Olympia-Exoten Dabei sein ist alles

Olympia ist die Jagd nach Rekorden, nach Medaillen, nach Ruhm und Geld. Für einige Sportler in Peking spielt das alles keine Rolle. Diese Olympia-Exoten führen ein Schattendasein und sind einfach nur froh, dabei zu sein. So einer ist auch Mohamed Attoumane, Schwimmer von den Komoren. stern.de hat den Mann nach dem größten Auftritt seines Lebens getroffen.
Von Jens Fischer, Peking

Man hatte ihm die Bahn drei gegeben. Bahn drei im Vorlauf Nummer sechs. 50 Meter Freistil, das größte Rennen seines Lebens. Olympia. In der gewaltigsten Schwimmhalle, in der er jemals gewesen ist. Donnerstag ist der große Tag des Mohamed Attoumane, der Moment, auf den er so lange gewartet hatte. Umringt von Schwimmern aus Nigeria, Jordanien, Sri Lanka, Mozambique, den Niederländischen Antillen und Guyana versucht der 26-Jährige seine Landsleute zu Hause glücklich zu machen.

Schon auf dem Weg zu den Startblöcken wirkt Attoumane nervös. Kein Wunder, der gigantische "Watercube" von Peking ist mal wieder voll besetzt, alle Zuschauer warten sehnsüchtig auf den ersten Auftritts des Superstars auf dieser Strecke, den Australier Eamon Sullivan, Weltrekordler und Goldfavorit über die kurze Sprintstrecke.

Zuvor aber steht Attoumane

auf dem Startblock, absolute Stille in der Halle, kein Ton ist zu hören. Wie es bei großen Schwimmveranstaltungen eben so üblich ist. Der Pfiff und Attouma springt. Die ersten Meter für ihn, und er gibt alles. Er versucht mit den Konkurrenten mitzuhalten, denn er weiß: Er hat einen leichten Lauf erwischt, die anderen werden keinen Weltrekord hier landen. Aber er kommt nicht recht voran, er verliert viel Zeit auf Yellow Yei Yah, auf Rodion Davelaar, auf Anas Hamadeh - eigentlich auf alle, die noch mit ihm im Becken sind. 50 Meter sind nicht lang, aber Attoumane ist nervös, seine Technik ist beschränkt, seine Bewegungen haben keinen Rhythmus. Er kämpft, denn er will nicht sein Gesicht verlieren.

Besonders nicht zu Hause in der Heimat. Seine Heimat sind die Komoren, eine Inselgruppe im Indischen Ozean und eines der ärmsten Länder der Welt. Mit einer der höchsten Putschraten. Die Komoren - das sind vier Hauptinseln in der Straße von Mozambique, auf halbem Weg zwischen Afrika und Madagaskar. Auf den Komoren gibt es viele Vulkane, Hügel und Küsten. Sonst haben sie nicht viel auf den Komoren - außer einem Riesen-Problem mit Malaria und einer hohen Säuglingssterblichkeit. Und sie haben Mohamed Attoumane, ihren Schwimmer bei Olympia in Peking. "Meine gesamte Nachbarschaft hat eben zugeschaut, ich habe es gespürt, wie sie mich angefeuert haben. Und wie sie um mich gebangt haben", sagt Attoumane nach seinem Auftritt in der Mixed-Zone des Wasserwürfels zu stern.de. Das ist es, was für den Olympia-Exoten wirklich zählt. "Ich will meine Landsleute glücklich machen", haucht er noch hinterher. Und man glaubt es ihm aufs Wort.

Der Name Komoren kommt

aus dem Arabischen und heißt übersetzt Mondinseln. Auf eben diesem muss sich Attoumane gefühlt haben, als er sich wenige Minuten vor dem Gespräch endlich dem Bahnende nähert. Einige Meter liegt er in diesem Exoten-Rennen schon hinter der Konkurrenz zurück, eine Ewigkeit auf dieser Strecke. Es ist nicht sein Tag. Und es doch sein Tag. Dabei sein ist alles. Attoumane ist nicht Michael Phelps, und er will es auch gar nicht sein. "Phelps und die anderen Weltklasseschwimmer, mit denen würde ich mich nie messen. Das geht doch nicht. Die haben doch ganz andere Bedingungen und werden schon als Kinder in ihrem Sport gefödert. Ich habe mir das alles alleine beigebracht. Phelps kann auf seine Leistung stolz sein, aber ich bin es auf meine auch", sprudelt es aus Attoumane heraus. Und dann folgt ein Satz, der nachdenklich macht: "Welche Leistung ist eigentlich mehr zu bewundern? Meine? Oder die von Phelps?" Im Zweifel wirklich die des Exoten. Wenn man dem Schwimmer gegenübersteht, dann fühlt man sich dem Olympischen Geist irgendwie nah. Sind es nicht genau diese Sportler, die es letztlich ausmachen? Fakt ist: Es gibt sie noch, die Abseitigen. Aber man muss sie suchen hier in Peking.

Für Attoumane war übrigens schon der letzte Freitag ein großer Tag. Er durfte bei der großen Eröffnungsfeier sein Land vertreten. Im Pekinger Nationalstadion, dem "Vogelnest". Dort wo die ganze Welt hingeschaut hat, ist er ins Stadion eingelaufen. Zu dritt waren sie. Da gab es seinen Teamkollegen, den 18-jährigen 100-Meter-Sprinter Mhadjou Youssouf, Bestzeit 10,68 Sekunden, und da war Ahamada Feta, Bestzeit über die gleiche Strecke unbekannt. Für alle drei war es ein unbeschreibliches Erlebnis, von dem sie zu Hause auf den Inseln noch lange erzählen werden. Apropos Zeiten: 29,63 Sekunden brauchte Attoumane über die 50 Meter im Becken des "Wasserwürfels", satte 5,63 Sekunden lag er im Ziel hinter dem Nigerianer Yei Yah zurück. Über 50 Meter im Schwimmen eine Welt. Aber wen interessiert das eigentlich?


Mehr zum Thema



Newsticker