das Thema Paul Breitner ist für Bayern-Fans (und nicht nur für die) hoch emotional. Breitner ist als Mitglied der ruhmreichen Siebziger-Jahre-Mannschaft eine Klub-Legende. Seine Freundschaft mit Hoeneß ist berühmt-berüchtigt, unter anderem dokumentiert im Film "Profis" von 1979. Dass Hoeneß seinen früheren Freund nun von der Ehrentribüne in der Allianz Arena verbannte und ihm das nicht mal persönlich mitteilte, stößt vielen Anhängern wie Bachmayr übel auf. Anlass für die Verbannung war Breitners deftige Kritik an der Pressekonferenz von Hoeneß und Rummenigge im Oktober, auf der die Bosse die Medien attackiert hatten.

Tatsache ist: Hoeneß hat nach eigener Aussage schon nach seinem Gefängnisaufenthalt im Jahr 2016 mit dem Freund gebrochen. Das Verhältnis der beiden Persönlichkeiten war seit den Achtzigern schwierig. Zwischendurch haben sie sich zehn Jahre lang nicht gesprochen. Breitner gefiel sich immer in der Rolle des Bayern-Kritikers, als früherer "Bild"-Kolumnist teilte er deftig gegen den Klub aus. Trotzdem profitierte er von einem großzügigen Berater-Vertrag, bis er sich 2017 auch mit Rummenigge zerstritt und der Vertrag beendet wurde. Breitners Verbannung mag kleinlich erscheinen, ist aber einfach Folge eines Streits zweier selbstbewusster Dickköpfe. Dass sich Bachmayr auf Artikel 5 beruft, ist eine Retourkutsche auf die Pressekonferenz - und ist genauso übertrieben wie bei Rummenigge im Oktober, als der Bayern-Vorsitzende das Grundgesetz zitierte. Niemand weiß, was wirklich hinter den Kulissen geschah. Bachmarys Parteinahme für Breitner ist übertrieben.

Nachtreten gegen ehemalige Spieler und Trainer

"Von Ihnen, Herr Hoeneß, wird regelmäßig nachgetreten. Gegen Klinsmann, van Gaal, Nerlinger, Sammer, Costa, Bernat, ja sogar nach Heynckes war zu lesen, als Kovac kam, jetzt würde wieder richtig gearbeitet werden. Ist das das Bild eines Weltvereins im Umgang mit seinen ehemaligen Angestellten?"

Hoeneß war immer streitlustig und pflegt noch heute den derben Umgangston, den man auf jedem Fußballplatz von der Kreisliga bis zur Champions League findet - da wird auch mal deftig gepöbelt. Zuletzt kloppte Hoeneß bekanntermaßen Juan Bernat in die Tonne ("Scheißreck gespielt"). Die Kritik an Hoeneß ist in diesem Punkt berechtigt. Allzu oft hat sich Hoeneß im Ton vergriffen und dem Image der Bayern Schaden zugefügt.

Verpflichtung von Hasan Salihamidzic und Niko Kovac

"Ein Verein wie der FCB brauchte zwölf Monate, um einen Sportdirektor zu präsentieren. Das muss ja ein ausgeklügelter Auswahlprozess gewesen sein. (...) Und dann wurde es Brazzo. Auswahlverfahren: Taxifahrt in China. So überzeugend. Er wusste auf der PK nicht mal seine Tätigkeit zu umschreiben."

"Wie kann man von Kovac so überzeugt sein (...), ihm drei Jahre zu geben? Und falls doch. Erst verteidigen Sie ihn bis aufs Blut, (...),und letztes Wochenende (...) wurde er öffentlich angeschossen?"

Die Kritik hat einen sachlichen Grund. Für die Verpflichtung von Sportdirektor Salihamidzic im Sommer 2017 brauchte die Bayern-Führung ein Jahr, solange war der Posten nach dem Rücktritt von Matthias Sammer nicht besetzt. Ein Grund war, dass Kandidaten wie Max Eberl von Borussia Mönchengladbach absagten. Mit dem früheren Bayern-Spieler Salihamidzic wurde zudem ein Anfänger als Manager verpflichtet, der sich nach öffentlicher Wahrnehmung kaum gegen die Alpha-Tiere Rummenigge und Hoeneß behaupten kann. Auch bei der Trainersuche machte Hoeneß Fehler. Kein Geheimnis ist, dass er zu lange auf eine weitere Zusage von Kumpel Jupp Heynckes hoffte. Das war sträflich unprofessionell. Schließlich wurde Kovac geholt, auch weil Favorit Thomas Tuchel da schon bei Paris Saint-Germain zugesagt hatte. Dass Hoeneß erst ankündigte, Kovac "bis auf's Blut" zu verteidigen, um ihn dann Wochen später öffentlich anzuzählen, passt zum schwankenden Kurs des Präsidenten. Die Kritik an der Verfahrensweise ist absolut berechtigt. Hoeneß' Blockade hat dem Klub offenbar nicht gut getan, der Umbruch wurde verschlafen. Die Kritik an den Personen Salihamidzic und Kovac geht wiederum zu weit. Ob die beiden sich als Glücksgriffe oder Fehlbesetzung erweisen, lässt sich zu diesem Zeitpunkt nicht abschließend bewerten.

Katar-Sponsoring

"Wir gehen PSG übel an als Staatsverein von Katar. Aber das Sponsoring aus Katar nehmen wir gerne an. Wir rühmen uns zum einen für das Erbe Kurt Landauers, schreiben uns aber die Haltung der Kataris auf die Ärmel"

Ein Vorwurf Bachmayrs lautet, dass Hoeneß und die Klub-Führung heuchlerisch sind, wenn sie zum Beispiel Paris Saint-Germain als "Staatsverein" Katars kritisieren, aber gleichzeitig das arabische Land bzw. den Flughafen und die Fluggesellschaft Katars als Premium-Sponsoren begrüßen. Der Vorwurf trifft nur halb: Ein gewisse Heuchelei schwingt bei solchen Attacken auf die sogenannten "Scheich-Klubs " immer mit, das ist richtig. Aber den Vorwurf mit dem Thema Menschenrechte zu verknüpfen, ist zu dick aufgetragen bei aller berechtigten Kritik etwa an den schlimmen Zuständen auf den Baustellen der WM-Stadien. Einen entscheidender Unterschied zwischen PSG und dem FC Bayern gibt es: Katar hat keinen Einfluss auf die Lenkung des FC Bayern. Das sieht bei PSG anders aus. Dort bestimmen die Scheichs alles.

Vetternwirtschaft

"Und zu allem Überfluss hat den neuen Würstlvertrag fürs Stadion wer bekommen? Die Familie Hoeneß – Überraschung. Compliance? Fehlanzeige“

Der Vorwurf der Vetternwirtschaft ist weltfremd. Der FC Bayern ist ein professionell geführter Verein, in dem es so viel oder so wenig Vetternwirtschaft wie in vielen anderen Verein gibt. Dass Machtmensch Hoeneß Einfluss nimmt, ist ihm nicht vorzuwerfen. Die Kritik zu Verpflichtungen von bestimmten Jugendspielern und Hoeneß-Neffen basiert bei Bachmayr, wie er selbst zugibt, nur auf Hörensagen. Wie sie wirklich zustande gekommen sind, kann er nicht belegen.  Der Vorwurf wirkt sehr konstruiert.

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