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Einzelspieler, Liga, Standards: Was England und Belgien so stark macht – und was Deutschland von ihnen lernen kann

Die WM 2018 geht in die erste entscheidende Phase. Während einige Favoriten straucheln, begeistern zwei Geheimfavoriten mit frischem Angriffsfußball. England und Belgien sind stärker denn je und dafür gibt es gute Gründe. 

England und Belgien gehören zu den Titelfavoriten bei der WM 2018

Spaß und Spielkultur: England und Belgien überzeugen bislang bei der WM. 

Die Weltmeisterschaft in Russland konnte auch am zweiten Spieltag nicht immer mit fußballerischer Klasse aufwarten. Die großen Favoriten tun sich schwer gegen stark verteidigende Underdogs und körperlich robuste Mannschaften.

 Alle Favoriten? Nein. In der Gruppe G formiert sich ein kleiner Widerstand. Die ewigen Geheimfavoriten England und Belgien gehen gegen den Trend der WM und begeistern die geschundene Fußballseele mit Offensivspektakeln. Zufall ist das nicht, wenn man sich die Spiele der Teams genauer anschaut. Aus den ewigen Geheimfavoriten werden ernsthafte Titelanwärter.

Stars in WM-Form, das Mannschaftsgefüge stimmt

Einer der entscheidenden Unterschiede zwischen Belgien, England und dem Rest ist, dass ihre Stars abliefern. Harry Kane (5 Tore) und Romelu Lukaku (4 Tore) grüßen von der Spitze der Torjägerliste, sind sofort da, wenn sie gebraucht werden.

Schlüsselspieler wie Hazard, de Bruyne oder auf englischer Seite Dele Alli spielen eine andere Rolle als im Verein, ordnen sich dem anderen System unter, ohne dabei die individuelle Klasse zu verlieren. Die Mannschaften schöpfen ihre Kraft aus der Teamleistung, die aber gezielt darauf aus ist, die Schlüsselspieler in Szene zu setzen. Ein wichtiger Aspekt, der Lionel Messi in der argentinischen "Albiceleste"  oder Thomas Müller auf deutscher Seite bislang komplett abhanden gegangen ist.

Ebenfalls ein wichtiger Faktor für die starken Leistungen der beiden Länder ist die Premier League. Bei den "Three Lions" spielen alle in der heimischen Liga, bei Belgien ist es der unersetzbare Kern der Mannschaft aus Hazard, de Bruyne und Lukaku. Sie sind es gewohnt gegen tief verteidigende Mannschaften anzulaufen, Lücken zu finden und auszunutzen. Und das auf hohem Niveau. In Deutschland und Spanien ist das nicht anders, in England geschieht das allerdings auf einem konstant hohen Niveau und bei höherem Tempo.

Standards als tödliche Waffe – Der große Faktor des englischen Spiels

Es hat sich viel verändert in der englischen Nationalmannschaft. Altstars wie Rooney oder Hart sind nicht mehr dabei, Trainer Gareth Southgate vertraut auf die Jungen und lässt einen offensiven Fußball spielen. Dabei besinnt er sich auch auf eine altbewährte Stärke der Engländer: Ecken und Freistöße. Im neuen Gewand mit teilweise skurillen Methoden, aber mit grandiosem Erfolg. 

Die Bilanz: Sechs Standardtore nach zwei Partien. Ein simples Mittel, aber gegen tiefstehende Gegner eine erfolgsversprechende Taktik, wenn sie eben perfekt einstudiert ist. Im Laufe des Turniers könnte die Standard-Stärke eine entscheidende Rolle spielen.

Kein Erfolgsdruck von den Medien, der Spaß ist zurück

Wer die englische Nationalmannschaft während der Turnier-Vorbereitung verfolgt hat, der wird bemerkt haben, dass die Stimmung der Fans in diesem Jahr anders ist. Die Anhänger, die sonst vor jedem Turnier euphorisch den Titel einfordern, waren dieses Mal zurückhaltender. Keine Rede vom WM-Finale, kein Erwartungsdruck. Man will sich überraschen lassen. Der Mannschaft tut das sichtlich gut, sie spielen befreit auf. Gareth Southgate sagte vor dem Turnier, ihm sei es vor allem wichtig, dass seine Mannschaft Spaß habe und diesen Spaß auch auf den Platz übertrage.

In Belgien gibt es zwar einen gewissen Erfolgsdruck, der allerdings deutlich geringer als in Deutschland oder in Brasilien ist. Der Nachbarstaat fühlt sich wohl in der Rolle des Geheimfavoriten. Auf die Spieler hat auch das einen spürbaren Effekt, die Belgier sind in Spiellaune und vertrauen auf ihre eigenen Stärken, ohne die hohen Erwartungen der ganzen Nationen tragen zu müssen.

Was Deutschland von Belgien und England lernen sollte

Die deutsche Nationalmannschaft wirkt nach wie vor hinten zu anfällig, vorne zu harmlos. Vor dem nächsten Spiel gegen Südkorea sollte der Trainerstab um Jogi Löw mal einen Blick in die Gruppe G werfen und den Matchplan um drei wichtige Dinge erweitern, die England und Belgien in den ersten Spielen perfektioniert haben. Das wichtigste Kriterium sollte sein, den Spielspaß wieder zu finden. Trotz des ganzen Drucks, der auf dem Team lastet, kann die Mannschaft nur zu ihrem Spiel finden, wenn der Kopf frei ist. Dann werden auch die individuellen Fehler abnehmen und die kreativen Elemente wiederkehren. 

Auch die wichtigen Schlüsselspieler wie Thomas Müller, Mesut Özil und Toni Kroos müssen schauen, dass sie mehr Zugang zum Spiel erhalten. Sie müssen akzeptieren, dass sie im DFB-Trikot eine andere Rolle als im Verein inne haben, diese Rollen annehmen und ihr den eigenen Stempel aufdrücken. Ähnlich wie es Kevin de Bruyne bei Belgien vormacht. Die Standards müssen kreativer werden. England macht es vor, Deutschland sollte es nachmachen. Bei dieser WM können Ecken und Freistöße Spiele entscheiden. Toni Kroos hat genau das gegen Schweden eindrucksvoll bewiesen.

Gerade gegen tief stehende Mannschaften ein probates Mittel, die Kopfballstärke der Inneverteidiger optimal in Szene zu setzen. Gegen die körperlich deutlich unterlegenen Südkoreaner sollte sich "Die Mannschaft" etwas einfallen lassen. Jeweils acht Ecken gegen Schweden und Mexiko konnte Deutschland verbuchen. Gefährlich war davon keine einzige. Etwas, das sich im Laufe des Turniers dringend ändern muss, wenn die Mission Titelverteidigung erreicht werden soll.

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