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Sportförderung in China: Goldmedaillen als Staatsdoktrin

China muss die Nummer eins bei den Goldmedaillen werden. So lautet der Auftrag, den Chinas Regierung an die Athleten ausgeben hat. Der Plan wird erfolgreich umgesetzt. "Es geht dabei um die Demonstration ihrer Überlegenheit", sagt Eike Emrich, Vizepräsident des Deutschen Leichtathletikverbands.

Von Jens Fischer und Adrian Geiges, Peking

Es macht keinen Sinn in diesem Text zu schreiben, wie viele Goldmedaillen China derzeit gewonnen hat. In einigen Minuten ist die Zahl sowieso überholt. Wohl niemand kann den ersten Platz der Volksrepublik im Medaillenspiegel gefährden. Was über Jahre vorbereitet wurde, ist aufgegangen.

Während des Kalten Krieges waren es vor allem die USA, die Sowjetunion und die DDR, die sich um die Dominanz bei Olympia stritten. Die Sport-Supermächte von heute sind China und die USA. Allerdings: "China forciert den internationalen Wettbewerb auf dem Boden des Sports", sagt Sportwissenschaftler Eike Emrich, der Vizepräsident des Deutschen Leichtathletikverbands. Emrich kennt sich aus, schließlich ist er Autor der Publikation "Sozioökonomische Bedingungen kollektiven sportlichen Erfolgs " im Auftrag der Bundeszentrale für politische Bildung.

Wie einst die DDR

In der Bedeutung, die der Sport für das Land hat, ist China am ehesten mit der DDR zu vergleichen. Die war der politisch weniger anerkannte und wirtschaftlich schwächere deutsche Staat, wollte deshalb ihre Überlegenheit im Sport beweisen. China kehrt nach Jahrhunderten der Erniedrigung durch die Kolonialmächte, nach Armut und Isolation unter Mao auf die Weltbühne zurück und möchte das auch sportlich zeigen.

Vor acht Jahren beschloss die Führung den "119 Plan", benannt nach der Zahl der Goldmedaillen, die in den medaillenstarken Sportarten wie Leichtathletik und Rudern vergeben werden. Um in diesen Sportarten aufzuholen, wurden keine Kosten und Mühen gescheut. Dabei vereinte China die Vorzüge des sozialistischen Sportsystems, etwa die Sportschulen, die körperlich besonders geeignete und talentierte Kinder und Jugendliche rekrutieren, mit denen der Scheckbuch-Politik: Aus dem Ausland wurden 20 renommierte Trainer engagiert. Die Sportler sollen angeblich umgerechnet 100.000 Euro pro Goldmedaille bekommen.

Es gilt das Gesetz: Gold oder gar nichts

Warum gilt in China: Gold oder gar nichts? Das hat nichts zu tun mit geheimnisvollen chinesischen Mythen, wie manchmal gemunkelt wird, sondern ist das Resultat einer einfachen Rechnung: In Athen 2004 gewannen die USA insgesamt 102 Medaillen, Russland 92. China kam auf 63 - das aufzuholen. schien aussichtslos. Bei den Goldmedaillen hatte China mit 32 aber nur vier weniger als die USA. Die Sport-Supermacht hier zu überholen war ein realistisches Ziel, wie sich in diesen Tagen in Peking zeigt.

"Der chinesischen Regierung geht es bei ihrer Sportförderung in erster Linie um die internationale Reputation", sagt Emrich. China-Kenner wissen allerdings, dass der chinesischen Führung die Wirkung im eigenen Land mindestens genauso wichtig ist. Man darf nicht vergessen, dass sie nicht von den Bürgern gewählt worden ist und ihre Legitimation ständig in Frage steht, etwa angesichts der verbreiteten Korruption. Sie muss deshalb an den nationalen Stolz appellieren, und der Spitzensport ist ein wichtiges Mittel dafür.

Die internationale Reaktion auf Chinas olympische Erfolge fällt dagegen gemischt aus, wie auch Emrich einräumt: "Da ist zum einen die Bewunderung, die mit Furcht vor der Größe und Stärke Chinas einhergeht. Dann gibt es die zweifelnde Bewunderung: Wie sind die Erfolge zustande gekommen, ist Doping im Spiel? Und dann - und das ist die wichtigste für die chinesische Regierung - gibt es die Bewunderung ohne negativen Beigeschmack. Die wollen sie erreichen."

Doping-Verdacht entwertet die Erfolge

Deshalb erhöhte China vor Olympia die Doping-Kontrollen. Emrich sagt: "Wenn permanent der Doping-Verdacht eine Rolle spielt, ist die internationale Reputation der Chinesen nicht hoch." Deshalb, so glaubt der deutsche Leichathletik-Funktionär, werde China in Zukunft die Athleten nicht mehr nur alle vier Jahre bei Olympia präsentieren, sondern bei allen internationalen Wettbewerben eines Jahres. "Damit erreichen sie, dass die Skepsis im Ausland verschwindet und ihre Leistungen noch mehr anerkannt werden."

Unter einem allgemeinen Doping-Verdacht stehen alle Sportler, das ist kein speziell chinesisches Problem. Den Hauptfaktor für den Erfolg der Sportler aus dem Reich der Mitte sieht Emrich sowieso in der schieren Größe des Landes: "In einem Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern ist es leichter, Talente zu entdecken und zu fördern."

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