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WM 2006: Hooligans on Tour

Die Polizei muss nicht nur mit seligen Betrunkenen und einheimischen Randalierern fertig werden. Echte Sorgen bereitet die Reiselust ausländischer Gewalttäter zum "Battlefield Germany".

Mehr Taschendiebe, mehr Trickdiebe, mehr aufgebrochene Autos - das ist einkalkuliert. Auch Menschenhandel und Prostitution werden ansteigen, befürchten die Sicherheitsbehörden. Relativ kleine Fische im Vergleich zum schlimmsten Fall: Neo-Nazis machen mobil, ein Anschlag des internationalen Terrorismus erschüttert die Fußball-WM in Deutschland. 50 Tage vor dem WM-Start ist der "Ernstfall Fußball-WM" längst bis ins Allerkleinste durchgeprobt. Dabei stellen sich die Sicherheits-Experten immer mehr auf ein ganz spezielles, altbekanntes "Gefährdungs-Potenzial" ein: Ein "Hooligan- Tourismus" könnte auf die WM zurollen.

Gewalt-Fans nicht nur aus Deutschland

Vorsicht ist geboten. Das Potenzial der Gewalt ist da - innerhalb und außerhalb der Grenzen. Der WM-Sicherheitsapparat schaut deshalb nicht nur auf die Gewalt-Fans aus deutschen Landen, die die WM-Städte unsicher machen könnte, sondern setzt intensiv auf internationale Zusammenarbeit. So hat sich in Osteuropa eine neue Gewalt-Szene entwickelt, die nach Experten-Meinung zu erheblichen Befürchtungen Anlass gibt. Konrad Freiberg, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, glaubt: "Die werden wir kennen lernen." Deutschland spielt in der Vorrunde gegen Polen in Dortmund.

Krawallmacher könnten trotz aller Vorsichtsmaßnahmen aus Großbritannien einreisen. Zwar sind etwa 4000 vorbestrafte Fußball-Fans von der Insel mit einem Ausreiseverbot belegt worden. Erstmals werden englische Bobbys auf deutschem Boden für Recht und Ordnung sorgen, um zu verhindern, dass englische "Hooligans" Krawall in Deutschland machen. Aber reicht das alles? Gegenwärtig werden Hinweise überprüft, dass gewaltbereite Hooligans aus Großbritannien mit einem Umweg über Polen die Einreiseverbote zur WM in Deutschland umgehen könnten.

Niederländer sind "Weltmeister der fröhlichen Feier"

In den Sicherheitsvorkehrungen der deutschen WM-Behörden heißt es: "Unabhängig von den jeweiligen Spielpaarungen kann davon ausgegangen werden, dass es zu Störungen unter Beteiligung ausländischer, insbesondere europäischer Problemfans, kommen wird. Problemfan-Potenzial von außereuropäischen Nationen ist erfahrungsgemäß von geringer Relevanz." Das vereinte Europa ist also das eigentliche Problem. Dabei gelten Fans aus den Niederlanden - im Vereinsfußball oft rabiat - als harmlos, ja geradezu als "Weltmeister der fröhlichen Feier", was die Nationalmannschaft angeht. Doch es gibt immer auch Ausnahmen.

Brennpunkte sind die 12 WM-Städte. In den Stadien wird die Gewalt- Gefahr noch am geringsten sein. Zehntausende Fußballanhänger aus Europa und der Welt werden aber WM-Spiele auf Großbildflächen auf Partymeilen in den Innenstädten verfolgen. Meist sind dies harmlose Fußballfans, die mitfiebern und ihre Mannschaft unterstützen. Aber der unkalkulierbare Rest? Da genügt möglicherweise schon ein Funke der Gewalt, um ein Chaos auszulösen. "Phänomene gruppendynamischer Gewalt", nennen das die Fachleute.

7000 deutsche Gewalttäter unter Beobachtung

Unter den 48 WM-Vorrundenpartien wird es drei oder vier geben, bei denen in besonderem Maße aufgepasst werden muss", sagt Direktor Michael Endler, Leiter der Zentralen Informationstelle Sporteinsätze (ZIS) im Landeskriminalamt Düsseldorf. Als bundesweite "Hooligan- Zentrale" hat die ZIS etwa 7000 deutsche Gewalttäter in ihrer Kartei, die in den vergangenen Jahren bei Sportveranstaltungen unangenehm aufgefallen sind. Sie werden mit polizeilichen Meldeauflagen und Platzverweisen unter Kontrolle gehalten, wie es heißt.

Insgesamt aber soll Deutschland während der WM vom 9. Juni bis zum 10. Juli auf keinen Fall ein Hochsicherheitstrakt werden, wenn die Welt "zu Gast bei Freunden" ist. Sicherheit hat höchste Priorität, aber bei "betont offenem, tolerantem und freundlichem Verhalten" der Polizei, so die Sicherheitsbehörden.

Schreckliche Erinnerungen an die WM 1998

In grausiger Erinnerung sind die Bilder der WM 1998 in Frankreich, als deutsche Hooligans den französischen Polizisten Daniel Nivel so brutal zusammenschlugen, dass er noch unter den gesundheitlichen Folgen leidet. Kein Wunder also, dass gerade in Deutschland alles zur Vorbeugung gegen Gewalt getan wird. Aber wenn es doch dazu kommt?

Einige Bundesländer haben angekündigt, kurzen Prozess mit Gewalt-Fans zu machen. Richter und Staatsanwälte sollen Sonderschichten fahren oder Bereitschaftsdienste leisten, um beschleunigte Verfahren einzuleiten. Wenn es dann der Abschreckung dient, so ist auch dies aus Sicht der Behörden als "vorbeugende Maßnahme" zu verstehen.

Klaus von Elmpt/DPA / DPA

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