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Glückskind des Tages Kerstins silbernes Wunder


Kerstin Thieles Silbermedaille im Judo kommt wie aus dem Nichts. Eigentlich hätte die Leipzigerin gar nicht in London dabei sein sollen, doch ihr Trainer glaubte an sie - trotz vieler Rückschläge.
Von Felix Haas

Drei weiße Fahnen wiesen Kerstin Thiele den Weg zur Medaille. Nach der Verlängerung ihres Halbfinal-Kampfes gegen die Chinesin Chen Fei stand es unentschieden. Keine der beiden Kämpferinnen hatte sich einen Punktevorteil verschaffen können. In einem solchen Fall entscheiden die Kampfrichter. Sie heben ihre Fahnen und winken die aktivere Judokämpferin weiter. Und Kerstin Thiele war aktiver gewesen – darüber waren sich auch die Richter einig. Thiele schlug die Hände vor den Mund und verdrückte kurz Tränen. Sie stand im Finale. Silber war ihr sicher. Und das alles nach dieser langwierigen Pechsträne.

Dass die 25-jährige Leipzigerin 2012 die Silbermedaille im Judo gewinnen würde, dass sie den Wettkampf ihres Lebens abliefern würden, damit hatte sie selbst nicht gerechnet. Im Finale war sie gegen die französische Top-Favoritin und Weltmeisterin Lucie Decosse zwar chancenlos. Doch Silber war für Thiele Gold wert. Denn eigentlich hätte sie gar nicht dabei sein sollen in London. Eigentlich hatte sie ein Seuchenjahr hinter sich, hatte im Frühjahr dieses Jahres die #link;http:www.stern.de/olympia2012;Olympischen Spiele# bereits abgehakt.

Langwierige Verletzungen

Es waren Verletzungen, die sie immer wieder zurückwarfen. Erst war es Anfang 2011 der Daumen, der zwickte - es folgte eine wochenlange Pause. Dann verdrehte sie sich kurz vor der letztjährigen WM in Paris im Training das Knie - der so sehr ersehnte Start bei der WM an ihrem Geburtstag, er fiel aus. "Ich bin sehr traurig, aber es ist das Vernünftigste", sagte Thiele damals. Doch glücklich konnte sie nicht sein. Denn all die Verletzungen warfen sie auch in der Olympia-Qualifikationswertung zurück. Thiele lag im Ranking hinter ihrer Berliner Kollegin Iljana Marzok. Olympia war in weiter Ferne.

Es war Bundestrainer Michael Bazynski, der an sie glaubte. Sie erhielt als Letzte der Judoka doch noch den Olympiazuschlag. Bazynski vertraute ihr. "Als ich gefragt wurde, wer von meinen Frauen eine Medaille holt, habe ich sie genannt", erzählte der Trainer stolz. Und das trotz des Seuchenjahrs. Bazynski wusste um ihre Fähigkeiten. Kurz vor ihrer Leidenszeit hatte sie noch einen zweiten Platz beim prestigeträchtigen Grand Slam in Paris geholt. Der Trainer ahnte, dass eine fitte Kerstin Thiele weit kommen könnte. Er sollte mit seiner Nominierung Recht behalten.

"Wahnsinn. Es ist Silber"

Im olympischen Turnier bezwang Thiele erst die neuseeländische Außenseiterin Moira de Villiers mit einem Pflichtsieg, doch dann machte sie ernst und überraschte die Konkurrenz. Sie besiegte die starke Ungarin Anett Meszaros durch Kampfrichter-Entscheid nach Verlängerung, im Pool-Finale war die WM-Zweite Edith Bosch aus den Niederlanden an der Reihe. Im Halbfinale wartete dann der entscheidende Verlängerungskampf gegen Chen Fei. "Das war ein harter Fight", sagte Thiele, "Als die Fahnen hoch gingen, haben meine Beine gezittert."

Nach dem verlorenen Finale strahlte sie über das ganze Gesicht. "Das war ein grandioser Tag. Ich habe alle Kräfte mobilisiert. Ich war kurz enttäuscht, aber Silber ist Wahnsinn", meinte sie strahlend und fügte nochmals hinzu: "Wahnsinn. Es ist Silber."

Von Felix Haas mit Agenturen

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