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Paris: Die Marianne schreit und weint

Die Niederlage der französischen Equipe hat die Fans an der Seine tief enttäuscht. Nachdem in der Hauptstadt Paris alles für die Siegesfeier vorbereitet war, mussten die perplexen Anhänger unverrichteter Dinge wieder abziehen.

Nur einige zehntausend bedrückte Fußballfans bevölkerten in der Nacht zum Montag die Pariser Prachtstraße Champs- Elysées - statt der bei einem Finalsieg der "Bleus" erwarteten ein bis zwei Millionen. Zutiefst enttäuscht zogen die Anhänger nach Hause. Nur vereinzelt krachten Knallkörper oder zischten Feuerwerkskörper in den Himmel über der Stadt.

Unbewegt blickten die Pariser dann morgens in der Metro auf dem Weg zur Frühschicht in ihre Zeitung: Statt zu den Waffen rief das Sportblatt "L'Equipe" - in Abänderung der "Marseillaise"-Hymne - zum Heulen auf: "Aux larmes citoyens". Überall mischte sich Fassungslosigkeit über Zinédine Zidanes Fehlverhalten mit dem Frust über den verpassten Titel.

"Wir sind sehr traurig"

Als grausam wurde das Ergebnis auf den Champs-Elysées angeprangert. "Wir sind sehr traurig", sagten drei Freunde, die Trikolore noch vor sich her tragend. "Sie haben sich so gut geschlagen, wir sind stolz auf sie", fügte der aus Algerien stammende Khaled (23) trotzig an.

Wortlos brachte das Boulevardblatt "France Soir" die Gefühlslage der Franzosen auf den Punkt: Eine vor Wut und Enttäuschung schreiende Marianne - das weibliche Nationalsymbol Frankreichs - zierte das Titelblatt. Frankreich müsse wohl oder übel jetzt auf den Boden der Tatsachen zurück, meinte "Libération": "Das Land verliert mit Zinédine Zidane einen Star, ohne einen zweiten Stern (als Weltmeister) zu gewinnen."

"Zidane wollte den Stier spielen"

Nur italienische Wahl-Pariser hatten allen Grund, die Nacht durchzufeiern. Jubelnd und tanzend schwenkte eine kleine Gruppe Italiener auf den Champs-Elysées die Nationalflagge und feierte ihre "Squadra Azzurra". In Giuseppes Trattoria di Sapri im 18. Arrondissement von Paris freut man sich vor allem über eines: "Zidane wollte den Stier spielen. Er hat uns damit den vierten Weltmeistertitel geschenkt."

Wie konnte sich der Ausnahmespieler gegen Marco Materazzi zu dem Kopfstoß hinreißen lassen, der Frankreich vielleicht den zweiten WM- Titel nach 1998 gekostet hat? Auch das algerische Dorf, aus dem Zidanes Familie stammt, verstand die Heißblütigkeit nicht: "Stolz und Würde sind natürlich wichtig, aber trotzdem", schüttelte Patron Farid im Café Zizou in Taguemount traurig den Kopf. "Es haben doch so viele alle Hoffnung in ihn gesetzt." Ohne ein Wort zu sagen kehrte Zidanes Bruder Djamel dem überfüllten Café nach der roten Karte für "das Genie, den Magier, den Gott Zidane" einfach den Rücken.

"zum Glück ist auch dieser Mann nicht vollkommen"

"Das ist nun das letzte Bild vom Fußballer Zidane", wandte sich "L'Equipe" direkt an ihn: "Wie kann das denn einem Mann wie Ihnen passieren?" "Dumm", "blödsinnig", "nur schwer zu entschuldigen": Medien und Fans waren sich einig, dass Zidane sich ein gutes Stück weit selbst vom Sockel geholt hat. Das kleine Regionalblatt "La Montagne" gehörte zu den wenigen, die Nuancen setzten: "Zum Glück ist auch dieser Mann nicht vollkommen, der Fußballgott ist vor allem ein Mensch aus Fleisch und Blut, mit Schwächen, wie wir sie alle haben."

Einen Monat lang konnte das zur Depression neigende Frankreich mit Zidane träumen. Jetzt wacht es mit einem Kater auf und hat wieder nur Präsident Jacques Chirac vor Augen, den es nach allen Umfragen nicht mehr im Elysée-Palast sehen will. Doch Fußball dient den Politikern. So war Chirac zum Endspiel nach Berlin gereist, aber auch die linke Hoffnungsträgerin Ségolène Royal. Schon vor dem Finale hatte Chirac die "Bleus" für Montag zum Lunch in seinen Elysée-Palast eingeladen. Anders als 1998 konnten die Fans Zizou und Co. allerdings nicht auf den Champs-Elysées feiern, obwohl das zuvor durchaus im Gespräch war.

Allein in Paris waren 3000 Polizisten im nächtlichen Einsatz, 1000 mehr als für das Halbfinalspiel gegen Portugal. Innenminister Nicolas Sarkozy wollte erneute schwere Ausschreitungen im Keim ersticken. Die Niederlage kühlte allerdings auch die Krawallmacher ab. Von einigen Scharmützeln und brennenden Autos abgesehen, überwog die Tristesse - versetzt mit Stolz, es unerwartet doch so weit gebracht zu haben.

Hanns-Jochen Kaffsack/DPA / DPA

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