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Europawahl 2019: Der Tag, an dem die Grünen die SPD endgültig verdrängten? Eine Analyse

Womöglich wird dieser Wahlsonntag einmal als historisch bezeichnet werden: als der Tag der Wachablösung, an dem die Grünen die SPD endgültig verdrängten. Bei der nächsten Bundestagswahl heißt die Hauptkonkurrenz: Grüne gegen Union.


Annalena Baerbock und Robert Habeck mit den Grünen im Hoch - die SPD stürzt derweil ab

Annalena Baerbock und Robert Habeck mit den Grünen im Hoch - die SPD stürzt derweil ab (Hinweis: Das Bild stammt aus dem Januar 2018)

DPA

Ein kleiner Bruch des Wahlgeheimnisses: Ich habe doch noch einmal SPD gewählt an diesem Sonntag. Was mich dazu getrieben hat? Fragen Sie mich besser nicht. Die Entscheidung fiel spontan in der Kabine. Ab und an gebe ich auch dem Verkäufer von Straßenzeitungen einen Euro; es hilft ihm nicht viel, macht aber ein gutes Gefühl. Außerdem stand die SPD auf dem Wahlzettel dort, wo sie schon lange nichts mehr zu suchen hat: ganz oben.

Als ich aus dem Wahllokal kam und über meine Entscheidung sann, fiel mir eine Uralt-Karikatur aus der Titanic ein. Darin sah man einen früheren FDP-Chef abgerissen auf der Straße sitzen, vor sich ein Schild: "Aus eigenem Verschulden in die Kacke geraten. Nehme jede Stimme an."

Ende der Beichte. Und damit zum harten politischen Einordnungsgeschäft.

Europawahl: etwas Grundeinstürzendes

Ja, man sollte vorsichtig sein mit Prognosen, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen und darüber hinaus auch noch die Politik – aaaber: Was die Deutschen im Allgemeinen und die Bremer im Besonderen zusammengewählt haben an diesem Sonntag: Das hat schon etwas Grundstürzendes; es wird das Parteiengefüge, so wie wir es kannten, in einem Maße verändern, wie wir uns das vor kurzem noch nicht vorstellen konnten.

Wenn man den ersten Hochrechnungen vertrauen darf, gibt es bei der Europawahl einen einzigen Gewinner: die Grünen. Liebling, ich habe die Volksparteien geschrumpft. Die haben ihren Stimmenanteil praktisch verdoppelt und werden ins Europaparlament möglicherweise mit genauso viel Abgeordneten einziehen wie die CDU. Grüne und CDU auf Augenhöhe – nein, das ist kein irrer Traum. Es wirkt zwar ungefähr so unwirklich wie das 7:1 bei der WM gegen Brasilien, ist aber bundesdeutsche Realität im Jahr eins nach dem Dürresommer. Der Klimaschutz hat die Angst vor Flüchtlingen als Thema Nummer eins abgelöst. Dieses Wahlergebnis ist die erste sichtbare Folge für die Parteien.

Da zeichnet sich eine historische Wachablösung ab. Die Grünen sind auf bestem Weg, die SPD als zweite Kraft im deutschen Parteiensystem zu verdrängen und sich an die Union ranzurobben – mit allen Konsequenzen, unter anderem der, dass sich die Grünen nicht länger mit dem Gedanken beschäftigen müssen, ob sie bei der nächsten Bundestagswahl einen Kanzlerkandidaten aufstellen sollten, sondern: wen. Manchmal dauert es in der Politik nur kurze Zeit, bis aus einem absurden Gedanken ein logischer wird.

Beste Ergebnisse bei der Europawahl: Die Grünen sind außer sich vor Freude

Der Wähler als solcher ist – wenn ihn in der Kabine nicht eine eigentümliche Gefühlsmischung aus Nostalgie und Caritas überkommt – ziemlich erbarmungslos. Daumen rauf, Daumen runter. Was dann in den Grafiken eine gnadenlose optische Umsetzung findet. Balken rauf, Balken runter. Wie ein Schlag mit dem Vorschlaghammer ins Gemächt. Vom Wähler bei einer bundesweiten Wahl fast halbiert zu werden und das bei einer durchaus veritablen Wahlbeteiligung ­– so etwas verkraftet auch eine an herbe Niederlagen inzwischen gewohnte Partei wie die SPD nicht ohne Weiteres.

Dass sie in ihrem einstigen Stammland Bremen mutmaßlich weiter den Bürgermeister stellen dürfen – sofern Grüne und Linke mitmachen –, lindert den Schmerz der Genossen allenfalls ein wenig. Und weil ehrbare Sozialdemokraten nichts annehmen dürfen, schon gar keine Vernunft, kann man sich leicht ausmalen, was in den nächsten Tagen wieder deren Lieblingsbeschäftigung sein wird: Hauen und Stechen. Sagen wir mal so: Andrea Nahles wäre man gerade nicht gerne, Olaf Scholz auch nicht. Höhere Wetten auf deren politische Zukunft sollten nur Hasardeure abschließen. Wenn ihnen gar nichts mehr einfällt, wechseln die Sozialdemokraten eben ihre Spitze aus. Inzwischen haben sie allerdings mehr Erfahrung darin als Ersatzleute. Aber notfalls greift man eben auf einen ehedem Abgesägten wie Martin Schulz zurück. In der SPD kann der hoffnungslose Fall von gestern zur Hoffnung von morgen werden. Wie gesagt: Die Lücke zwischen absurd und logisch ist zuweilen klein.

AKK kann froh sein, dass es der SPD noch dreckiger geht

Die CDU unter der Neu-Chefin AKK kann heilfroh sein, dass es der SPD so dreckig geht. So fällt etwas weniger auf, wie erbärmlich die Union – wir erinnern uns: die Partei des großen Europäers Helmut Kohl – abgeschnitten hat. Rund 28 Prozent, das ist eine Bankrotterklärung. Und eine Mahnung: Mit solchen Ergebnissen hat der Niedergang der SPD auch angefangen, der sich irgendwann einmal als offenbar unaufhaltsam erwiesen hat. Zusammen bringen die beiden so genannten Volksparteien noch etwas mehr als 40 Prozent zusammen. Das ist keine Große Koalition mehr, das ist eine Schicksalsgemeinschaft aus Not und Elend, die in den kommenden Tagen ihren nächsten Überlebenskampf erleben wird. Auch darauf kann man bei der SPD bauen.

Ach so, falls jemand nach dem Positiven jenseits der Grünen sucht: Das lässt sich in drei Buchstaben, drei Ziffern und einem Komma zusammenfassen – AfD 10,5. Das ist, gemessen an der Hoffnung, den sich die AfD einmal gemacht hat, doch erfreulich wenig. Wäre man Zyniker, könnte man sagen: Es ist nicht alles schlecht am Klimawandel.