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WM-Zwischenbilanz: "Bürokraten-Fußball" und Kartenflut

Die Achtelfinals sind vorbei, das Teilnehmerfeld reduziert. Viele der Favoriten sind weiter, doch beglückten sie die Zuschauer nicht gerade mit schönem Fußball. Rekorde wurden nur abseits des Platzes aufgestellt.

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft haben alle sechs angetretenen WM-Champions den Vormarsch ins Viertelfinale geschafft, doch selbst bei den südamerikanischen Ballzauberern hat sich der ergebnisorientierte Zweck-Fußball durchgesetzt. Wie bei der Endrunde 1998 in Frankreich bestimmt auch diesmal das europäische Establishment mit sechs Vertretern (England, Deutschland, Frankreich, Italien, Portugal und Außenseiter Ukraine) das Geschehen. Es fordert bei der Parade der Weltmeister von Freitag an die favorisierten Großmächte Argentinien und Titelverteidiger Brasilien heraus. Diese 6:2-Konstellation hatte es vor acht Jahren ebenfalls gegeben.

Die Leistungsträger der beiden Südamerikaner verdienen ihr Geld überwiegend in Europa, wo die Clubs längst einen von Taktik und Vorsicht geprägten Ergebnis-Fußball spielen. Den beherrschen dadurch inzwischen auch Brasilianer und Argentinier. "In den Geschichtsbüchern wird nicht vom schönen Fußball erzählt, sondern von den Champions", begründete Brasiliens Coach Carlos Alberto Parreira den Pragmatismus der Kicker vom Zuckerhut. Die brasilianischen Medien bescheinigen der "Seleção" inzwischen gar "Bürokraten-Fußball" und zitieren die Italien-Legionäre Cafu und Kakà so, dass bei der WM das Vorwärtskommen "wichtiger als Spektakel" sei. Englands Coach Sven- Göran Eriksson brachte es auf den Punkt: "Holland hat gut gespielt, Ghana, Spanien, die Elfenbeinküste auch. Aber wo sind sie: zu Hause."

Torflaute bei der WM

Die Folgen sind wenig Klasse und Tor-Ebbe. Die im Schnitt 2,35 Treffer nach 56 der 64 Spiele sind die zweitniedrigste Treffer-Quote der WM-Historie. Nur 1990 in Italien (2,21) wurde noch weniger getroffen. "Ab Achtelfinale gibt es keine Experimente mehr. Da muss jedes Team voll gehen, um zu gewinnen", hatte Fifa-Chef Joseph Blatter gehofft - vergeblich. Gegenüber der Vorrunde (2,52) ging die Trefferzahl noch weiter zurück. Dabei geriet das nach 120 tor- wie niveaulosen Minuten erst im Elfmeterschießen entschiedene Achtelfinale Schweiz - Ukraine zur schlechtesten Begegnung der WM.

Innovation auf dem Fußball-Platz, wie von namhaften Trainern vor Turnierbeginn erhofft - Fehlanzeige. Starke Außenseiter wie Ghana und Australien gefielen durch erfrischenden Fußball, scheiterten aber gleich in der ersten K.o.-Runde an den taktisch gewiefteren Teams aus Brasilien und Italien. Alle anderen Afrika- und auch die 2002 bei der Heim-WM so starken Asien-Vertreter waren schon vorher gescheitert.

Karten-Rekorde

Spieler wie Schiedsrichter sorgten im Zusammenspiel für einen Superlativ im negativen Sinn: 25 Platzverweise bedeuten schon vor den letzten acht Spielen WM-Rekord (bisher 1998: 22 nach Turnier-Ende). Auch die Zahl der Verwarnung steuert auf eine Höchstmarke zu: Mit bisher 272 Verwarnungen ist bereits vor Beginn der Viertelfinals am Freitag der Gelbe-Karten-Rekord von 2002 eingestellt. Einhellig ist die Kritik an den Schiedsrichtern, deren Karten-Flut auch in den strikten Vorgaben des Weltverbandes Fifa ihre Ursache hat.

Abseits des Fußball-Platzes ist die zweite Endrunde in Deutschland nach 1974 eine WM der Rekorde. 2 878 605 Besucher (Schnitt: 51 404) sorgten für den zweitbesten Besuch nach 1994 in den USA (68 991) und eine Riesen-Euphorie im Gastgeberland. Unerwartete Dimensionen haben die Fanfeste erreicht. "Die 18. Weltmeisterschaft wird noch lange für diese einzigartige Begeisterung und Leidenschaft stehen", lobte Fifa- Präsident Blatter. Zu den 15 offiziellen Fanfesten in den 12 WM- Städten kamen bisher schon über elf Millionen Menschen. Kalkuliert hatte die Fifa mit rund acht Millionen Zuschauern für die ganze WM.

Auch die Zahl der Fernsehzuschauer, die bis zum WM-Ende am 9. Juli hochgerechnet mehr als 30 Milliarden geschätzt wird, wächst in unerreichte Höhen. "Wir haben einen Rekord nach dem anderen", erklärte Dominik A. Schmid vom Schweizer Rechteinhaber Infront. In großen europäischen Fußball-Ländern wie Frankreich, Italien, Spanien, den Niederlanden und Deutschland seien die Einschaltquoten gegenüber der WM 2002 in Südkorea/Japan um 50 bis 70 Prozent gestiegen.

Thomas Prüfer/DPA / DPA

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