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Athen 2004 stern-Serie: Die Olympischen Spiele

Im August kehrt das größte Sportspektakel nach Athen zurück: Die olympischen Spiele. 1896 wurde hier der antike Körperkult wieder zum Leben erweckt, alle vier Jahre messen sich seither die besthen Athleten der Welt.

Als der Pferdebursche aus Maroussi ins gleißende Marmor-Stadion einbog, hielt es selbst Ihre Majestät Georg I. nicht mehr auf dem königlichen Hintern. Der Herrscher aller Griechen sprang auf, eilte dem Marathon-Ersten Spiridon Louis entgegen und begleitete ihn unter tosendem Beifall auf den letzten Metern ins Ziel. "Wie um das Delirium des Volkes zu unterstreichen, nahmen der Kronprinz und sein Bruder den Sieger hoch und trugen ihn auf den Armen zum Umkleideraum", schrieb bewegt ein gewisser Baron Pierre de Coubertin angesichts dieser Verbrüderung von Hochadel und gemeinem Volk.

Kein schlechter Einstand für ein internationales Festival der Leibesübung, das besagter französischer Baron ins Leben gerufen hatte und in dem die legendären Olympischen Spiele der griechischen Antike wieder aufleben sollten. Angeblich hatte ein Soldat hier in Athen fast 2500 Jahre zuvor sterbend den Sieg der Griechen über die Perser verkündet, nachdem er 40 Kilometer vom Schlachtfeld bei Marathon herbeigehetzt war. Auf diesem historischen Boden vereinte jetzt im April 1896 ein 23-jähriger Bauernsohn "Vergangenheit und Zukunft auf so ergreifende Weise", wie Coubertin weiter notierte.

Teilnehmen wichtiger als Siegen

Die Olympischen Spiele der Neuzeit waren geboren. Neben dem Automobil, der Glühbirne, der Impfpflicht gegen Pocken und einem zähnefletschenden Nationalismus hatte die zivilisierte Welt nun endlich auch ihr großes Sportfest, bei dem, so predigte Coubertin, Teilnehmen wichtiger als Siegen und die Völkerverständigung oberstes Ziel sein sollte.

Anspruch und Wirklichkeit jedoch klafften vom ersten Tag an auseinander. Viele von Coubertins Landsleuten, die noch immer schwer an der Niederlage gegen das preußische Deutschland im Krieg von 1870/71 litten, waren gegen jede "Verbrüderungsduselei". Sie fürchteten, dieser "Internationalismus" werde "das Heimatland zerstören". Umgekehrt wurden deutsche Turner vor der Abreise nach Athen als Vaterlandsverräter beschimpft. Wollten sie doch bei etwas mitmachen, das einer dieser heimtückischen Franzosen ins Leben gerufen hatte.

Bei den Olympischen Spielen nahm der Erbfeind Rache

Die Franzmänner revanchierten sich. Bei den zweiten Olympischen Spielen in Paris, vier Jahre später, beschmierten Chauvinisten die Unterkunft der Deutschen mit Parolen wie "Schweine! Nieder mit Preußen! Es lebe Frankreich" - und das Bett eines Turnfunktionärs sogar mit Fäkalien. Auch im Wettkampf nahmen sie am Erbfeind Rache. Hatten die Deutschen das Turnen in Athen klar beherrscht, kam ihr Bester im Mehrkampf nur auf Platz 29. Vor ihm lag das gesamte französische Aufgebot - zumindest in den Augen des ausschließlich französischen Kampfgerichts.

Auch wenn Coubertin "Uneigennützigkeit" als Grundlage seines Sportideals beschwor, spielte Materielles vom ersten Tag an eine Rolle für die Olympioniken. Viele Sportler hätten gern Geldpreise, klagte der Baron schon vor Beginn der Spiele. Und das erste offizielle Protokoll des Olympischen Komitees von 1896 hielt fest: "Hoteliers, Schneider, Friseure und andere Gewerbetreibende veröffentlichten Zeitungsanzeigen, in denen sie versprachen, dem glücklichen Sieger des Marathonlaufs gratis für eine gewisse Zeit oder sogar lebenslang ihre Dienste zur Verfügung zu stellen, falls er Grieche sei."

295 Sportler aus 13 Ländern waren nach Athen gekommen. Frauen fehlten. Vier Jahre später in Paris machten erstmals elf weibliche Athleten mit - bei mehr als 1000 männlichen Startern. In den frühen Spielen bis zum Ersten Weltkrieg blieb dieses schreiende Missverhältnis bestehen. Viele der würdigen Herren des Internationalen Olympischen Komitees hielten schwitzende - Pardon! - transpirierende oder halbwegs entblößte weibliche Körper für irgendwie degoutant. Ein Journalist schlug in seinem Bericht über das Pariser Endspiel im Damentennis den Ton an, der im Frauensport bis heute mitschwingt: "Das größte Kompliment, das man der siegreichen Miss Cooper machen kann, ist, dass sie ebenso gut spielt wie ein Mann. Ihre französische Konkurrentin, Mademoiselle Prévost, war ihr zwar unterlegen, aber doch viel graziöser!"

Kein grosses Medieninteresse

Der Medienrummel hielt sich insgesamt noch in Grenzen. Zehn Journalisten schickten in Athen ihre Depeschen aus dem Stadion an die Heimatredaktionen. Mindestens drei von ihnen waren ganz dicht dran am Geschehen, weil sie gleichzeitig als Olympioniken um Medaillen kämpften. Acht Fotografen knipsten, sechs von ihnen Griechen.

In den fünf Olympischen Spielen von 1896 bis 1912 tasteten sich Coubertin und seine Mitstreiter an ein verbindliches, sportlich sinnvolles Programm erst langsam heran. So kam es, dass anfangs leicht bizarre Übungen die Wettkampfpalette bereicherten, zum Beispiel eine Kombination aus Weittauchen und Luftanhalten. Sehr beliebt waren Diskus- und Speerwurf sowie Kugelstoßen mit beiden Armen. Einmal rechts, einmal links. Der Versuch mit dem schwächeren Arme fiel dabei meist eher linkisch und dürftig aus. Doch die Sportpädagogen von damals sahen in dieser Kombination ein treffliches Mittel, der muskulären Kräftigung nur einer Körperhälfte entgegenzuwirken.

Politisches Tauziehen

Ein Höhepunkt der Spiele war stets das Tauziehen. Es übersetzte eins zu eins das permanente Streben der Staaten vor dem Ersten Weltkrieg, die Überlegenheit der eigenen Nation gegenüber den anderen Ländern zu beweisen. Die Regeln waren einfach: Gewonnen hatte das Team, das die starken Kerls der gegnerischen Mannschaft über eine Markierung zog. Verboten war, Löcher in den Boden zu graben, um sich besser einstemmen zu können.

Als Rohrkrepierer selbst in diesen Wildwest-Tagen der Spiele muss das Kanonenschießen gelten, das bei den Spielen von Paris als einmaliger Demonstrationswettbewerb im Wald von Vincennes widerhallte. Es siegt Frankreich I vor Frankreich II und Frankreich III. Auch das Schießen auf fliegende Tauben mit der Schrotflinte verschwand schnell wieder, doch da hatten in Paris bereits 300 gefiederte Freunde ihr Leben gelassen. Ebenso wenig trauerten wahre Sportsfreunde dem wettkampfmäßigen Drachensteigen nach, dem Fass-Lauf oder dem Fahrrad-Polo. Dagegen wurden unter allgemeinem Lob mehrmals Goldmedaillen an stadionferne Sportler verliehen: an Bergsteiger, die in den vorhergangenen vier Jahren alpinistische Großtaten vollbracht hatten.

Die gröbste Verirrung in den Pubertätsjahren Olympias passierte jedoch 1904 in St. Louis mit den so genannten Anthropologischen Tagen. Die ersten Spiele auf amerikanischem Boden waren schon in sich problematisch. Wie schon in Paris stellten sie nur das sich über mehrere Monate hinschleppende Anhängsel einer gleichzeitig stattfinden Weltausstellung dar. Der olympische Funke konnte in diesem Veranstaltungswirrwarr so wenig überspringen wie vier Jahre zuvor. Auch damals hatten viele Athleten gar nicht mitbekommen, dass der Wettbewerb, in dem sie starteten, ein Kampf um olympische Medaillen war.

Chauvinist und Rassist

Außerdem hieß der starke Mann hinter den St.-Louis-Spielen James E. Sullivan. Der Präsident des Amerikanischen Athletik-Verbandes war wie viele seiner Zeitgenossen ein Chauvinist und Rassist reinster Prägung. Es störte ihn nicht, dass von den nicht einmal 600 teilnehmenden Sportlern der größte Teil aus den USA kamen. Denn er war fest davon überzeugt, dass im Sport keine andere Nation die USA auch nur annähernd erreichen könne. Mit weißer Herablassung gestanden die Organisatoren von St. Louis den so genannten Naturvölkern ihr eigenes Mini-Olympia innerhalb der Spiele zu. An ihren Anthropologischen Tagen durften die "Wilden", von Pygmäen bis Pawnee-Indianern, auf mitleiderregende Weise bei Übungen wie Stangenklettern, Steinwerfen oder Hindernislauf die Stärke ihrer Kultur und ihrer Fitness zeigen.

Die meisten waren völlig untrainiert. So zockelte der beste Pygmäe im 100-Yard-Sprint nach 14,6 Sekunden ins Ziel. Einzig das "affenartige" Stangenklettern der Afrikaner fand Gnade vor den Augen des weißen Mannes. Sullivans Kommentar: "Die ganze Veranstaltung beweist eindeutig, dass der Wilde bisher in athletischer Hinsicht weit überschätzt wurde." Von seinem Sinn für Höheres, etwa Organisationsfähigkeit, gar nicht erst zu reden.

"Diskriminierende Anthropologische Tage"

Im Lacrosse-Turnier, einem Ballspiel, das in St. Louis auf dem Programm stand, ging ein Team Kanada B an den Start. Es bestand aus Mohawk-Indianern mit so schönen Namen wie "Bügeleisen", "Regen im Gesicht" oder "Mann, der Seife fürchtet" und wurde Letzter. Ganz klar, meinte Sullivan, denn "eindeutig zeigte sich der Mangel am nötigen Verstand, der eine Mannschaft und ihr Zusammenspiel erfolgreich macht". Zur Ehrenrettung von Pierre Coubertin ist zu sagen, dass der Baron aus einem unguten Vorgefühl den Spielen von St. Louis fernblieb und die Anthroplogischen Tage "diskriminierend" nannte.

Zur Genugtuung für alle Menschen anderer als weißer Hautfarbe war der wohl größte Athlet vor dem Ersten Weltkrieg dann der Indianer Jim Thorpe. Auch Thorpes Landsmann Ray Ewry war ein Ausnahmetalent. Der "Gummimensch", wie ihn die Amerikaner bewundernd nannten, war als Fünfjähriger an Polio erkrankt. Um seine halb gelähmten Beine zu stärken, begann er noch im Rollstuhl mit Krafttraining und packte im Lauf der Jahre auf seine Muskeln so viel drauf, dass er mit 20 höher und weiter sprang als alle gesunden Altersgenossen. Von 1900 bis 1908 gewann er insgesamt zehn Goldmedaillen in den damals sehr populären Sprungübungen aus dem Stand. Ohne Anlauf kam er 3,47 m weit, 1,65 m hoch und schaffte rein mit Schnellkraft 10,58 m im Dreisprung. Während seiner gesamten Karriere verlor er nicht einen einzigen Wettbewerb. Ewry war von seinen Hüpfern so besessen, dass er sogar einen Weitsprung aus dem Stand rückwärts kreierte, ohne allerdings Nachahmer zu finden - immerhin landete er verkehrt rum bei 2,82 m.

Weil Leistungssport und athletische Spezialisierung erst am Anfang standen, gab es Olympioniken, die querbeet antraten und sogar siegten. Der Hamburger Friedrich Adolph Traun war als Leichtathlet nach Athen angereist. Doch er schied über 800 m im Vorlauf aus. Zum Glück hatte er einen Tennisschläger dabei und sprach gut Englisch. So konnte ihn der Ire John Boland in einer Kneipe dazu überreden, mit ihm Doppel zu spielen. Paarungen gemischter Nationalität waren damals noch zugelassen. Der überragende Boland, der auch das Einzel gewann, zog Traun zur Goldmedaille mit.

Langsame Schlacken-Pisten waren der letzte Schrei

Um die Leistungen der frühen Olympioniken richtig zu würdigen, muss man den Zustand ihrer Sportstätten bedenken. Langsame Schlacken-Pisten, auf denen kein heutiger Athlet antreten würde, waren damals gerade der letzte Schrei. Coubertin schrieb begeistert aus Athen: "Die zentrale Piste ist nicht mehr staubig. Es handelt sich vielmehr um eine Aschenbahn, die modernste Errungenschaft eines Engländers."

Dort verblüffte der Amerikaner Thomas Burke als Sieger des 100-Meter-Laufs Konkurrenz und Zuschauer. Er lief nicht geduckt los wie die anderen, sondern mit dem heute allgemein gebräuchlichen Tiefstart. Ein Konkurrent praktizierte eine besonders aparte Variante. Er stützte seine Arme auf zwei 30 Zentimeter langen Stöckchen ab, die er beim Wegrennen dann hinter sich warf - er verfehlte die Zuschauer, aber auch den Endlauf. Wer einen Fehlstart hinlegte, durfte weitermachen, allerdings um einen Strafmeter zurückversetzt.

Mit der Strömung zu Bestzeiten

Richtig rustikal ging es bei den Schwimmern zu. Olympia-Historiker Volker Kluge schildert die Wasserspiele von Athen: "Das Schwimmen fand in der seichten Bucht von Zea in Piräus statt. Die Strecke wurde durch auf dem Wasser schwimmende hohle Kürbisse markiert. Das Startsignal erfolgte über 100 Meter durch einen Pistolenschuss, bei den längeren Strecken, die aus einer Bucht im Saronischen Golf begannen, durch einen Kanonenschuss vom Ufer aus. Die Wassertemperaturen betrugen nur zwölf bis 13 Grad; der Wellengang beeinträchtigte die Zeiten. Auf dem Kopf wurde eine farbige Kappe getragen, die eine Bommel aus Kork hatte, damit sie beim Abfallen nicht unterging." Vier Jahre später, in Paris, schwamm man in der Marne. Superzeiten. Doch die waren mehr der starken Strömung des Flusses als dem Armzug der Athleten zu verdanken.

1908 in London konnten die Schwimmer endlich von Wind und Wogen unbedrängt ihre Wettkämpfe austragen. Das olympische Becken war im Innenraum des eigens für die Spiele errichteten Stadions installiert. Bei den nächsten Spielen, in Stockholm, gingen erstmals Frauen ins Wasser, sehr zum Missvergnügen des ältlich werdenden Coubertin. Die britische Weltrekordstaffel schlüpfte dabei in skandalöse Badeanzüge. Nass ließen sie deutlich die Brustwarzen durchschimmern. Das mag zum ausnehmend starken Zuschauerandrang beim Damenschwimmen beigetragen haben. Um das Schlimmste zu verhüten, hatte das Deutsche Olympische Komitee seinen vier Mädels eine Anstandsdame mitgeschickt, was aber nicht verhinderte, dass das Quartett die Silbermedaille gewann.

Training galt als unfair und nicht gentlemanlike

Noch war sich die olympische Familie nicht einig darüber, ob zum Wettkampf auch hartes Training gehöre. Besonders die britischen Oberschichtsportler sahen gezieltes Üben als fast unfair und auf gar keinen Fall gentlemanlike an, etwa so proletenhaft, wie beim Tennis den Ball dorthin zu spielen, wo der Gegner nicht stand. Die Amerikaner hingegen wollten schon damals siegen und nochmals siegen. Dafür waren sie auch bereit zu schwitzen. Sie räumten denn auch von Anfang an, besonders in der Leichtathletik, die Medaillen ab. Was den französischen Sportjournalisten Gustave de Lafreté 1900 in Paris zu dem Kommentar verleitete: "Es ist ein weiter Weg bis zur Qualität der Muskeln, dem Reichtum an Blut, der Wissenschaft des methodischen Trainings und dem sportlichen Mut, den der prächtige Menschenschlag aus der Neuen Welt aufzuweisen hat." Außerdem war diese Neue Welt seiner Meinung nach nicht so verlottert wie das Alte Europa der Belle Epoque: "Diese jungen amerikanischen Leute zeigen in ihrem Leben eine Moral, die der unsrigen ganz allgemein überlegen ist."

Ebenso in der Schwebe war die Frage nach der richtigen Betreuung und Ernährung der Athleten. Wie abenteuerlich da die Vorstellungen waren, zeigen am besten die Marathonläufe, die stets dramatische Höhepunkte bei den frühen Spielen setzten. Schon Spiridon Louis setzte auf eine eigentümliche Diät und siegte trotzdem: "Am Wege stand mein späterer Schwager Kontos und streckte mir einen Becher Wein und ein rohes Ei entgegen. Ich schlürfte das Weinchen im Laufen und fühlte mich gestärkt."

Rattengift, rohe Eier und Cognac

In St. Louis half dem späteren Sieger Thomas Hicks, dass der starke Kubaner Carvajal unterwegs Äpfel und Birnen von den Bäumen pflückte, die seine Verdauung, aber nicht seine Leistung steigerten. Ähnlich daneben lag vier Jahre später der Südafrikaner Charles Hefferon. Er war als Favorit gestartet, schlürfte auf der Strecke Champagner und wäre wegen Magenkrämpfen beinahe auf ihr geblieben. Schließlich wurde er angesäuselt doch noch Zweiter. Hicks selbst gewann seinen Lauf auch nur durch ein Wundermittel. Mehrmals verabreichten ihm seine Begleiter nach Schwächeanfällen eine kleine Dosis des Rattengifts Strychnin, verrührt mit rohem Eiweiß oder Cognac. Außerdem begossen sie ihn mit heißem Wasser aus dem Kessel ihres Dampfautomobils. Hicks überlebte und erreichte mit sechs Minuten Vorsprung das Ziel. Da es noch keine Doping-Regeln gab, war er ein würdiger Olympiasieger.

Mit den allseits gelobten Spielen von Stockholm 1912 schien Olympia den Kinderschuhen entwachsen. An ein paar Ecken musste zwar noch gefeilt werden: Die Ringkämpfe etwa dauerten bis zum Schultersieg, und so standen sich zwei der Athleten geschlagene elf Stunden gegenüber. Vom späteren Sieger ist der Satz überliefert: "Wenn es sein muss, kämpfe ich bis Weihnachten!"

Zielfotografie und elektrische Zeitmessung zur Unterstützung der Handstopp-Uhren erlebten ihre Premiere. Auch das berühmte Motto war bereits geprägt: "Teilnehmen ist wichtiger als siegen." Allerdings nicht, wie oft behauptet, von Coubertin, der es dann gern verwendete, sondern durch den Bischof von Pennsylvania. Er hatte bei der Eröffnungsmesse für London 1908 in der St.-Pauls-Kathedrale den Teilnehmern zugerufen: "Bei diesen Spielen ist es nicht wichtig zu gewinnen, sondern dabei zu sein."

Erste Sponsoren

Der Kamerahersteller Hasselblad sicherte sich die alleinigen Rechte für die fotografische Betreuung der Spiele von Stockholm. Ein richtungsweisender Schritt genauso wie der Ausrüstervertrag, den die amerikanische Firma Spalding mit tatkräftiger Hilfe von James E. Sullivan bereits früher dem US-Team aufgedrängt hatte.

Europas gekrönte Häupter fühlten sich zwar immer noch irgendwie als von Gottes Gnaden. Doch auch sie benahmen sich der neuen weltweiten Bewegung gegenüber manierlich, selbst wenn sie verdächtig nach demokratischer Egalität roch. Immerhin war der geistige Vater der Spiele ein Baron, und das internationale Volk der Sportsfreunde hatte es bislang nicht am nötigen Respekt fehlen lassen. So war 1896 in Athen die Fechtkonkurrenz angehalten worden, als der König und der Kronprinz verspätet eingetroffen waren. Nach kurzer Beratung entschied man, die bisherigen Gefechte zu annullieren und alles von vorn anzufangen. Ihre Majestäten sollten in den Genuss des gesamten Wettbewerbs kommen. Als 1908 in London das königliche Haus den dringlichen Wunsch äußerte, dem Start des Marathonlaufs von der Ostterrasse des Schlosses Windsor beiwohnen zu können, erfüllte das IOC auch dieses allerhöchste Ansinnen. Eigentlich sollte der Kurs bis in Londoner Stadion nur 40 Kilometer lang sein. Von Windsor bis dorthin waren es aber genau 42,195 km. Diese seltsame Distanz wurde 1921 für immer festgeschrieben.

Kunst-Olympiade war kein Renner

Pierre Coubertin konnte zufrieden sein, hatte er sich in Stockholm doch auch noch einen alten Wunsch erfüllt. Getreu dem antiken Ideal vom Einklang zwischen Geist und Körper strebte der Baron schon immer parallel zum Sport eine Kunst-Olympiade für Dichter, Musiker und Bildende Künstler an. 1912 wurde sie Wirklichkeit (und sollte sich bis 1948 müde durch die olympische Geschichte schleppen).

Coubertin gewann sogar eine Medaille, wenn auch unter falschem Namen. Platz eins in Poesie belegte eine Ode an den Sport in deutscher Sprache: "O Sport, Du bist der Friede! Du Göttergabe! Du Lebenselexier!" Verfasser der literarischen Götterspeise waren angeblich die Herren Hohrod und Eschbach. Jahre später gab Coubertin zu, er sei der wahre Urheber. Deutsch habe er, der Franzose, geschrieben, um die feindlichen Nachbarn Frankreich und Deutschland zu versöhnen. Da Coubertin aber nicht ausreichend Deutsch konnte, deutet viel darauf hin, dass die Ode von seiner Schwiegermutter, einer deutschsprachigen Elsässerin, verfasst wurde. Hohrod und Eschbach sind Orte im Elsass.

Politik zerstörte den olympischen Geist

Laut Beschluss des IOC sollten die Spiele 1916 in Berlin stattfinden. Nicht einmal die Franzosen hatten dagegen gestimmt. War die olympische Friedensvision Coubertins mehr als ein frommer Wunsch? Die Zukunft sollte seinen Idealismus grausam widerlegen. Schon belauerten sich Europas Großmächte, Deutschland rüstete seine Flotte auf, um mit England gleichzuziehen. Frankreich wollte das Elsass wiederhaben. Und auf dem Balkan kämpften Griechen, Serben und Bulgaren zusammen gegen das bröckelnde Osmanische Reiche, später genauso erbittert gegeneinander. Finnland wollte nicht länger russische Provinz sein, und in der k.-u.-k.-Monarchie drängten vor allem die Tschechen auf Unabhängigkeit.

In Stockholm war man dem Streben der Tschechen und Finnen auf olympischem Boden halbwegs entgegengekommen - der erste in einer langen Reihe sportpolitischer Kompromisse des IOC. Beide Nationen durften mit eigenen Mannschaften einmarschieren, jedoch unter neutraler Fahne mit der Inschrift: Mens sana in corpore sano. Im Sport hatte man den Frieden so noch einmal bewahrt. Doch als zwei Jahre später der österreichische Thronfolger in Sarajewo ermordet wurde, gingen mit dem Ersten Weltkrieg nicht nur für Europa die Lichter aus, sondern auf lange, blutige Jahre auch für Olympia.

Teja Fiedler / print

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