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WM 2010: Löw vor dem Spiel gegen Ghana Mehr Freude als Angst


Joachim Löw strahlt vor dem "Endspiel" am Abend gegen Ghana viel Entspanntheit aus. Der Bundestrainer vertraut seiner WM-Mannschaft. Deshalb ist er auch ein Risiko eingegangen.
Von Klaus Bellstedt, Johannesburg

Es ist eigentlich unglaublich, welche Ruhe und Gelassenheit Joachim Löw ausstrahlt. Der Bundestrainer wirkt vor dem Alles-oder-nichts-Spiel der deutschen Nationalmannschaft am Mittwoch gegen Ghana in "Soccer City" fast ein bisschen so, als wäre er gerade in Südafrika im Arbeitsurlaub. Stets gut gelaunt, fast immer mit einem Lächeln auf dem sonnengebräunten Gesicht, Löw ist der Mr. Cool. Lässig und locker, so gibt sich der Bundestrainer am liebsten.

Man muss sich das einmal vor Augen führen: Sollte Deutschland das dritte Vorrundenspiel bei dieser Fußball-WM verlieren, bedeutet es das Aus, den größten anzunehmenden WM-Unfall einer deutschen Nationalelf. Mit einem Sieg dagegen ist alles in Ordnung. Das Achtelfinale war ja erwartet worden. Mehr Anspannung könnte nicht sein. Mehr Druck geht nicht. Wer möchte da schon mit Joachim Löw tauschen? Aber der Bundestrainer möchte gar nicht tauschen. Der 50-Jährige liebt solche Situationen.

Positive Angespanntheit

"Mir macht das Spaß. Spiele, in denen es um alles geht, das ist genau mein Ding, da bin ich wirklich in meinem Element. Gegen Russland in der WM-Qualifikation, gegen Portugal im EM-Viertelfinale oder gegen Österreich in der Vorrunde bei der EM 2008, das sind Situationen, die ich liebe. Alles oder nichts." Joachim Löw mag den ganz großen Wettkampf. Für ihn ist das eine "Gefühlssache, die ich schwer beschreiben kann". Man könnte meinen, dass er sich diese entscheidende Partie zum Abschluss der WM-Gruppenphase fast schon gewünscht hätte. "Die ganze Nation schaut zu, die Welt schaut auf so ein Spiel. Das ist eine positive Anspannung für mich", sagt Löw.

Angespanntheit ja, aber deshalb gleich die Entspanntheit verlieren? Mitnichten! Joachim Löw ist bei dieser WM, in die die deutsche Mannschaft mit einem Sieg und einer Niederlage gestartet ist, die Gelöstheit in Person. Nur selten verliert er seine Lockerheit. So wie beim 0:1 gegen Serbien, wenn er merkt, dass alles gegen seine Mannschaft läuft. Dann wirft er mit Wasserflaschen um sich und flucht laut. Aber das bleibt die Ausnahme.

Keinen Gedanken an ein WM-Aus verschwenden

Für Gedanken an ein Ausscheiden seiner Mannschaft, das aller Voraussicht nach sein Ende als Bundestrainer wäre, ist im Kopf von Joachim Löw kein Platz. "Ich empfinde mehr Freude als Angst." Einem Journalisten rief er am Tag vor dem "Endspiel" gegen Ghana zu: "Ich werde ihnen auch am Donnerstag noch als Bundestrainer begegnen." Das nennt man mal gesundes Selbstvertrauen.

Apropos Selbstvertrauen in die eigene Stärke: Bei der Vorbereitung auf das Match gegen Ghana ist Löw ein kleines Risiko eingegangen. Eine zweistündige Busfahrt nach Johannesburg zum Abschlusstraining in "Soccer City" erschien dem Bundestrainer als zu stressig für die Mannschaft. Deshalb wurde am Dienstag wie üblich in Atteridgeville in der Nähe des Quartiers geübt. Es passt irgendwie zu Löw, dass er sich dieses Risikos auch bewusst ist. Er sagt selber, dass es "vielleicht ein kleiner Vorteil ist, vorher schon mal in diesem Stadion gewesen zu sein".

Auf das eigene Spiel konzentrieren

Wer sich die Partie Brasilien gegen Elfenbeinküste im größten WM-Stadion Südafrikas in Johannesburg angeschaut hat, der konnte deutlich erkennen, dass die Bälle im "Soccer City Stadium" wie Flummies auf dem Pausenhof abgesprungen sind. Zuschauer und Reporter im Stadion wundern sich immer wieder über die unnormale Flugbahn des Spielgeräts. Der niederländische Kapitän Mark van Bommel schimpfte nach einem Spiel seiner Mannschaft über den "betonharten Rasen", der die Bälle extrem schnell machen würde. Ein kleiner Trainingskick in "Soccer City" hätte dem DFB-Team sicher gut getan, könnte man meinen. Aber Joachim Löw geht seinen Weg. Er vertraut seinen Spielern. Er wird es besser wissen.

Über den Gegner Ghana verliert Löw nur wenige Worte. Er erwartet die Afrikaner "nicht zu offensiv". Sie würden bestimmt viele "1:1-Situationen suchen" und überhaupt, er findet, dass Ghana "einen sehr körperbetonten Spielstil" pflege. Sagt Löw solche Sätze, kann man wenig Feuer in seinen Augen erkennen. Das sind für den Bundestrainer Pflichtaufgaben. Das Feuer kehrt erst zurück, wenn es um seine eigene Mannschaft geht: "Das Spiel wird meinem Team nicht nur mental alles abverlangen." Sein Gesichtsausdruck ist plötzlich wieder angespannt, aber dabei trotzdem milde und freundlich. Joachim Löw, der "Mr. Cool" weiß: Es kommt etwas Großes auf ihn und die deutsche Nationalmannschaft am Abend in Johannesburg zu. Und: Er freut sich darauf am meisten.

P.S.: Wie wird das Deutschland-Spiel gegen Ghana ausgehen? Diskutieren Sie das Thema auf Fankurve 2010, der Facebook-Fußballfanseite von stern.de.


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