HOME

Stern Logo Olympia 2010

Olympia: Anti-Doping-Experte: "Vollgepumpte Athleten"

Unterschiedliche Auffassungen: Anti-Doping-Experte Werner Franke hat in einem Interview starke Zweifel an der Effektivität der Konrollen bei Olympia geäußert. Der Vize-Präsident des IOC, Thomas Bach, zieht dagegen eine positive Bilanz.

Die olympischen Fahnder wähnen sich den Doping-Betrügern so dicht auf der Spur wie nie - Experte und Mahner Werner Franke meldet jedoch Zweifel an. "Wir waren noch nie so nahe an ihnen dran", sagte Thomas Bach, Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), am Ende der XXI. Olympischen Winterspiele in Vancouver, bei denen bisher kein Doping-Fall gemeldet wurde. Ob deshalb bei Olympia überhaupt nicht gedopt wird? Franke behauptet in einem Interview mit "Bild am Sonntag": "Diese Frage meinen Sie doch nicht im Ernst, oder? Viele Ausdauer-Athleten sind vollgepumpt bis oben hin."

Dagegen sieht Bach die Erhöhung der Doping-Kontrollen im Vergleich zu Turin 2006 um 70 Prozent auf mehr als 2000 Tests bei den Vancouver-Spielen als wirkungsvolle Abschreckung. "Für die Spiele kann man sagen, dass das Netz so eng war wie nie zuvor", sagte der deutsche Spitzenfunktionär. Außerdem würden die seit dem Blutdoping- Fall des Ski-Langläufers Johann Mühlegg bei den Winterspielen 2002 in Salt Lake City verfeinerten Zielkontrollen von Athleten bei Verdächtigungen immer erfolgreicher. "Ich bin ein Anhänger der Qualitäts-Theorie", meinte Bach. Zielkontrollen im Training seien "die Zukunft".

Franke: Kontrollen wenig wirkungsvoll


Der Zellbiologe und streitbare Doping-Bekämpfer Franke hält die Kontrollen dagegen für wenig wirkungsvoll. "Die Tests können Sie den Hasen geben. Sie werden immer noch nicht intelligent genug gemacht", kritisierte er. Man müsse testen und drei, vier Stunden später wiederkommen. "Denn bisher ist es so, dass sich ein Athlet nach einem Doping-Test sicher sein kann, dass er die nächsten 24 Stunden nicht mehr getestet wird." Dies müssten die Herren der Welt-Anti-Doping- Agentur (Wada) eigentlich wissen - gemacht würde trotzdem nichts.

"Es will keiner, dass der ganz große Sport hochfliegt", so Franke. So könne man heute auch auf Cera, die dritte Generation des Blutdopingmittels Erythropoetin (Epo) kontrollieren. "Es gibt mehr als Anzeichen, dass das 2006 in Turin benutzt wurde. Aber die Herren Funktionäre haben gemerkt: 'Ach Gott, ach Gott, da könnte eine Lawine auf uns zukommen'", sagte der Heidelberger. "Also wird es nicht nachgetestet." Dass die Wada als unabhängige Instanz etwas ausrichten werde, glaubt Franke nicht: "Hören Sie mit denen auf. Die Wada ist zurzeit entweder total unfähig oder total korrupt."

Doping-Proben werden acht Jahre eingefroren


Wie bereits die Doping-Proben der Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking werden auch die in Vancouver genommenen Urin-und Bluttest für acht Jahre eingefroren, um sie nachträglich mit neuen Nachweisverfahren untersuchen zu können. Nach Peking waren anhand der eingefrorenen Proben bei Nachtests sechs Athleten der verbotenen Cera-Einnahme überführt worden. "Die Peking-Nachtests haben gezeigt, dass es schnell gehen kann", sagte Bach.

In Vancouver gab es nur zwei Doping-Verstöße im Eishockey, die wegen ihrer minderen Schwere vom IOC nur mit Ermahnungen geahndet wurden. Der slowakische Profi Lubomir Visnovsky vom amerikanischen NHL-Club Edmonton Oilers war positiv auf das Stimulanzmittel Pseudoephedrin getestet worden. Es war in einem Erkältungsmittel enthalten, das Visnovsky allerdings auf der Doping-Kontrollerklärung angegeben hatte. Zuvor wurde die russische Spielerin Swetlana Terentewa überführt. Sie hatte ein Nasenspray mit einer darin enthaltenden verbotenen Substanz genommen. Bei den Turin-Spielen 2006 gab es einen Doping-Fall: Damals war die Biathletin Olga Pylewa (Russland) positiv getestet worden.

Andreas Schirmer/DPA / DPA

Wissenscommunity