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Personeller Aderlass bei RB Leipzig Wie der FC Bayern (wieder mal) einen nationalen Konkurrenten schwächt und warum sich niemand darüber aufregt

Hasan Salihamidzic hat dem aufstrebenden Rivalen aus Leipzig mal kuzerhand den Trainer und die beiden besten Spieler weggekauft
Die alte Bayern-Masche: Hasan Salihamidzic hat dem aufstrebenden Rivalen aus Leipzig mal kuzerhand den Trainer und die beiden besten Spieler weggekauft.
© Ina Fassbender / AFP
Der FC Bayern hat Vizemeister RB Leipzig mal eben den Trainer und die beiden besten Spieler weggekauft – die Taktik der gezielten Schwächung nationaler Konkurrenz kennt man. Doch eines ist diesmal anders: Der Aufschrei bleibt aus.

Erst waren es nur Gerüchte, dann äußerte sich Sportvorstand Hasan Salihamidzic am vergangenen Samstag vor dem Spiel der Bayern gegen Hertha BSC Berlin das erste Mal konkret zum Spieler Marcel Sabitzer ("Wir haben uns schon mit dem Spieler beschäftigt, ja"). Zwei Tage später, am Montag, meldete der FC Bayern Vollzug. Der Mittelfeldspieler wechselt für 15 Millionen von RB Leipzig nach München. Sportlich macht der Transfer Sinn. Sabitzer verstärkt das Mittelfeld der Bayern. Der österreichische Nationalspieler kann als Sechser oder als Achter auflaufen. Im defensiven Mittelfeld hat er zwar mit Joshua Kimmich und Leon Goretzka extrem starke Konkurrenz, aber Trainer Julian Nagelsmann lässt gerne rotieren und für eine lange Saison braucht der FC Bayern eine ausreichend dicke Personaldecke.

Das Wundersame an diesem Transfer ist, dass er so geräuschlos über die Bühne ging. Schließlich ist Sabitzer der dritte Abgang Richtung München innerhalb eines Sommers, den die Leipziger zu verkraften haben. Erst verloren sie ihren Trainer Nagelsmann, dann folgten mit Verteidiger Dayot Upamecano und nun Sabitzer die beiden besten Spieler. Doch ein Aufschrei blieb aus. Der Vizemeister nahm die Abgänge kommentarlos hin, und auch sonst ist bislang keine Stimme aus der Bundesliga zu vernehmen, die die Transferpolitik der Bayern kritisiert. Dabei kann man die drei Wechsel als eine gezielte Attacke der Bayern gegen den stärksten nationalen Konkurrenten betrachten. RB Leipzig ist Vizemeister, ein derartiger Aderlass schwächt die Mannschaft auf jeden Fall – zumindest vorerst.

Früher wurden die Bayern scharf kritisiert für ihre Transferpolitik

Das Vorgehen der Münchner hat Tradition. Als Borussia Dortmund nacheinander Mario Götze, Robert Lewandowski und Mats Hummel nach München lockte, ging das in keinem Fall geräuschlos über die Bühne. Die Absicht der Bayern, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, gute Transfers und Schwächung des Rivalen, wurde besonders bei Götze und Lewandowski von scharfen Tönen durch die Klubbosse begleitet. Und die Taktik funktioniert. Tatsache ist, dass der BVB seitdem den Bayern in seiner Entwicklung hinterherhinkt. Das liegt sicher nicht nur, aber eben auch an dem personellen Aderlass.

Unter der Ägide von Uli Hoeneß haben die Münchner stets Geld und Macht eingesetzt, um sich den Nummer-1-Status zu sichern. Vor dem BVB waren es Werder Bremen und Bayer Leverkusen, die zum Opfer der Angriffe aus München wurden. Vor 20 Jahren kaufte Bayern den aufstrebenden Leverkusenern nacheinander Robert Kovac, Zé Roberto, Michael Ballack und Lucio weg. Nachdem Bremen 2004 Meister geworden war, verloren sie in der Folge Valerien Ismael, Tim Borowski und Miro Klose an die Bayern. Die Wechsel waren dabei immer von Misstönen und Streit begleitet, zu offensichtlich war die Absicht erkennbar, unliebsame Konkurrenz zu schwächen. Sicherlich spielt es ebenfalls eine Rolle, dass die Bayern in der Bundesliga transfermäßig seit Jahrzehnten am Ende der Nahrungskette stehen und die besten Profi am Ende beim FC Bayern landen.

RB Leipzig hat keine Lobby

Warum es aktuell keinen Aufschrei gib, ist vermutlich einfach zu benennen: RB Leipzig, der Retorten-Klub aus dem Vorort  Makranstädt, ist unter Fußball-Fans deutschlandweit ziemlich unbeliebt. Man könnte auch sagen: Sie halten RB Leipzig quasi für die Ursünde des Kommerz-Fußballs. In den Medien hält sich die Begeisterung für die Erfolge in deutlichen Grenzen, so richtig erwärmt sich niemand für die Sachsen. Es gibt die nötige Anerkennung für die sportliche Leistung (2020 Halbfinalist in der Champions League, aktueller Vizemeister), aber nicht mehr. Die Abneigung gegen den FC Bayern ist traditionell seit den Achtzigern gewachsen (genauer: seit Uli Hoeneß 1979 Manager wurde), doch die Ablehnung des Konstruktes RB Leipzig mit Sponsor Red Bull im Rücken ist mindestens genauso so groß. So mancher Fans hätte wahrscheinlich nichts dagegen, wenn die Leipziger wieder von der Bildfläche verschwinden, dann könnte sich wieder voll auf die Bayern einschießen.

Quellen: "Süddeutsche Zeitung", "Frankfurter Allgemeine Zeitung", "transfermarkt.de"

tis

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