Frauenfußball-Nationalmannschaft Kein leichter Weg


Sie sind Welt- und Europameister. Doch eines haben die deutschen Fußballerinnen noch nicht erreicht: Olympisches Gold. Für das Team von Trainerin Sylvia Neid wird der Einzug ins Endspiel nicht leicht. Zum Auftakt wartet gleich die vermeintlich schwerste Aufgabe.
Von Frank Hellmann

Deutschland gegen Brasilien. Ganz gleich, ob Männer- oder Frauenfußball: Solch eine Konstellation, zudem als Auftaktspiel (6. August, 11 Uhr MESZ) eines großen Turniers ist ein Hammer. Ein Segen für die Öffentlichkeit. Ein Fluch für die Beteiligten? Denn geht man nach den Eindrücken der Weltmeisterschaft 2007 dann treffen im olympischen Rahmen gleich zu Beginn die zwei aktuell stärksten Teams aufeinander. Deutschland sicherte sich bekanntlich vor einem Jahr mit einem 2:0 gegen eben jene Brasilianerinnen den WM-Titel. Sie reisen nun wieder extrem selbstbewusst ins Riesenreich und haben mit Reizfigur Marta die wohl beste Spielerin der Welt in ihren Reihen.

Schweres Programm gleich zu Beginn des Tuniers

Und da die Deutschen auch noch Nigeria (9. August, 11 Uhr in Shenyang) und Nordkorea (12. August, 11 Uhr in Tianjin) in der Vorrunde aus dem Weg räumen müssen, ist der Respekt groß. Bundestrainerin Sylvia Neid macht daraus keinen Hehl. "Zuerst waren wir über die Auslosung geschockt, aber mittlerweile haben wir uns damit auseinandergesetzt und sind mental darauf vorbereitet", gesteht die 44-Jährige. "Wir sehen die Partie jetzt unter dem Motto: Was weg ist, ist weg."

Vorbereitung mit kleinen Hängern

Im Vorfeld der viel beachteten Sommerspiele lief jedoch nicht alles glatt: Einem lockeren 3:0 gegen England in Unterhaching folgte ein ernüchterndes 0:2 gegen Norwegen in Sandefjord. Da lief wenig beim Weltmeister zusammen. "Die Spielerinnen waren sehr müde", erklärte Sylvia Neid, die anschließend den Trainingsumfang deutlich reduzierte, um ihr Team topfit ins erste Turnierspiel zu schicken.

Für sie sind es die vierten Olympischen Spiele. Bei der Premiere 1996 spielte sie selbst als Aktive mit, 2000 und 2004 war sie die Assistentin von Ex-Bundestrainerin Tina Theune-Meyer. Sylvia Neid weiß, dass die vom Publikum erwarteten Erfolge keine Selbstläuferin sind "Wir im Trainerstab wissen, dass wir hart arbeiten müssen, um oben zu bleiben."

Frauenfußball ist längst kein Weiber-Gekicke mehr

Sie selbst treibt die Professionalisierung des Frauenfußballs voran: Ob Torwart- oder Athletiktrainer, eine feste Assistentin; ihre Forderungen an den DFB waren klar formuliert und wurden vom für die Belange des Frauenfußball stets aufgeschlossenen Verband umgehend erfüllt. Michael Fuchs (Torwarttrainer), Ulrike Ballweg (Assistentin) und Norbert Stein (Konditionstrainer) zählen zur China-Reisegruppe fest dazu. Denn auch Torjägerin Birgit Prinz gibt zu bedenken, dass Stillstand unweigerlich Rückstand bedeutet.

Auch andere Nationen entdecken allmählich das Potenzial, dass das weibliche Geschlecht fürs Fußballgeschäft bedeutet. "Die Konkurrenz ist größer geworden und die Weltspitze ist enger zusammengerückt. Mehr als die Hälfte der zwölf Mannschaften kommt für eine Medaille in Frage", glaubt die 30-Jährige Rekordnationalspielerin vom 1. FFC Frankfurt, die unfassbare 182 Länderspiele bestritten und unglaubliche 121 Länderspieltore erzielt hat.

Mit vermarktet wird die Welttorjägerin von Siegfried Dietrich, zugleich Manager des 1. FFC Frankfurt, die ein halbes Dutzend Leistungsträgerinnen (gerne) für die olympische Idee abstellen. "Das Turnier steht im Fokus und tut der Entwicklung des Frauenfußballs gut", sagt Dietrich, wohl wissend, dass der Ärger um die Abstellung der Herren Diego, Rafinha oder Kompany bei den Frauen undenkbar wäre.

Die WM im eigenen Land im Hinterkopf

"Eine Goldmedaille bei Olympischen Spiele wäre einfach phänomenal", beteuert Torfrau Nadine Angerer. Auch Dietrich glaubt daran: "Die meisten Spielerinnen haben ein anstrengendes Jahr hinter sich. Aber der Kader ist sehr erfahren und kann die Leistung auf den Punkt abrufen." Zumal im Hinterkopf ein weiteres Fernziel ist: Als Gastgeber der WM 2011 sind die deutschen Fußballerinnen besonders motiviert, "etwas Größeres gibt es nicht", sagt auch Sylvia Neid.

Und da gibt es eine ganze Reihe von Querverbindungen. Renate Lingor etwa, die spielintelligente Akteurin des 1. FFC Frankfurt, fungiert gleichzeitig als eine von bislang drei sogenannten Botschafterinnen, die Steffi Jones, der Präsidentin des Organisationskomitees, um für das Turnier im eigenen Land zu werben. "Für mich ist es ein Traum, wenn ich zum Ende meiner Karriere noch einmal ein gutes Turnier spielen könnte."

Deutsche Liga spielt noch nicht auf Top-Niveau

Genau wie die Repräsentantin Lingor oder der Promoter Dietrich hat auch die Bundestrainerin festgestellt, dass die Entwicklung in die richtige Richtung geht. Dazu gehört, dass Vereine wie der 1. FFC Frankfurt, deren Etat bald über die Millionen-Marke steigt, künftig das Halbprofitum für alle Spielerinnen ermöglichen wollen.

Bei Dietrich ist es auch usus, dass seine bekannten Gesichter - ob sie Birgit Prinz, Sandra Smisek, Conny Pohlers oder Kerstin Garefrekes heißen - auch in der Werbung platziert sind und damit gutes Geld nebenei verdienen. Zuvorderst sei jedoch der Frauenfußball und seine Bedingungen weiter zu professionalisieren, fordert Dietrich.

Das ist auch nötig: Denn die internationale Anforderung wie nun beim Olympischen Turnier mit zwölf Topteams hebe sich deutlich von der nationalen Aufgabe ab, beteuert die Bundestrainerin. "In ihren Klubs in der Bundesliga brauchen sie nur etwa 70 Prozent von dem, was international gefordert ist", hat Sylvia Neid kürzlich einmal gesagt. In der Liga genüge auch mal ein schwacher Pass, der aber bei einer WM oder bei Olympia abgefangen werde. "Wir arbeiten daran, diesen Unterschied zu verringern." Bisher ist das immer ganz gut gelungen. Deshalb geht der derzeit in Südafrika urlaubende Dietrich auch fest davon aus, bald gen Asien zu fliegen. "Sobald die deutsche Mannschaft im Halbfinale steht, komme ich zu den Olympischen Spielen."


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