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WM-Vorbereitung: "Die sichersten Orte Deutschlands"

Gut ein Jahr vor der Fußball-Weltmeisterschaft sind die Weichen für die Sicherheit der Fans gestellt: Bundesinnenminister Otto Schily hat das nationale Sicherheitskonzept vorgestellt - Lücken gibt es aber immer noch.

Die Fußballweltmeisterschaft 2006 gilt als größte Herausforderung an die Sicherheit in Deutschland seit 30 Jahren, glaubt der hessische Innenminister Volker Bouffier. Zu den 64 Spielen der 32 Nationalmannschaften erwarte Deutschland 3,2 Millionen Zuschauer. Doch Bundesinnenminister Otto Schily verspricht: "Die Fußballstadien werden die sichersten Orte in der Bundesrepublik Deutschland sein". Mit dem nationalen Sicherheitskonzept, das Schily heute vorstellte, wird die WM im Sommer 2006 zu einer Art Hochsicherheits-Veranstaltung. Das von Bund und Länder erarbeitete Maßnahmenpaket soll vor allem Krawalle und Ausschreitungen verhindern.

Pass-Entzug für "Problemfans"

Allein das Potenzial deutscher "Problemfans" belaufe sich zurzeit nach Angaben des baden-württembergische Innenministers, Heribert Rech, auf etwa 10.000 Personen. Dementsprechend will Schily bei Gewalttätern und Hooligans ganz auf das Prinzip null Toleranz setzen. Dabei würden alle rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft. Dies reiche von Passentziehung bis hin zur Gewahrsamnahme. In der Datei "Gewalttäter Sport" seien rund 6.200 Personen gespeichert. Zudem habe der Deutsche Fußballbund gegen rund 2.370 Personen ein Stadionverbot ausgesprochen. Um mögliche Auseinandersetzunge im Keim ersticken zu können, sollen außerdem zwischen 200 und 220 ausländische Beamte die einzelnen Fangruppen im Auge behalten. Noch offen sei allerdings, ob das Schengen-Abkommen, das einen weitgehend unkontrollierten Reiseverkehr in Europa ermöglicht, während der WM ausgesetzt werde, so Schily.

Doch mit der Überwachung der Hooligans ist es längst nicht getan. Brennpunkte seien weniger die Stadien, als vielmehr die Innenstädte, Bahnhöfe und verabredete Ausweichorte. So soll unter anderem die Videoüberwachung auf öffentliche Plätze ausgeweitet werden. Auch bei Fan-Partys, wo Zehntausende die Spiele auf Großbildleinwänden verfolgen, soll die Technik eingesetzt werden. Wie dicht das Netz der Kameraüberwachung genau werden soll, müsse allerdings jeder einzelne der zwölf Austragungsorte entscheiden, so Schily. Die Grünen warnten dagegen vor einem unverhältnismäßigen Umgang mit der neuen Überwachungstechnik.

Sicherheit ja, Polizeistaat nein

Befürchtungen, die umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen könnten die erhoffte positive Stimmung beeinträchtigen, versuchte Schily aber gleich zu zerstreuen: "Wir werden das so gestalten, dass kein Besucher den Eindruck hat, er lebe in einem Polizeistaat. Wir werden dafür sorgen, dass es bei einer fröhlichen Atmosphäre bleibt." So sei auch das Erheben von biometrischen Daten wie beispielsweise die Abgleichung von Fingerabdrücken vor Ort, wie es die "Berliner Zeitung" gemeldet hatte, nicht Bestandteil des WM- Sicherheitskonzeptes, versicherte der Vorsitzende der Innenminister-Konferenz, Heribert Rech (CDU).

Im Kampf gegen gewaltbereite Fußballanhänger wird stattdessen vor allem die Zusammenarbeit in- und ausländischen Sicherheitsbehörden intensiviert. Für die deutsche Polizei wird vom 9. Juni bis 9. Juli 2006 zudem eine Urlaubssperre gelten. Allein beim Bundesgrenzschutz seien 35.000 Beamte betroffen, sagte Schily. Koordiniert wird das Ganze dann von einem Nationalen Informations- und Kooperationszentrum (NICC). Das Zentrum soll täglich ein nationales Lagebild zur Sicherheit erstellen.

Sicherheitslücken beim Polizeifunk

Die Deutsche Polizeigewerkschaft befürchtet jedoch trotz der Maßnahmen Sicherheitslücken. Vor allem die mangelhaften Ausstattung mit Digitalfunk bereitet den Polizisten sorgen. Die Gefahr, dass sich die Polizei bei der äußerst angespannten Sicherheitslage während der WM wegen veralteter und instabiler Funktechnik nicht optimal verständigen könne, sei nicht zu unterschätzen, sagte der Bundesvorsitzende Wolfgang Speck am in Berlin.

Ein anderer Schwachpunkt des Konzepts: die Kosten für den enormen Aufwand an Sicherheitsvorkehrungen. Diese belaufen sich laut inoffiziellen Schätzungen derzeit auf mehrere hundert Millionen Euro. Schätzungen, die Schily allerdings für unseriös hält. Der Innenminister versicherte aber, dass der Gewinn auf jeden Fall weit höher als der Aufwand sei. Zudem hätten sich Bund und Länder aber auf die Verteilung der Kosten geeinigt. "Jeder trägt für den Einsatz die Kosten, für die er verantwortlich ist", so der Minister.

AP/DPA/Reuters / AP / DPA / Reuters

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