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Athen 2004 Deutsche Hoffnungen: Duelle mit offenem und geschlossenem Visier

Bei ihren Gefechten muss Imke Duplitzer eine Eisenmaske mit einem dichten Gitternetz tragen. Doch abseits der Planche kämpft die 28 Jahre alte Fechterin stets mit offenem Visier.

Bei ihren Gefechten muss Imke Duplitzer eine Eisenmaske mit einem dichten Gitternetz tragen. Doch abseits der Planche kämpft die 28 Jahre alte Fechterin stets mit offenem Visier. Ihr scharfzüngiges, selbstironisches und vor allem schlagfertiges Wesen entspricht mehr dem feinen Florett, als ihrer eigentlichen Waffe, dem taktischen Degen. "Ich bin durch eine harte Schule gegangen, ob zu Hause oder im Training. Fechten ist viel Psychologie", sagte die Zeitsoldatin, deren Bewerbung einst von der Polizei mit der Begründung "Sprach- und kommunikationsgestört" abgelehnt wurde.

Das Trauma von Sydney

Wer sie nur kurz erlebt hat, kann über diese krasse Fehleinschätzung nur den Kopf schütteln. Imke Duplitzer redet nicht nur viel, sondern auch schnell und hat dabei einiges zu erzählen. Eine der größten deutschen Medaillenhoffnungen für die Olympischen Spiele in Athen hat ihre eigenen Ansichten über Toleranz, Moral, Homosexualität und vertritt diese offensiv. So spricht sie offen über ihre bisherigen olympischen Erfahrungen, die sie selbst einmal als "Trauma ihrer Karriere" bezeichnete. Bei den Spielen 2000 in Sydney vergab sie im Mannschafts-Viertelfinale als Schlussfechterin gegen Russland noch eine klare Führung.

"Ich habe dagestanden, und es war dunkel. So stelle ich mir Sterben vor", sagte die mehrfache Gesamt-Weltcupsiegerin damals. Doch ein olympisches Trauma hat Imke Duplitzer deswegen nicht davongetragen. "Ich hatte lange dran zu knabbern, aber das ist jetzt abgehakt." Im Oktober 2003 hatte sie großen Anteil am Gewinn der Silbermedaille, als sie wiederum als letzte Fechterin das Halbfinale gegen Estland siegreich gestaltete.

Fünf Kilo für Athen

Für die Spiele in Athen hat sie im Kraftraum fünf Kilo zugelegt. "Ich bestehe nur noch aus Beinen und Kreuz. Ich bin dazu verdammt, im Erkan-und-Stefan-Look herumzulaufen", sagt sie lachend. Zwar gibt sie zu, "ein kleines bisschen nervöser als vor einer WM" zu sein, doch Imke Duplitzer hat schon zu viel erlebt, um sich verrückt machen zu lassen. "Ich versuche das ganze so normal wie möglich anzugehen. Ich mache den Sport schon seit 15 Jahren, da muss ich wissen, was gut für mich ist", meint die Vize-Weltmeisterin von 2002.

Diese Gelassenheit kann wohl zeigen, wer Jahre des Kämpfens auch neben der Planche hinter sich hat. "Ich bin im Grunde sehr moralisch. Das ist eines der größten Probleme, die ich im Leistungssport habe", sagte sie und bezieht oft und gerne Stellung. "Was mich im Leistungssport ankotzt: Wie werbe ich jemanden ab? Diese Doppelmoral, Hauptsache man wird gut bezahlt und verkauft als Vorbild alles", nennte sie die Dinge deutlich bei Namen. Für (fast) keinen Preis der Welt würde die Heidenheimerin in die Konkurrenz-Hochburg Tauberbischofsheim wechseln. Als Teamkollegin Claudia Bokel diesen Schritt vollzog, kühlte die Freundschaft merklich ab.

Bekenntnis zur Lebensgefährtin

Keine Frage, Imke Duplitzer hat eine gehörige Portion Selbstvertrauen, das sie der Gegnerin auf der Planche auch mal gerne durch Blicke und Gesten demonstriert. Doch der Weg dahin war gezeichnet durch "jahrelange Schläge", erinnert sich die Europameisterin von 1999. "Ich bin für jeden Scheiß erwischt worden. Da gewöhnt man sich ein dickes Fell an."

Durch ihre Lebensgefährtin hat sie einiges gelernt: "Erst meine Freundin hat mir so etwas wie Streitkultur beigebracht." Wenn Eli Imke zum "Ball des Sports" ins feine Baden-Baden begleitet, nehmen die beiden noch immer Tuscheleien und abfällige Blicke wahr. "Jeder ist seines Glückes Schmied", sagt Imke Duplitzer über ihr Outing, zu dem sie auf ihrer Homepage Stellung bezieht. Ein lesbisches Vorbild will sie nicht sein, sich aber weiter einsetzen. "Ich möchte einfach, dass jeder den anderen akzeptiert, wie er ist", wünscht sie sich. Ohne Visier, ohne Maske.

Marc Zeilhofer/DPA

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