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Public Viewing: Der Party-Hit der WM

Sie vermittelten das Bild des fröhlichen Deutschlands in die ganze Welt: Die fröhlich-kreativen Fanfeste - neudeutsch: "Public Viewing" - waren die Überraschung der WM. Nur folgerichtig, dass sich die Klinsmann-Elf am Sonntag auf der Berliner Fanmeile feiern lässt.

Vor der WM kannte den Begriff "Public Viewing" so gut wie niemand. Doch das gemeinsame Mitfiebern beim öffentlichen Fußball-Gucken auf großen Videowänden geriet zum Massenphänomen und zu DER Überraschung des WM-Sommers 2006. Wie magnetisiert strömten bunt kostümierte Fans auf die abgesperrten Plätze. Rund 15 Millionen waren es allein auf den offiziellen Festen des Weltverbands FIFA in den zwölf Spielorten. Aus der "Notlösung" für Schlachtenbummler ohne teures Stadionticket wurde schnell ein Partyhit. Wegen der Begeisterungswelle mussten viele Areale erweitert werden. Manche Städte erwägen schon eine Neuauflage bei der WM 2010.

In Berlin mehr als sieben Millionen Besucher

Von einem "Riesenerfolg" schwärmt auch WM-Cheforganisator Franz Beckenbauer. "Ich hätte mir nie träumen lassen, dass sich bis zu einer Million Menschen auf der Fanmeile mitreißen lassen, miteinander zu reden und zu feiern." Diesen Spitzenandrang hatte die bundesweit größte Partyzone in Berlin erlebt, als die deutschen Titelträume im dramatischen Halbfinale gegen Italien platzten - der "Fanblock" zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule zog seit der Eröffnung kurz vor WM-Beginn mehr als sieben Millionen Menschen an. Mit dem "kleinen Finale", dem Endspiel und dem Abschiedsbesuch der deutschen Elf am Sonntag soll die Acht-Millionen-Marke noch erreicht werden.

Meist Überfüllung

Aus allen Nähten platzten die Fanmeilen bei Spielen der DFB-Kicker auch in anderen Städten - immer wieder mussten Eingänge wegen großen Andrangs geschlossen werden. In Hamburg lockte das Fanfest auf dem Heiligengeistfeld schon vor den letzten beiden Spielen 1,4 Millionen Fußballfans an - gerechnet hatten die Macher mit einer Million für das gesamte Turnier. In München waren die Besucherzahlen doppelt so hoch wie erwartet: Bis vor dem Abschlusswochenende kamen fast 900.000 Menschen. "Wir sind überrollt worden nicht nur von Fußballfans, sondern auch von Partyfreunden", sagte der Chef des Olympiaparks, Wilfrid Spronk.

Überraschend friedlich

Angesichts des vierwöchigen Massenandrangs bei den Fantreffen fällt die Bilanz der Sicherheitskräfte insgesamt positiv aus. Die Polizei, die mit tausenden Beamten die Feste sicherte, war selbst überrascht, wie entspannt trotz Hitze und großen Gedränges gefeiert wurde. Selbst alkoholisierte Enthusiasten zogen zumeist friedlich ab und kämpften auch ihre Enttäuschung nach dem zerplatzen Finaltraum überwiegend zivilisiert nieder. Die Polizei meldete nach dem verlorenen Halbfinalspiel gegen Italien bundesweit nur wenige hundert Festnahmen.

In Hannover, wo bis zum Finalwochenende 450.000 Besucher kamen, denken die Verantwortlichen schon "ernsthaft" über eine mögliche Wiederholung des Fanfestes bei der WM 2010 nach. Bei diesem Turnier blieb die Begeisterung nicht nur auf die WM-Städte begrenzt. So strömten im bayerischen Augsburg mehr als 100.000 Besucher zu einer 22 Quadratmeter großen Videowand in der Messe. Wo für das Fußball- Erlebnis Eintritt verlangt wurde, war der Andrang aber teils geringer. In Bremen musste ein kommerzielles TV-Stadion vorzeitig die Zelte abbrechen.

Bild des fröhlichen Deutschland

Maßstäbe setzten die Fanfeste auch in punkto Kreativität. Mit Girlanden, als Bikini gewundenen Deutschlandfahnen, großen Hüten und fantasievollen Bemalungen zogen Fans die Blicke auf sich - das Bild eines fröhlichen Deutschlands ging um die Welt. Die kollektiven Gesänge spiegelten Freude und Leid der Fans. Aus den Rufen "Wir fahren nach Berlin" und "Fii-naa-le!" wurde schließlich "Wir fahr'n nach Stuttgart". Nach dem dortigen Spiel um Platz drei verabschiedet sich die Klinsmann-Elf an diesem Sonntag von ihren Millionen Unterstützern - mit einem Dankeschön auf der Fanmeile in Berlin.

Sascha Meyer und Jutta Schütz/DPA / DPA

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