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Was meinen Strunz?: Bayern-Trara und Titelträume

Wer glaubt, dass die Bayern den Meistertitel bereits sicher haben, irrt sich gewaltig: Thomas Strunz weiß aus eigener Erfahrung, dass das beste Team keinen Titel garantiert. Und so leicht will sich die Konkurrenz nicht geschlagen geben.

Endlich! Es geht wieder los. Die bundesligafreie Zeit neigt sich ihrem Ende entgegen und Fußball-Deutschland schaut heute Abend gespannt nach Stuttgart, zum offiziellen Bundesliga-Eröffnungsspiel des Überraschungsmeisters der Vor-Saison gegen den Vize-Meister aus Gelsenkirchen, dem FC Schalke 04 (heue Abend ab 20:30 Uhr im Liveticker von stern.de).

Wie vor jeder Saison wurde wieder sehr viel spekuliert. Wer ist der Favorit auf den Titel? Wie schneiden die Aufsteiger ab? Wer wird der neue Super-Star der Saison? Und wer wird als sicherer Absteiger gehandelt? Beginnen wir diesmal von unten.

Wer sind die Abstiegs-Kandidaten ?

Natürlich werden zuerst, wie in jedem Jahr, die drei Aufsteiger gehandelt: Hansa Rostock, MSV Duisburg und der Karlsruher SC. Die Erfahrung zeigt, dass die Aufsteiger gute Chancen haben, im ersten Jahr die Klasse zu halten. Das hat verschiedene Gründe.

Das positive Umfeld

Am Ende einer Aufstiegs-Saison steht ein alles überstrahlendes Ereignis, das den gesamten Verein, die Fans, das Umfeld und die Medien zusammenschweißt. Alle freuen sich auf die 1. Bundesliga und sind bereit, alles für diesen Traum zu geben. Die Fans akzeptieren Niederlagen leichter, die Medien sind ruhiger und wohlwollender und auch persönliche Eitelkeiten innerhalb des Klubs werden im Sinne des Traums "1.Liga" hinten angestellt. Es gibt nur ein gemeinsames Ziel: Klassenerhalt!

Die eingespielte Mannschaft

In der Regel gibt es keine großen Umbrüche im Team. Die Aufstiegs-Helden bleiben beim Verein und neue Spieler werden, auch aus finanziellen Gründen, sehr sorgfältig ausgesucht und integriert.

Der Underdog-Effekt

Viele etablierte Klubs und deren Spieler unterschätzen Aufsteiger-Teams. Sie meinen, 80 Prozent Leistung reichen für den Sieg. Das ist ein Irrglaube. Rostock, Karlsruhe und Duisburg wissen: Wir spielen von Anfang an gegen den Abstieg. Und wir haben nur ein Ziel: Klassenerhalt. Diese Teams geben immer 100 Prozent und werden den einen oder anderen unerwarteten Punkt holen.

Ich erwarte am Ende dieser Saison, dass mindestens ein Aufsteiger in der Liga bleibt. Mein persönlicher Tipp: Zwei der drei Neulinge schaffen es.

Wie sieht es mit der Meisterschaft aus?

Hier gibt es für die meisten einen ganz klaren Favoriten: den FC Bayern München. Viele spekulieren nur über die Größe des Punktevorsprungs, den die Bayern am Ende der Saison haben werden.

Davor kann ich nur warnen. Der Meistertitel wird für die Bayern keine Selbstverständlichkeit. Ich spreche aus eigener Erfahrung. In der Saison 1995/96 verpflichteten die Bayern Klinsmann, Sforza, Herzog und mich. Sie holten den langjährigen Meister-Trainer von Werder Bremen, Otto Rehagel, und jeder in Deutschland war der festen Überzeugung, dass der Titel schon vergeben war.

Der Kader war sicherlich das Beste, was es damals in der Liga gab. Wir starteten mit sieben Siegen in Serie in die Saison, aber am Ende wurde Borussia Dortmund Meister, wir nur Zweiter. Was waren die Gründe? Es ist sehr leicht zu erklären: Um ein Gebilde von 18 bis 20 Top-Spielern zu führen, braucht der Trainer sehr viel Fingerspitzengefühl und psychologisches Einfühlungsvermögen. Es muss eine feste Hierarchie in der Mannschaft geben und die Charaktere der Spieler müssen zusammenpassen. All das war damals nicht der Fall.

Der FC Bayern München hat Top-Spieler dazu gekauft - keine Frage. Luca Toni, Klose und Ribéry stehen für große Fußballkunst. Aber auch sie müssen sich in der Liga und in ihrem neuen Klub zurecht finden. Es dürfte spannend zu beobachten sein, wie sich die Hierarchie in der Mannschaft entwickelt. Was passiert, wenn es mal nicht läuft ? Das größte Problem der Bayern in der vergangenen Saison war, dass sie keine klare Team-Struktur hatten.

Natürlich wird Bayern München am Ende oben mitspielen, doch ob es für den Titel reicht, ist aus meiner Sicht noch nicht klar - trotz der Neueinkäufe.

Ein Konkurrent auf den Titel wird der VfB Stuttgart sein, der sich geschickt verstärkte. Der Kader ist mit den neuen Spielern Bastürk, Ewerthon und Marica in der Breite viel stärker aufgestellt. Außerdem haben sie keinen Leistungsträger verloren.

Werder Bremen wird wieder oben mitspielen, auch wenn die Vorbereitung alles andere als gut war. Aber mit ihrem Top-Mittelfeld und der eingespielten Mannschaft gehören sie zu den Stärksten der Liga.

Für den FC Schalke 04 wird es eine zukunftsweisende Saison werden. Erreicht der Vize-Meister einen Platz unter den ersten drei, kann er mit seinen Fans und insbesondere mit seinem Sponsor Gazprom bald im Konzert der Großen mitspielen, auch in Europa. Läuft es zu Beginn nicht so gut für die Truppe von Mirko Slomka, droht nach den Abgängen von Lincoln und Altintop großes Theater. Das nervöse mediale Umfeld wird seinen Beitrag leisten.

Ich bin überzeugt, dass die Teams von Borussia Dortmund und vom Hamburger SV wesentlich stärker sind als in der vergangenen Saison. Beide haben das Potetial, in die Phalanx der großen Vier einzubrechen.

Borussia Dortmund hat sehr gut eingekauft und schnelle, torgefährliche Spieler verpflichtet, während der HSV nur punktuell mit Zidan und Castelelen aktiv war. Die Rothosen hatten schon im letzten Jahr einen qualitativ hochwertigen Kader, der sein Potential nicht abrufen konnte, weil er unter anderem viel Verletzungspech hatte. Die Achse Rost, Kompany, van der Vaart und Zidan kann eine herausragende Rolle in diesem Jahr spielen.

Welche Clubs können für Überraschungen sorgen?

Positiv überraschen kann der Aufsteiger aus Karlruhe. In der oberen Tabellenhälfte sind der BVB und der Hamburger SV meine Kandidaten.

Bayer Leverkusen wird dagegen den selbstgesteckten Erwartungen nicht erfüllen. Die junge Mannschaft muss jetzt beweisen, dass sie sich weiterentwickelt hat. Hertha BSC Berlin prophezeie ich ein ganz schweres Jahr. Im Verein herrscht zu viel Unruhe. Junge Talente verließen den Verein, ein Routinier wurde gefeuert, neue Spieler sind noch nicht da, die Fans sind gegen den Manager, finanzielle Sorgen drücken und der Trainer kennt sich in der Liga nicht aus. Hinzu kommt der Druck durch die Hauptstadt-Medien, der gewaltig ist. Alles in allem gibt es sehr viele Baustellen und Brandherde, die bearbeitet bzw. gelöscht werden müssen. Ob das gelingt, ist für mich eine der großen Fragen der Saison.

Wer wird der neue Superstar?

Hier tippen nahezu alle auf Franck Ribéry vom FC Bayern München. Auch für mich ist er ein absoluter Top-Kandidat auf diesen Titel: Aber trotzdem: Wer hätte vor der letzten Saison auf Mario Gomez getippt. Ich glaube niemand.

Deshalb würde ich mich freuen, wenn wieder ein junger deutscher Spieler den Sprung schafft und den großen ausländischen Namen Paroli bietet. Vielleicht ist Aaron Hunt von Werder Bremen ein Kandidat. Sportlich bringt er alles mit, ein ganz Großer zu werden. Dafür braucht es eine professionellere Einstellung. Man hat manchmal das Gefühl, dass ihm nicht klar ist, welche Klasse er besitzt.

Thomas Strunz

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