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Reportage der Woche

Werder Bremen: Insider packt aus: Exklusiver Einblick in die Welt der Nazi-Hooligans

Hooligans und Ultras werden oft pauschal als "Krawallmacher" in eine Schublade gesteckt. Dabei gibt es gewaltige Unterschiede. Für diese Kurz-Doku treffen wir einen Insider, der von rechter Gewalt in der Bundesliga berichtet und erklären, wie gefährlich Nazi-Hools in einem gesellschaftlichen Klima sind, in dem Rechtspopulisten erstarken.

Werder Bremen: Insider packt aus – Exklusiver Einblick in die Welt der Nazi-Hooligans

Hooligans – nach außen brutal, gewalttätig, skrupellos. Unter Adrenalin agieren einige der Schläger anscheinend wie im Blutrausch. Viele von ihnen sehen sich von den Medien falsch dargestellt. Ihre Leidenschaft ist für sie eine Art Sport, Herausforderung, ein ewiges Kräftemessen. Nicht alle Hools sind politisch. Doch bei einigen Gruppen gibt es starke Vernetzungen in die rechtsextreme Szene – wie man bei Hogesa in Köln (2014) und zuletzt bei den Vorfällen in Chemnitz und Köthen beobachten konnte.

"Wir sind die Fans! Adolf Hitler Hooligans!"

Doch was sind Hooligans eigentlich? Was treibt sie an? Und wie gefährlich sind Nazi-Hools in einem gesellschaftlichen Klima, in dem Rechtspopulisten erstarken? Für diesen Film treffen wir einen Mann, der von rechter Gewalt im Umfeld von Bundesliga-Spielen berichtet und sprechen mit Professor Andreas Zick, Konflikt- und Gewaltforscher an der Uni Bielefeld. Um einen Einblick in die Welt der rechten Hooligans zu gewinnen, schauen wir exemplarisch auf den Bundesliga-Standort Bremen.

Im Januar 2007 überfallen etwa 25 Nazi-Hools den Ostkurvensaal (Fanprojekt) im Bremer Weserstadion. Dort feiert eine linke Ultra-Gruppierung ihren ersten Geburtstag. Das Ziel des Schlägertrupps: Einschüchterung um jeden Preis. Ein brutales Zeichen an alle, die sich antirassistisch engagieren.

Den Konflikt zwischen Ultras und rechten Hools genauer beschreiben kann Niklas R.* (*Name von der Redaktion geändert, Stimme verfremdet). Er ist Insider aus dem Dunstkreis der Bremer Ultras. Aus Angst vor Repressalien möchte der Werder-Fan unerkannt bleiben.

Wie treten Nazi-Hools in Bremen auf?

Niklas R.:

"Einschüchterungsversuche gibt es immer wieder. Wenn Leute getroffen werden, die der Ultra-Szene zugeordnet werden, dann gibt’s verbale Einschüchterungsversuche, notfalls gibt’s auch nonverbale – also dass mit Gewalt agiert wird. Bei Auswärtsspielen kann es sein, dass man sie im Stadionbereich sieht, auf Raststätten, wenn man auf dem Weg zum Stadion ist, zum Auswärtsspiel, dass man sie dort antrifft. D  iese Gefahr, dass man sie da antreffen könnte, die ist auch immer vorhanden und dieser Gefahr sind sich auch immer alle bewusst."

Welche konkreten Vorfälle gab es?

Niklas R.:

"Der letzte Fall, wo es zu körperlicher Gewalt gekommen ist, war im letzten Jahr im Dezember (2017), als nach dem Spiel Werder Bremen gegen Mainz sich circa 20 bis 30 Nazi-Hools in einer Kneipe im Bremer Viertel verschanzt haben oder da saßen nach dem Spiel. Und als nach dann der Ultra-Mob an der Kneipe "Die Schänke" vorbeigelaufen ist, kamen die Nazis raus – teilweise bewaffnet mit Eisenpollern, die sie in der Kneipe gelagert hatten. Da gab’s dann massive körperliche Gewalt."

Was sind Hooligans?

Professor Dr. Andreas Zick:

"Hooligans sind gewaltbereite und gewaltbilligende und auch gewaltsuchende Fangruppierungen, die eher unpolitisch agieren. Jetzt vielleicht ein bisschen politischer werden, aber dann auch nur politische Ideologien suchen, die sie gut mit der Gewalt verbinden können. Aber die Gewalt steht im Vordergrund – das Erlebnis der Gewalt. Während es bei den Ultras um die Identifikation und Unterstützung des Vereins geht, ohne eine Steuerung durch den Verein."

Hooligans peitschen sich vor dem Kampf ein:

"Ey und blaue Augen und 'ne kaputte Nase, die heilen nach zwei Wochen. OK? Scheiß drauf! Mehr als ein paar auf die Nase könnt ihr nicht kriegen. Helft vor allen Dingen den Leuten, die neben euch fallen. Wir vernichten sie, habt ihr gehört? Helft den Leuten, die neben euch fallen. Seht, andere brauchen Hilfe: Helfen beim Knallen."

Was treibt Hooligans an?

Professor Dr. Andreas Zick:

"Für viele Gruppierungen, die Gewalt predigen, die Gewalt billigen, die mit aggressiven und gewaltorientierten Zeichen arbeiten, für die ist das Ritual der Verabredung zur Gewalt dann ein Erlebnis, was ihre Identität stärkt. Und das hat sich zunehmend etabliert. Wir müssen uns das so vorstellen, dass gerade für gewaltbereite Hooligan-Gruppen, die Gewalt nicht nur ein einfaches Rauscherlebnis ist, sondern die Gewalt gehört zu meiner Identität mit dazu. Und ich muss sie zeigen, um Identität zu gewinnen."

Was unterscheidet Hooligans und Ultras?

Professor Dr. Andreas Zick:

"Man muss deutlich Hools von Ultras unterscheiden. Ultras sind autonome, hochidentifizierte Fangruppierungen, die sich vor allen Dingen mit ihrem Verein identifizieren, ihn unterstützen und sich in der Regel von Gewaltideologien und anderen politischen Ideologien distanzieren. Ultras haben eine längere Geschichte jetzt seit den 80er-Jahren. Haben sich sehr deutlich antirassistisch geäußert, aber zunächst einmal sind Ultras hochidentifizierte Fans."

Die Polizei teilt Fußballfans in drei Gewaltkategorien ein: A, B und C. Was ist darunter zu verstehen?

Professor Dr. Andreas Zick:

"Es gibt eine Unterscheidung: Die Kategorien A, B und C – das ist aber eine polizeiliche Unterscheidung. Das heißt, hier ist es eine Unterscheidung nach Sicherheitsmaßnahmen.   , die Fans selber vornehmen. Sondern die Polizei hat irgendwann mal eine Statistik  eingeführt, wo sie dann Personen in eine Datei aufnimmt, die einen höheren oder minderen Grad an Gewalt gezeigt haben. Und Kategorie C, das sind Fans, die zu Gewalt neigen, die sind in der Datei drin. A, B, C hilft uns leider überhaupt nicht weiter. Es ist nicht so, dass A und B die Ultras sind und die kippen dann in Kategorie C, die Hooligans. Es gibt auch extreme Ultras, die sich mittlerweile mit Hooligans zusammen verbinden und eigene Gruppen bilden. Also Kategorie C ist dann zynischer Weise auch zu einer Kategorie der Fangruppierungen geworden. Es gibt ja auch die berühmte Band Kategorie C, die ganz offen auch rechtsextrem auftritt. Man macht sich eher über solche Dateien lustig als dass man sie akzeptiert. Ist eine polizeiliche Datei."

Neben den friedlichen Fans der Kategorie A, melden Polizeibehörden in der Saison 2017/2018 für die 1. Bundesliga etwa 4000 Fans der Kategorie B und 1600 der Kategorie C. Knapp 3400 Strafverfahren wurden in diesem Zeitraum bei Spielen der 1. Bundesliga eingeleitet.

Auch aktuell umtreibt die Bremer Polizei ein gewalttätiger Vorfall. Beim Bundesligaspiel Werder Bremen gegen Borussia Mönchengladbach sollen Nazi-Hools in der Ostkurve des Weserstadions gewesen sein. Daraufhin kam es laut Augenzeugen zu Schlägereien mit den Ultras. Auf Anfrage des stern, welche Gruppen sich an den Auseinandersetzungen beteiligten, gibt die Pressestelle der Polizei Bremen "keine weiteren Auskünfte" und verweist auf die "laufenden Ermittlungen".

Wer sind die führenden Köpfe der rechten Bremer Hooligans?

Niklas R.:

"Da gibt es mehrere, die namentlich immer wieder in Erscheinung treten. Am ehesten kann man auf jeden Fall Hannes Ostendorf und seinen Bruder (Henrik, Anm. d. Red.) nennen, die beide in der Band Kategorie C sind. Also auch eine Nazi-Hool-Band. Und die immer wieder bei solche Dingen in Erscheinung getreten sind und da mitgemischt haben. André Sagemann ist zum Beispiel auch eine wichtige Person, der auch lange Zeit ein wichtiger Anführer in der Nazi-Hool-Szene war. Das sind auf jeden Fall Namen, die da sehr bekannt sind."

Experten des Medienprojektes "Recherche Nord" dokumentieren Neonazis seit vielen Jahren und bestätigen die Aktivitäten der Bremer Hooligans.

Warum sind einige Gruppen politisch, andere nicht?

Professor Dr. Andreas Zick:

"Die Gewalt, die man ausübt gegen einen bestimmten Gegner, hat von Beginn an eine hohe Nähe gehabt zu rechtsextremen Ideologien. Die Hooligan-Szene ist von Sozialdarwinismus, Kampf, Recht des Stärkeren geprägt und man brauchte Feindbilder. Wir haben rassistische Hooligan-Szenen gesehen, sexistische, frauenfeindliche – auch das spielt eine große Rolle in der Hooligan-Szene. Auch wenn man das Politische runterspielen wollte, war es durchsetzt von menschenfeindlichen Stereotypen und Vorurteilen, weil man die Feindbilder brauchte. Bevor man loszieht, baut man ein Feindbild auf und dann stellt man den Feind auch so dar, wie man andere Minderheiten in der Gesellschaft darstellt. Man unterschätzt aber immer wieder, dass rechtsextrem politisch eindeutig orientierte Gruppen genau bei den Hooligans versuchen zu fischen. Insofern gibt es eine Wechselwirkung: Man möchte vielleicht in Teilen nicht politisch sein, aber dann wird man eben politisch gemacht."

Was bedeuten die Vorfälle in Chemnitz und Köthen für die rechte Hooligan-Szene?

Niklas R.:

"Ich glaube, die Vorfälle haben gezeigt, dass die rechte Szene zum einen sehr, sehr gut organisiert ist und viele von den Nazis und Nazi-Hools extrem gewaltbereit sind und mit dieser Gewalt haben, glaube ich, viele nicht gerechnet. Und wenn man dann, ich sag mal, "Erfolgserlebnisse" hat, wie die rechte Szene sie in Chemnitz oder Köthen hatte, glaube ich, stärkt das die Szene allgemein und lässt auch viele Leute, die sich jetzt vielleicht nicht unbedingt dazu ermutigen lassen, dass sie sich dann auch hinreißen lassen bei solchen Aktionen mitzumachen."


Professor Dr. Andreas Zick:

"Nachdem wir jetzt die Vorfälle gesehen haben, Chemnitz, Köthen, an vielen anderen Orten, wo die Szene sich doch als sehr lebendig zeigt, auch rekrutiert in anderen Szenen, auch mittlerweile aus Ultra-Gruppierungen (z.B. Kaotic Chemnitz, Anm. d. Red.). Menschen zum Teil einzeln rekrutieren kann, sehen wir, nachdem wir in den 90er-Jahren, nicht nur einen Rückgang sondern auch einen Verlust an Bedeutsamkeit der Hooligan-Szene haben, dass sie sich jetzt über die gesellschaftlichen Entwicklungen, über bestimmte Ideologien, Kampf um den Raum, die eigentlich aus dem politischen Raum kommen, neu definiert und wiedererstarkt. Und wir müssen auch sehen, die Hooligan-Szene als eine Kampfszene ist sehr attraktiv für den Bereich der rechtsextremistischen Milieus. Und das stärkt die Hooligan-Szene wieder. Das heißt, die Idee, die ja viele in der Gesellschaft teilen, "wir müssen jetzt wieder zeigen, wer Herr im Haus ist", das hat eigentlich die Hooligan-Szene radikalisiert, ohne dass es ihnen bewusst geworden ist."

Was ist neu an dieser Entwicklung, was sind die Gefahren?

Professor Dr. Andreas Zick:

"Neu ist, dass wir unterschätzt haben, dass die Hooligan-Szene auch gebildeter geworden ist. Sie ist ja so ein heterogenes Gebilde. Zum Teil sind Menschen drin, die sich eher abseits der Gesellschaft stellen. Sie kommen aus alten Kampfkulturen, aus Subkulturen und pflegen das auch noch. Aber wenn wir uns die neueren Krawalle und Ausschreitungen angucken, wo es Verbindungen gibt dann zu Ideen, die aus der rechtspopulistischen, neurechten oder rechtsextremen Ecke kommen, dann sieht man eines daran, es ist gebildeter geworden. Also auch die Hooligan-Szene hat Personen in ihren Kadern, die mit den Aktionen der Hooligans auf einmal Politik machen und Allianz suchen. Das zweite ist, sie sind in der Kommunikation professioneller. Auch wenn man sich eigentlich gegen eine Vernetzung aussprechen würde, wenn man sagen würde, wir kämpfen hier vor Ort für unsere lokale Dominanz, dann ist man doch relativ gut vernetzt. Und das ist attraktiv. Das bietet auch neue Möglichkeiten, sich zu radikalisieren und das gemeinsam zu tun."

Wie hält die Bremer Fanszene dagegen?

Niklas R.:

"Die Bremer Fanszene ist zu großen Teilen ganz klar antifaschistisch eingestellt. Und ist in solchen Situationen auch wirklich geschlossen dabei, sich dagegen zu wehren. Oder die Werte, die man selber hat, zu verteidigen. Halt einfach deutlich zeigen, dass Nazis und Rassisten in Bremen und im Weserstadion keinen Platz haben. Nicht nur reden, sondern einfach auch Taten folgen lassen, sei es mit Spruchbandaktionen, Aufkleber, die immer wieder verteilt werden, T-Shirts, wo ein klarer Aufdruck gegen Nazis drauf ist. Insofern hebt sie sich vielleicht dann dich ab von vielen anderen Szenen in Deutschland."

Trotz dieses Engagements, stehen Ultras immer wieder in der Kritik. Zum Beispiel wegen des Einsatzes von Pyrotechnik.

Muss sich der Umgang mit Ultras ändern?

Professor Dr. Andreas Zick:

"Und ich glaube, was da noch nicht so richtig gut funktioniert hat, ist, dass wir eine ausbalancierte Wertschätzung von Ultragruppierungen und eine Stärkung der jüngeren Generationen in Ultra-Gruppierungen von Vereins- und Ligaseite haben, die nicht bedeutet, dass man da monetär, mit Geld hinstellt und sagt, "alle Ultras sind gut", sondern, dass man auch nicht kommentiert, wenn Fehler passieren. Wir haben in Deutschland da Gewalt verhindern können, wo unabhängige Fanprojekte als Moderatoren und Mediatoren die Ultra-Gruppierung vor Ort gestärkt haben, die die eigentliche Auseinandersetzung mit politischen, ideologischen oder gewaltbereiten Gruppen austragen müssen. Es ist die Polizei. Es sind in den Kurven aber vor allen Dingen die Ultras. Und die muss man stärken und nicht von außen abwerten, wenn da was nicht gut gelaufen ist."

Niklas R.:

"Gerade Fußball spiegelt das wider. Da kommen Menschen aus allen Ländern zusammen. Sowohl im Stadion, als auch besonders in der Mannschaft. Da spielen ja wirklich aus den verschiedensten Kontinenten die Menschen zusammen in einem Team. Und das zeigt ja auch, wie verbindend Fußball ist. Und da haben die Ultras auf jeden Fall auch eine Verantwortung, die sie nutzen können, diese breite Bühne nutzen können, um ihre Botschaften zu verkünden."

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