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Leichtathleten: Wachablösung der US-Stars

Jeremy Wariner ist der erste weiße amerikanische 400-m-Olympiasieger seit 1964. Eine neue Generation füllt die Lücke, die durch Designersteroid THG und die Doping-Hexenküche Balco entstand.

Die Konfusion auf der Anzeigetafel des Olympiastadions "Spyridon Louis" bei der Siegerehrung des 400-m-Laufs der Männer war ein Sinnbild. Gold für Derrick Brew, Silber für Otis Harris und Bronze für Jeremy Wariner stand dort in Leuchtbuchstaben. In Wirklichkeit gewann das neue Runden-Phänomen Wariner vor Harris und Brew. Sie gehören einer neuen, aber nicht nur in Athen noch unbekannten Leichtathleten-Generation made in USA an. Sie preschen in die Lücke, die durch den Skandal um das Designersteroid THG und die Doping-Hexenküche Balco gestoppten Stars wie Torri Edwards, Kelly White, Jerome Young oder Tim Montgomery hinterlassen haben.

"Sehr stolz auf diese Burschen"

"Es ist doch eine Sensation für die Leichtathletik, dass ein weißer Läufer wieder mal die 400 Meter gewonnen hat", freute sich Helmut Digel, der für Marketing zuständige Vizepräsident des Weltverbandes IAAF. Der 20-jährige Wariner aus Irving (Texas) lief in Athen mit 44,00 Sekunden die achtbeste jemals erzielte Zeit und erwies sich als würdiger Nachfolger seines großen Vorgängers und Förderers Michael Johnson. "Ich bin sehr stolz auf diese Burschen", meinte Johnson nach dem Dreifach-Erfolg. Dies gelang den US- Rundenläufern insgesamt zum vierten und 1988 zum letzten Mal.

"Es ist besser gelaufen, als ich zuvor gedacht habe. Die Plätze eins, zwei, drei zu erreichen ist einfach unglaublich", sagte Wariner nach dem "Sweep". Für ihn, den ersten weißen amerikanischen 400-m- Olympiasieger seit Mike Larrebee 1964 in Tokio, ist es erst der Anfang einer vermeintlich großen Karriere. Das Fundament dafür ist für seinen Trainer Clayde Hart, der schon Michael Johnson zu Olympiasieg und Weltrekord führte, optimal: "Einer seiner Vorteile ist, dass er ein Rennen perfekt gestalten kann."

"Ich habe Gold und bin erst 20 Jahre alt"

Dass Waringer im Athen-Finale nur hauchdünn die 43-Sekunden- Schallmauer verfehlte, bekümmerte das Supertalent nicht: "Warum soll ich enttäuscht darüber sein? Ich habe Gold und bin erst 20 Jahre alt. Alles andere kommt noch." Dies gilt nicht nur für seine Mitläufer Harris und Brews, mit denen er am Sonntag im Staffel-Finale sicher das zweite Gold im Vorbeilaufen abholen will. "Ich bin ganz aufgeregt, wenn ich an die Zukunft denke", sagte Otis Harris (22).

Ähnlich hoffnungsvoll können auch der neue Sprint-König Justin Gatlin, die Olympia-Zweite über 100 m, Lauryn Williams, oder über 200 m Allyson Felix (18) nach vorn schauen. "Gatlin kann einer wie Carl Lewis werden. Er liebt und braucht den Druck", sagte sein US-Coach Trevor Graham. Für den jüngsten Sprint-Olympiasieger seit James Hines 1968 sind solche Sätze keine Last. "Das ist eine Ehre, wenn man mich mit Carl vergleicht", so der 22-jährige Gatlin.

Sprint-Veteran Maurice Greene schlägt sich wacker

"Wir haben eine Reihe von vielversprechenden Talenten", sagte Craig Masback, Chef des amerikanischen Leichtathletik-Verbandes USATF. Nach dem Doping-Beben hofft er wieder auf eine glanzvolle neue Ära. "Die Newcomer müssen hinter den breiten Schultern von Jesse Owens, Wilma Rudolph oder Carl Lewis hervorkommen, aber dies beunruhigt sie nicht", meinte Jim Scherr, Sportdirektor des Nationalen Olympischen Komitees der USA (USOC).

Widerstand gegen den Ansturm der Jung-Stars kündigte zumindest Sprint-Veteran Maurice Greene an. Der 30-jährige Olympiasieger von 2000 wurde von Gatlin und Co. als "SlowMo" verspottet, blieb ihm als Dritter von Athen auf den Fersen. "Ich werde es den Jungen schwer machen, an mir vorbeizukommen", erklärte Greene.

Von Andreas Schirmer/DPA

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