Peking-Skizzen, Teil 18 Reggae-Party auf der großen Mauer


Nach drei Wochen ist endlich Sightseeing angesagt: Unser Autor fährt zur großen Mauer. Glühende Hitze und endlose Menschenmengen fordern allerdings ihren Tribut. Dafür wird Jens Fischer durch ene besondere Begegnung entschädigt.

Wenn einer in den Urlaub fährt, ist immer auch ein wenig Sightseeing angesagt. In Paris der Eifelturm, in London Westminster Abbey oder auch mal die Azteken in Mexiko - das darf man nicht verpassen, das muss man gesehen haben. Alleine schon wegen der lieben Zuhausgebliebenen. Denn die wollen Fotos sehen. Die brauchen Beweise, dass man an diesen Orten auch wirklich war. Und so ist das auch mit der großen Mauer.

Also gut. Dann fahre ich halt. Fast drei Wochen hatte ich sie immer im Hinterkopf, ständig präsent war dieses monumentale historische Steinmonster in den umliegenden Bergen. Aber ich hatte einfach keine Zeit. Von einer Wettkampfstätte zur anderen bin ich gehastet, immer auf der Suche nach einer guten Story. Von frühmorgens bis spät am Abend habe ich geschrieben, recherchiert, telefoniert - meine Leute in der Redaktion wollen ja was sehen. Da bleibt kein Raum für Freizeit. Aber ich muss doch noch, ich muss sie sehen diese Mauer.

Sündhaft teure Taxifahrt

Heute war es dann soweit. Sozusagen die allerletzte Chance. Mitten in der Nacht um halb sechs aufgestanden, schnell die letzte Folge meiner Show "Der Herr der Ringe" abgedreht - jetzt aber los! Wie komme ich hin? Bus oder Bahn - die günstigen Varianten. Aber wahnsinnig zeitintensiv. Hin und zurück - das dauert den ganzen Tag. Kann ich mir nicht leisten, also Taxi. Für chinesische Verhältnisse sündhaft teuer. Fast eine Stunde bin ich unterwegs, dann ist es endlich soweit. Ich bin an der Mauer. Also nicht direkt. Jetzt bin ich erst einmal auf einem Parkplatz. Und da bin ich nicht der einzige.

Verstopfung auf der Mauer

Halb China plus Touristen plus Journalisten wollen heute auf die Mauer. Hält die das denn überhaupt aus, denke ich mir. Egal, da muss ich durch. Ich entscheide mich für die bequeme Alternative und nehme die Gondel. Skifeeling an der großen Mauer, sozusagen. Schnell das Ticket gelöst und hoch geht's. Nach kurzer Fahrt bin ich da - endlich direkt an der Mauer. Sogar schon oben drauf. Soll ja irre steil sein und super anstrengend, ein einziges Auf und Ab habe ich gehört. Das erste Problem ist ein anderes - Stau. Verstopfung auf der Mauer. Ich komme nicht vorwärts, die Chinesen haben heute frei, und Kind und Kegel haben sie gleich mitgebracht.

Beeindruckend ist sie schon, diese Mauer. Alleine der Blick über das Bergpanorama ist fantastisch. Und sie will einfach nicht aufhören, weit hinten am Horizont ist sie noch zu sehen. Unglaublich. Wie haben die das früher geschafft, die Arbeiter des Kaisers? 6350 Kilometer lang soll sie sein, natürlich sehe ich nur einen Bruchteil. Jetzt laufe ich los, vielmehr: ich wühle mich durch. Die ersten Meter sind angenehm, was soll daran denn so anstrengend sein? Geht doch locker. Gut: Der erste Anstieg kommt erst noch.

Der Blick entschädigt für vieles

Eine Viertelstunde später bin ich körperlich am Ende. Steigungen von gefühlten 60 Grad, 40 Grad Celsius und stechende Sonne fordern ihren Tribut. Ich bin klatschnass geschwitzt, locker bleiben, denke ich mir - ist ja wahnsinnig historisch hier. Der Blick entschädigt für vieles, aber nicht für das fehlende Wasser und auch nicht für die pressenden, drückenden und schiebenden Menschenmassen. Nahkampf auf der Mauer - für mich die nächste olympische Disziplin.

Müde und erschöpft

Immer wieder schweift mein Blick auf die andere Seite, wenn ich nicht gerade erschöpft den Boden fixiere. Da ist ein anderes Stück Mauer. Ganz leer. Dort ist kein Mauer-Terror, fast romantisch ist es da drüben. Das ist die Independent-Mauer. Wie kommt man denn da rüber? Ich weiß es nicht und in diesem Moment ist es mir auch egal. Mir ist alles egal - der nächste Anstieg wartet, die nächste Hürde, die nächste Bergetappe meiner Tour de Mauer.

Während ich mich da so hoch kämpfe, höre ich plötzlich ausgelassene Jubelgesänge. Das ist jemand gut drauf, ich bin nur noch fertig. Als ich hochblicke, traue ich meinen Augen kaum. Die jamaikanischen Wundersprinter sind auch da, Bolt ist nicht dabei, aber einige andere. Hat man vor denen denn niemals seine Ruhe? Jetzt sprinten die auch noch hier allen davon und machen ihre Reggae-Party. Ich kann nicht mehr.

Nach etwa einer halbe Stunde mache ich mich auf den Rückweg. Rückzug - runter von der Mauer, natürlich wieder mit der Gondel, schnell zum Taxi. Ich bin müde und erschöpft. Und möchte nur noch schlafen.

Jens Fischer, Peking


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