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Wolfgang Niersbach und die WM-Affäre Das bizarre Verhalten des DFB-Präsidenten


Wolfgang Niersbach klärt den 6,7-Milionen-Transfer an die Fifa seit dem Sommer intern auf. Sagt er. Doch davon weiß offenbar kaum jemand etwas beim DFB. Der Präsident steht unter Druck. Krise kann er offenbar gar nicht.
Von Wigbert Löer

"Da kommt der Präsident" oder: "Der Präsident wünscht sich dies und jenes" – wenn über den Chef gesprochen wird, hört man Sätze wie diese oft am Sitz des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in Frankfurt am Main. Der DFB-Präsident wird auch als solcher gerufen, so war das immer schon, auch unter seinen Vorgängern. Und so geschieht es auch in der Regierungszeit des Wolfgang Niersbach, 64, der 2012 ohne Gegenkandidaten ins Amt gewählt wurde.

Kritik wurde schon seit Längerem laut an dem Mann, der seit Tagen Schlagzeilen macht. Für Amateurfußball und gesellschaftspolitische Belange, so der Eindruck vieler, engagiere Niersbach sich nicht allzu sehr. Er führe den DFB eher wie der oberste Fan der Nationalmannschaft. Fußball bestehe für ihn vor allem aus großen Namen.

Niersbachs Posten steht zur Debatte

Niersbach war intern nicht wirklich umstritten. Doch die Leute im DFB hatten kapiert, dass es die Nähe zu den Stars war, die Niersbachs Karriere geprägt und überhaupt ermöglicht hat. Und die ihm immer höchst wichtig war.

Vergangene Woche hinterfragte der "Spiegel" die WM-Vergabe 2006 kritisch, berichtete von einer "schwarzen Kasse" und einer dubiosen Millionenüberweisung und brachte Niersbach, damals Vizegeschäftsführer des Organisationskomitees, schwer in die Bredouille. Jetzt geht die Diskussion nicht mehr nur um Akzentuierung seiner Arbeit. Der Vorwurf, Niersbach vernachlässige den Breitensport und wanze sich unnötig an die Nationalelf heran, erscheint nun beinahe unerheblich. Zur Debatte steht inzwischen Niersbachs Posten.

Das liegt auch an Niersbachs Reaktion auf die Enthüllung, dass es 2005 zu der dubiosen 6,7-Millionen-Zahlung an die Fifa durch das deutsche WM-Organisationskomitee kam: 

Der Präsident verweigerte konsequent Antworten auf Fragen zu dem Millionentransfer. Am Montag bei einem PR-Auftritt Niersbachs im Fußballmuseum in Dortmund durften rund 150 Journalisten nicht einmal Fragen zu der Thematik stellen. Schriftlich vorgelegte Fragen der "Süddeutschen Zeitung", der "Frankfurter Allgemeinen" und des stern ließ Niersbach am Montag unbeantwortet. So hatte er es schon einige Tage zuvor mit dem "Spiegel" gehalten. In Zeiten, wo viele im Sport auf Transparenz dringen, macht der DFB dicht. 

Der Präsident behauptete, er lasse den Sachverhalt seit Monaten aufklären, doch diese angebliche Selbstaufklärung kommt inzwischen einer Farce gleich. Seit Sommer wisse er von der 6,7-Millionen-Zahlung und habe "eine interne Untersuchung“ angeordnet, ließ Niersbach die Öffentlichkeit vorigen Freitag wissen. Das klang gut, nur wusste bis zu diesem Tag nicht mal sein eigener Schatzmeister Reinhard Grindel davon. Niersbach outete Grindel damit als eine Art Frühstücksdirektor für Finanzen, der von nichts weiß und den der Präsident außen vor ließ. 

Der Präsident ignorierte offenbar auch den Präsidenten der DFL und weitere hohe DFB-Funktionäre. Ob überhaupt irgendjemand sonst beim DFB von der internen Untersuchung wusste außer Niersbach, ist im Moment ungewiss. Vielleicht bestand Niersbachs monatelange "interne Untersuchung" ja auch nur darin, dass Niersbach selbst sich mit dem Vorgang befasste. Vielleicht hat es diese Untersuchung auch niemals gegeben. Dann hätte der Präsident die Öffentlichkeit vergangene Woche belogen, als die Vorwürfe des "Spiegel" bekannt wurden.

Laut "Bild"-Zeitung wurde der Präsidialausschuss des DFB ebenfalls außen vor gelassen bei der Untersuchung des Präsidenten. Damit wurde zum Beispiel Reinhard Rauball ahnungslos gehalten, der Präsident der Deutschen Fußball-Liga, die Niersbach bisher noch nicht öffentlich den Rücken gestärkt hat; ebenso Niersbachs eigener Generalsekretär Helmut Sandrock und sein "1. Vizepräsident Amateure" Rainer Koch. 

Der Präsident befragte bei seiner Untersuchung die beteiligten Akteure nicht. In der monatelagen internen Untersuchung des Präsidenten wurde die Fifa, die die dubiose Zahlung ja empfangen hat, nach stern-Informationen nicht kontaktiert. Auch Theo Zwanziger, der 2005 als Schatzmeister des WM-Organisationskomitees die Zahlung in Auftrag gegeben hatte, wurde von Niersbach oder von einem anderen DFB-Vertreter in dieser Sache nicht befragt.

Blatter-Nachfolge in weiter Ferne

Vor Kurzem noch wurde Wolfgang Niersbach immer wieder als potenzieller Nachfolger für diese höchsten Ämter des internationalen Fußballs ins Spiel gebracht, als Chef der Uefa oder der Fifa. Die Posten in Zürich und Nyon scheinen im Moment in weite Ferne gerückt. Der Präsident klebt jetzt an seinem Sessel in Frankfurt.


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