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Olympia: Das Projekt Phelps

Er dürfte der Superstar der Olympischen Spiele werden: Michael Phelps will in Peking acht Goldmedaillen. Maßlos? In jeder Hinsicht. Der US-Schwimmer schindet sich wie ein Besessener, zofft sich täglich mit seinem Trainer, hat kein Leben neben dem Pool. Hausbesuch bei einem Ausnahmetalent.

Von Alexandra Kraft

Er ist ein solcher Rotzlöffel. Und an diesem Morgen in der Schwimmhalle der University von Michigan sucht er eindeutig Ärger. Die müden Augen noch halb geschlossen, hat er erst seine Trainingspartnerin ins Becken geschubst. Dann dreimal hintereinander laut ausgespuckt, der grüne Schleim treibt nun in Richtung Nebenbahn. Jetzt hat er seinen Trainingsplan im Wasser eingeweicht und wirft die nasse Kugel seinem Coach Bob Bowman ans Poloshirt. Platsch. Michael Phelps grinst breit und quietscht laut: "Guter Schuss."

Bowman sieht für einen Moment so aus, als würde er den Kaffeebecher in seiner Hand nach Phelps werfen. Der grauhaarige Mittvierziger holt kurz aus, besinnt sich aber, ruft schneidend: "Michael!" Zu mehr kommt er nicht. Denn Phelps krakeelt schon wieder: "Fuck you!" Und wieder platsch. Der zweite feuchte Klumpen fliegt in Richtung Bowman, trifft diesmal seine Sporthose.

Zwei Stunden später, das Training ist vorbei. Phelps hat noch ein paar Mal "Fuck you" gerufen und Bowman immer wieder, wie ein Tonband auf Dauerbetrieb, mit einem lauten "Michael!" reagiert. Jetzt sitzt der Trainer am Schreibtisch. Nur eine Glastür trennt sein Büro vom Rand des Pools. Bowman blickt an das Ende der Halle. Dort hängt eine rote Uhr mit der gelben Aufschrift "Countdown for Beijing". "Das ist das Einzige, was jetzt zählt", sagt Bowman und klingt dabei wie einer, der sich selbst daran erinnern muss, wofür er sich heute hat beschimpfen lassen. "Michael zu trainieren ist, wie einen Hengst einzureiten. Mit einem Unterschied: Ihn muss man jeden Tag aufs Neue zähmen." Und zum ersten Mal an diesem Morgen lächelt er. "Zur Not eben mit Sporen."

Bowman ist umgeben von Pokalen, Medaillen und unzähligen Fotos. Darauf immer nur ein Motiv: Phelps. "Wir sind wie ein altes Ehepaar", sagt Bowman. Er denkt lange nach, bevor er sagt: "Ja, die Arbeit mit Michael ist anstrengend. Aber seine Siege sind meine Belohnung."

Schon jetzt ist er eine Legende

Gut für ihn, denn Phelps ist der weltweit überragende Schwimmstar. Keiner hat auch nur annähernd eine so beeindruckende Bilanz wie der 23-Jährige aus Baltimore: Sechs Goldmedaillen bei Olympia in Athen, zweimal Bronze, 22 Weltrekorde, 17 Weltmeistertitel, 34-mal war er amerikanischer Meister. Während andere 15-Jährige sich mit Mädchen und Pickeln herumärgerten, schrieb Phelps 2001 als jüngster Weltrekordler über 200 Meter Schmetterling Geschichte. Schon jetzt ist er eine Legende. Überstrahlt sogar seinen großen Landsmann Mark Spitz. Phelps ist ein Ausnahmetalent, schier unschlagbar in allen vier Disziplinen.

In den vergangenen fünf Jahren demütigte Phelps seine Konkurrenten immer wieder. Einmal schaffte er es, innerhalb einer Stunde zwei Weltrekorde zu schwimmen. Dabei soll er, laut Planung seines Trainers, den Höhepunkt seiner Karriere erst bei den Olympischen Spielen in Peking erreichen. Phelps plant, in fünf Einzeldisziplinen zu starten, und will dreimal für die Staffel schwimmen. So könnte er als erster Athlet achtmal Gold gewinnen. Der Cheftrainer der amerikanischen Schwimmmannschaft, Eddie Reese, sagt über Phelps: "Der Letzte, der das Wasser so beherrscht hat, war Moses."

An Land bewegt sich der Schwimmkünstler nur schlurfend fort. Er hebt die Füße gerade so weit vom Boden, dass er nicht ins Straucheln gerät. Jogging hat ihm sein Trainer verboten, weil er immer über die eigenen Füße fiel und sich verletzte. Nach dem Training schleicht Phelps mit grauem Jogginganzug und Fellstiefeln in den Teambesprechungsraum. Sein Gesicht wirkt noch lange nicht erwachsen: braune Knopfaugen, ein paar Flusen am mächtigen Kinn. Die vom Chlor ausgemergelten Haare stehen in alle Richtungen. Seine Fingernägel sind angenagt, einzelne Hautfetzen beißt er ab, während er spricht. Kein schöner Anblick.

Phelps im Wasser zu sehen ist dagegen ein Genuss. Technisch fehlerlos. Elegant und schnell. Sein Körper ist perfekt fürs Schwimmen geformt. Er ist 1,95 Meter groß und 88 Kilogramm schwer. Seine Spannweite ist 2,04 Meter, er hat Schuhgröße 48,5. Überflüssige Muskeln hat er nicht, die würden nur unnötig Sauerstoff verbrauchen. Sein Oberkörper ist länger als die Beine, sein Rücken geformt wie ein V - aerodynamisch ideal. Außerdem sind seine Gelenke hyperflexibel. Er kann die Füße extrem weit nach hinten knicken, was seinen Beinschlag kraftvoll macht. Dazu das geniale Talent, sich wie kaum ein anderer durch das Wasser zu bewegen.

Aber genügt das, um seine fantastischen Erfolge zu erklären? Mehr versteckt sich nicht dahinter? Muss einer wie Phelps nicht dopen, um so schnell zu schwimmen? In einer Zeit, in der Spitzenathleten unter Generalverdacht stehen, ist das Misstrauen groß. Vor allem in Europa. Vor allem in der Schwimmszene. Ein deutscher Landestrainer, der anonym bleiben will, stellt fest: "Ich würde Phelps gerne glauben, dass er durch Training zu seinen Leistungen kommt. Aber bei zwei Rekorden innerhalb von 60 Minuten, da sehe ich ein echtes Problem." Und Olympiasieger Michael Groß findet Phelps' Fähigkeit, sich schnell zu erholen, "erstaunlich". Verwundert sagt er: "Phelps macht in einer Woche mehr als 20 Rennen, ohne die geringste Schwäche zu zeigen."

Sein Schöpfer war Bowman

Fakt ist: Es gibt keine Doping- Beweise gegen Phelps. Keine positiven Tests. Keine verdächtigen Blutbeutel. Phelps muss nicht wie viele amerikanische Leichtathleten plötzlich eine Zahnspange tragen, um den durch Missbrauch von Wachstumshormonen sich vergrößernden Kieferknochen zusammenzuhalten. Kontrolliert wird er nach dem System der Welt-Anti-Doping- Agentur wie eigentlich alle Athleten rund um den Globus. Sogar viel strenger. Denn Phelps nimmt freiwillig an dem "Project Believe" (Projekt Vertrauen) der amerikanischen Anti-Doping-Agentur USADA teil. Damit hat er der Speicherung seines Blutprofils und einer besonders genauen Untersuchung auf illegale Wachstumshormone zugestimmt. Zumindest derzeit gibt es auch keine Hinweise darauf, dass die USADA, wie es in den 80er und 90er Jahren wohl wiederholt der Fall war, positive Testergebnisse nicht veröffentlicht. Gerade wurde Olympiahoffnung Jessica Hardy nach einem positiven Doping-Test aus dem amerikanischen Schwimmteam geworfen. Bei Phelps sind es einzig seine Leistungen, die ihn verdächtig machen.

In den USA ist Doping nur selten ein Thema. Dort werden Sportler verehrt, nicht angezweifelt. Sogar einer wie Radfahrer Lance Armstrong ist ein gefeierter Star. Und kaum jemand fragt kritisch nach, warum junge College-Footballer plötzlich tot auf dem Spielfeld umkippen. "Die Wahrnehmung ist eine andere als in Europa", sagt Brian Cazeneuve, Reporter des amerikanischen Magazins "Sports Illustrated". "Wir Amerikaner sind im Umgang mit Medikamenten ziemlich locker. Hier nimmt jeder ständig irgendwas. Testosteron ist für viele ein Anti-Aging-Mittel." Er kennt Phelps seit dessen 15. Lebensjahr und hat für ihn die Autobiografie "Unter der Oberfläche" geschrieben. "Ich hoffe, dass Michael sauber ist", sagt Cazeneuve. "Aber in Wahrheit weiß ich es nicht."

Der Über-Schwimmer Phelps wurde nicht von Gott geschaffen. Sein Schöpfer war Bowman. Auch Phelps ist sich dessen bewusst und sagt: "Ohne Bob wäre ich nichts. Er hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Deswegen liebe ich ihn."

Dabei waren Phelps' Startbedingungen denkbar schlecht. Problemkind würde man so einen wie ihn heute nennen. Aufgewachsen ist er in Baltimore. Der Vater verließ die Familie, als Michael acht Jahre alt war. Er kümmerte sich danach kaum um den Sohn und die beiden Töchter. Das hinterließ Spuren bei dem Jungen. Früh hatte er den verheerenden Ruf einer Nervensäge. Er sorgte konsequent für Ärger. War ein Außenseiter.

"Ich wusste: Nichts und niemand wird ihn stoppen"

Außerdem litt der Junge unter dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom: Phelps fiel es schwer, still zu sitzen. Zuhören konnte er kaum. Seine Gefühle konnte er nicht beherrschen. Um einigermaßen gesellschaftsfähig zu sein, schluckte er ab der sechsten Klasse die Psychopille Ritalin. "Mein Scheitern war beschlossen", sagt er heute ohne jede Regung. "Ich war ein Underdog." So drohte auch sein Start als Schwimmer im North Baltimore Aquatic Club ein Reinfall zu werden. Der damals Siebenjährige war wasserscheu. Bekam er Spritzer ins Gesicht, reagierte er panisch, schrie los und flüchtete aus dem Becken. Mit Stolz in der Stimme erzählt Phelps heute von seinen Ausrastern: "Wir reden hier über Hass - kreischenden, Wutanfälle auslösenden Hass." Erst als seine Schwimmlehrerin ihm erlaubte, sich auf dem Rücken treiben zu lassen, gewöhnte er sich ans Wasser. Aber es dauerte noch Monate, bis er sich auf den Bauch drehte und die ersten echten Schwimmzüge machte. Eine Erweckung: Plötzlich war ich frei. Ich ging nun jeden Tag ins Schwimmbad, und abends musste man mich rauswerfen."

Die Bekanntschaft mit Bowman begann mit einem Fiasko. Der Kinderpsychologe heuerte 1996 in Phelps' Klub als Schwimmtrainer an. Erinnert sich Phelps heute, sagt er quiekend: "Oh mein Gott, war das schrecklich." Denn der Elfjährige geriet sofort mit Bowman in Streit. "Ich brüllte, dass ich heilfroh sei, Bob nicht als Coach zu haben. Und Bob brüllte, dass er Gott dafür danke, mich nie trainieren zu müssen."

Bowman änderte rasch seine Meinung, nachdem er den Jungen schwimmen gesehen hatte. "Ich wusste: Nichts und niemand wird ihn stoppen." Eine mutige Prognose für einen Jungen, der noch das Wachstum vor sich hatte. Ein halbes Jahr später, nach einem langen Gespräch mit Michaels Mutter Deborah und der Bitte an sie, seine Arbeit mit ihrem Sohn bedingungslos zu unterstützen, wurde Bowman sein neuer Trainer.

Zunächst ging es schwierig weiter. "Ich hatte Angst vor Bob. Und versuchte es zu verbergen, indem ich ihn ständig ärgerte und wahnsinnig machte", sagt Phelps. Bowman aber hatte längst einen Masterplan im Kopf, wie er aus dem hyperaktiven Knirps einen Superstar machen würde. Er schindete den Jungen bis zur totalen Verausgabung. Täglich. Stundenlang. Ohne Gnade. Noch vor der Pubertät musste Phelps trainieren wie ein Erwachsener. Bei einem Wettbewerb etwa schickte Bowman ihn innerhalb von zwei Tagen 24-mal an den Start. "Das Ziel war, ihn belastbarer zu machen und seine Regenerationsfähigkeit zu beschleunigen." Herz und Lunge, die sich bei Kindern gut anpassen, sollten unter der Anforderung leistungsstärker werden. Ein gewagtes Experiment am lebenden Objekt.

365 Tage im Jahr Training

Deborah Phelps, genannt Debbie, ist Ende 50 und arbeitet als Direktorin einer Mittelschule in Baltimore. Ihre Stimme klingt regungslos, wenn sie sagt: "Ich bin überzeugt, bei meinem Sohn das absolut Richtige getan zu haben." Das Leben hat ihr Härte abgefordert. Nach der Scheidung stand sie allein mit drei Kindern und einem großen Haus da. Es blieb kein Platz für Mitleid mit dem gedrillten Sohn. "Ich verlange von den Kindern in der Schule totalen Einsatz. So auch von meinen eigenen."

Für ihre Tochter Whitney, Michaels vier Jahre ältere Schwester, war der Druck zu stark. Die Nachwuchsschwimmerin verbarg monatelang eine Rückenverletzung, erkrankte an Bulimie und musste ihre Karriere früh beenden. Trotzdem zweifelte Debbie Phelps nie daran, dass Bowmans Härte für Michael gut war. "Schauen Sie sich das Ergebnis an", sagt sie. "Ich sehe meinen Sohn gerne siegen. Tun das nicht alle Eltern?"

"Ich bin wie Bob", erklärt sie am Telefon mit dem Ton tiefster Überzeugung. War der Sohn mal wieder wegen Disziplinlosigkeit aus dem Training geflogen, ließ die Mutter ihn oft stundenlang vor der Schwimmhalle warten. "Michael rief mich vom Münzsprecher an und bettelte, dass ich ihn abhole. Ich habe ihn natürlich stehen lassen, er sollte lernen, sich anzustrengen."

Bowman füllte die Lücke, die Michaels Vater hinterlassen hatte. Der fanatische Stratege schrieb Pläne, führte Buch und sprach Verbote aus. "Ich war ein Schwimmroboter, wenn Bob sagte: Spring!, fragte ich: Wie hoch?", erzählt Phelps heute. Es ist einer der wenigen Augenblicke, in denen er ernst wirkt, nicht auf dem Stuhl herumrutscht. Nicht sein ewig gleiches Lächeln aufsetzt.

Als Phelps in der Pubertät seine Identität zu entdecken begann, eskalierten die Streitigkeiten zwischen Trainer und Schwimmer. So wie es zwischen Vater und Sohn eigentlich üblich wäre. Mutter Debbie berichtet: "Einmal bewarfen sie sich bei uns im Haus mit Büchern." Und Michael ergänzt: "Das Einzige, was wir uns nicht angetan haben, ist körperliche Gewalt." Am Ende siegt immer Bowman, Phelps fügt sich und trainiert weiter. An 365 Tagen im Jahr, sogar an Weihnachten. Jeweils sechs Stunden.

"Ich mache, was er mir sagt"

Nur ein einziges Mal versucht Phelps auszubrechen. Ende 2004, er ist gerade bei seiner Mutter ausgezogen, wird er mit 0,8 Promille am Steuer seines aufgemotzten Cadillacs von der Polizei erwischt und zu 18 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt. "Der größte Fehler meines Lebens", sagt er heute. Das Projekt Phelps, wie Bowman seine Arbeit gern nennt, steht nun vor dem Abschluss. In Peking an den Start gehen wird ein auf dem Papier Erwachsener, dessen Leben fanatisch auf ein Ziel ausgerichtet wurde. Der einen schier übermächtigen Siegeswillen besitzt, aber jenseits des Pools nur bedingt überlebensfähig ist. Der freudig erzählt, wie er seine Spülmaschine mit Handseife befüllte und seine Küche voller Seifenblasen war. Der sich ein Haus direkt neben der Schwimmhalle gekauft hat und eine Katze, damit er nicht zu einsam ist. Trotzdem überzeugt ist, nichts im Leben verpasst zu haben.

Es hat immer noch Züge von Hörigkeit, wenn Phelps über das Verhältnis zu seinem Trainer spricht. "Ich mache, was er mir sagt. Ich frage nicht nach." Als Bowman 2004 an die University of Michigan wechselte, folgte Phelps ihm brav aus Baltimore in die Provinz: "Ich wäre mit ihm überall hingegangen. Auch nach Sibirien", sagt er.

Verläuft Olympia nach Plan, gibt es keine Steigerung für die Karriere von Michael Phelps. Obwohl er noch jung ist, wird er als Schwimmer seinen Zenit überschritten haben. Das jahrelange harte Training wird seinen Tribut fordern. Das weiß auch Bowman. Er sagt: "Wenn im September alles vorbei ist, will ich, dass Michael ein halbes Jahr Pause macht und über sein Leben nachdenkt." Phelps-Freund Cazeneuve meint: "Das wird sehr, sehr schwer für ihn. Er interessiert sich für nichts anderes, ein Studium ist sicher auch nicht sein Ding." Und Phelps selbst? "Ich will zum ersten Mal im Leben Spring Break feiern", sagt er spontan. "Mit Bier und Mädels." Was er mit dem Rest seines Leben anfangen wird? Schulterzucken bei Phelps. Viel Zeit, sich freizuschwimmen.

Mitarbeit: Sebastian Moll

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