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Olympia-Bilanz: Vancouver geht in die Geschichte ein

Der Tod des georgischen Rodlers Nodar Kumaritaschwili lag lange wie ein Schatten über den Olympischen Spielen. Dennoch bleibt Vancouver 2010 als rauschendes Sportfest in Erinnerung.

Von Christian Ewers, Whistler

Die Bilder der Spiele? Das schrecklichste: Nodar Kumaritaschwili, Rodler aus Georgien, wie er im Eiskanal von Whistler gegen einen Stahlpfosten prallt, die Beine voraus, mit den Armen nach Schutz suchend, der Schlitten senkrecht in der Luft, wie Strohhalm. Ein Toter bei Olympia. Es war ein Schock, wenige Stunden vor der Eröffnungsfeier, nichts Sclimmeres hätte passieren können.

Der Unfall von Nodar Kumaritaschwili lag wie ein Schatten über den Winterspielen, doch er verdunkelte das Fest nicht völlig. Die Spiele hielten inne, aber sie gingen weiter nach Schweigeminuten und Gedenkfeiern. Und dann wurde Vancouver 2010 ein besonderes Olympia. Es gab Bilder, die man lange nicht mehr gesehen hatte, nicht in Athen 2004, nicht in Turin 2006, nicht in Peking 2008: Gastgeber, die ihre Gäste feiern. Gastgeber, die sich berauschen an Sportarten, die ihnen zuvor fremd waren. Langlauf, Biathlon und Skisprung – Kanada holte nicht eine einzige Medaille, aber Kanada machte eine Party daraus.

Vancouver setzt Glanzlichter

Athen 2004 und Turin 2006 waren die Spiele der Teilnahmslosigkeit, Griechenland und Italien interessierten sich nicht wirklich für Olympia, Bilder von leeren Arenen gingen um die Welt. Peking 2008 waren die Spiele der Politik und des Protests. Es ging um Demokratie, Menschenrechte und Pressefreiheit, es ging bis zum Schluss um die berechtigte Frage, ob die Spiele überhaupt in ein Land wie China hätten vergeben werden dürfen.

Vancouver 2010 sind nun die Spiele gewesen, auf die alle sehnsüchtig gewartet haben, Olympia-Enthusiasten wie auch Olympia-Kritiker. Es waren Spiele, die zum Kern der olympischen Idee zurückkehrten, hier fand es tatsächlich statt, das Fest der Weltjugend. Vancouver 2010 war frei von großen Debatten, von weltweitem Protest, es waren Spiele, die in die Geschichte eingehen werden.

Vancouver 2010 wird ein Leuchtturm bleiben, denn die olympische Zukunft sieht düster aus: London 2012 werden die Spiele der Angst, London gibt über eine Milliarde Euro für Sicherheit aus – so viel wie keine anderer Veranstalter je zuvor. Sotschi 2014 wird ein zweites Peking werden, Spiele des Zweifels, wieder wird es um Demokratie und Menschenrechte gehen, und wieder um die Frage, ob eine Diktatur überhaupt Gastgeber sein darf.

Auferstehung des DSV

Für das deutsche Olympiateam war Vancouver 2010 eine lohnende Dienstreise, nicht nur wegen der Stimmung in den Stadien. Die Deutschen holten Medaillen, die sie sich selbst nicht zugetraut hätten: Drei Mal Gold im Ski alpin, Maria Riesch in der Kombination und im Slalom und Viktoria Rebensburg, gerade 20 Jahre alt, im Riesenslalom. Dabei wurden nach den letzten Winterspielen in Turin noch große Krisendebatten geführt, unrettbar schien der Skisport in Deutschland. Und jetzt plötzlich sind die Frauen aus dem Kader des Deutschen Ski-Verbandes (DSV) die schnellsten und erfolgreichsten der Welt.

Magdalena Neuner war die zweite große Überraschung. Sie reiste zwar als Biathlon-Weltmeisterin nach Kanada, aber dass sie ihre Disziplin so sehr dominieren würde, so leichtfüßig in der Loipe und so nervenstark am Schießstand, damit war nicht zu rechnen. Vier Rennen lief sie im Whistler Olympic Park, zweimal gewann sie Gold, einmal Silber, und wenn sie sich nicht freiwillig aus der Staffel zurückgezogen hätte, wäre wohl noch eine weitere Medaille dazugekommen.

In den Trendsportarten Nachholbedarf

Der deutschen Olympia-Mannschaft bleibt nach den Spielen 2010 die Erkenntnis, in den klassischen Wintersportarten noch immer zur absoluten Weltspitze zu zählen. Im Rodeln, Bob, Langlauf, Ski alpin und Biathlon (die Frauen retteten die Bilanz, die Männer schafften es nicht ein einziges Mal aufs Podium) war die Medaillenausbeute üppig. In den jungen olympischen Disziplinen jedoch hinken die Deutschen hinther. Man könnte sagen: Alles was alt und freudlos ist, das beherrschen die Deutschen. Alles, was staubt und kracht, wie zum Beispiel Skicross, oder was artistisch ist, wie ein Snowboard-Stunt in der Halfpipe, damit tun sie sich schwer.

Daran wird zu arbeiten sein, denn die olympische Zukunft liegt nicht im Rodeln und Langlauf. Sie liegt in Sportarten, die jung sind, die Spaß machen, die spektakulär und ein Genuss fürs Auge sind. Auch ohne eingeblendete Stoppuhr. Die Stimmung in Cypress Hill, in der Nähe von Vancouver, war sensationell. Cypress Hill war ein riesiger Abenteuerspielplatz, hier schlug das Herz der Spiele. Die Deutschen hatten auch ein paar Athleten geschickt. Sie gingen leer aus. Sie durften nur mal den Puls fühlen.

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