America's Cup Showdown im Mittelmeer


Vor der Küste Valencias hat der Louis Vuitton Cup begonnen. Gesucht wird der Herausforderer von America's-Cup-Verteidiger Alinghi. stern.de sagt Ihnen jetzt schon, was von den elf Herausforderern, darunter erstmals auch ein deutsches Team, zu erwarten ist.
Von Roberto Lalli delle Malebranche, Valencia

Cup-Verteidiger Alinghi

Für die finanziell und technologisch bestens ausgestatteten Schweizer, die ab dem 23. Juni im eigentlichen America's Cup auf den Gewinner des Louis Vuitton Cup treffen werden, heißt es jetzt warten und üben. Sie haben in den Acts ihren noch unbekannten Gegner kennen gelernt, wahrscheinlich rechnen sie fest damit, dass ihr Herausforderer am Ende Emirates Team New Zealand oder BMW Oracle Racing heißen wird. Fürchten müssen sie indes beide nicht, denn die Männer um den deutschen Sportdirektor Jochen Schüman haben noch ein echtes Ass im Ärmel: ihr neues Boot SUI 100, von dem noch niemand weiß, wie wendig und wie schnell es wirklich sein wird und um das sich gleichwohl jetzt schon Legenden ranken. Wer auch immer von den elf Herausforderern nach Dutzenden von Match Races und unzähligen, nervenaufreibenden Duellen den Louis Vuitton Cup gewinnen wird: richtig ernst wird es erst beim America's Cup gegen die Eidgenossen.

Die Acts

Das Besondere an diesem Louis Vuitton Cup sind die so genannten Acts, die von den Schweizern erstmals ins Reglement aufgenommen wurden. In dreizehn Regatten, von Malmö bis Marseille, hatten die Herausforderer der Alinghi in den letzten drei Jahren die Möglichkeit, die Stärken und Schwächen ihrer Mitbewerber auszuloten. Die Acts, die eigentlich lediglich das Interesse der Medien und Segelbegeisterten für den America's Cup schüren sollten, haben damit quasi nebenbei die Kräfteverhältnisse im Feld der Herausforderer offenbart: danach werden in den kommenden Tagen drei Favoriten, zwei junge Wilde, fünf Hoffnungsträger und ein Lehrling Segelgeschichte schreiben.

Die Favoriten

Schon bald nach dem Sieg der Alinghi beim America's Cup 2003 in Auckland, stand für die Experten fest, wer 2007 in Valencia zu den heißesten Anwärtern auf den Louis Vuitton Cup zählen würde: zum einen die Neuseeländer, die von einer ganzen, segelbegeisterten Nation unterstützt, ihre Revanche suchen würden, dann, finanzstark und knallhart durchorganisiert, BMW Oracle aus den USA, das 2003 neben Alinghi stärkste Team, und schließlich die Italiener um Prada-Chef Bertelli, die 2000 zwar den Louis Vuitton Cup gewinnen konnten, dann aber den damals noch überlegenen Neuseeländer im America's Cup klar unterlagen.

Die Männer von

Emirates Team New Zealand

sind dabei die eigentlichen Gewinner der dreizehn Acts auf dem Weg nach Valencia: Kein Herausforderer war in den letzten drei Jahren besser als sie. Als einziges Team nehmen sie vier Bonuspunkte in die ersten zwei Round Robins des Louis Vuitton Cup mit, wo es für einen Sieg Boot gegen Boot jeweils zwei Punkte geben wird. Das Geheimnis ihrer Stärke liegt in einem früh fertig gestellten und entsprechend austrainierten zweiten Boot (NZL-92) und einem sehr guten Segelteam, dem Dean Barker als Skipper vorsteht. Die Neuseeländer fürchten weder BMW Oracle noch Alinghi, das ebenfalls an den Acts teilnahm: Beide Spitzenteams konnten sie wiederholt eindrucksvoll schlagen. Aber sie haben einen Angstgegner: Luna Rossa, das Prada-Boot. Gegen die Italiener fuhren die Kiwis 2006 ihre höchste Niederlage ein (1 Minute und 8 Sekunden Rückstand), und einmal siegten sie nur denkbar knapp mit 11 Sekunden Vorsprung. Die Rennen dieser beiden Teams sollten sie also nicht verpassen.

BMW Oracle Racing

, das US-amerikanische Team mit deutschem Sponsor, ist die graublaue Eminenz beim diesjährigen Louis Vuitton Cup. Mit Hunderten von Millionen und dem exzentrischen Milliardär Larry Ellison im Rücken, setzen die Topfavoriten auf teure Technologie und – gutes altes Pokern. Das erste Boot (USA 87) war schnell genug für den zweiten Platz bei den Acts und drei Bonuspunkten, bleibt die Frage, was das zweite, neue Boot (USA 92) bringen kann und bringen wird. BMW Oracle setzt offenbar auf einen Überraschungseffekt: USA 92 ist vermutlich auf warmes Wetter und leichten Wind ausgelegt, Bedingungen, wie sie im Finale des Louis Vuitton Cup bzw. beim America's Cup selbst vorherrschen werden. Größtes Manko der US-Boys ist hingegen die schlechte Stimmung an Bord. Wiederholt verließen hoch bezahlte Spitzenleute das Team, nach Streitigkeiten mit Ellison, wie es heißt.

Warum segelt Handtaschenkönig und Prada-Chef Patrizio Bertelli ausgerechnet bei einem Cup mit, der seinem größten Konkurrenten Louis Vuitton Werbeminuten und Imagegewinn bringt? Ist das italienisches Selbstbewusstsein oder sympathische Selbstüberschätzung? Beides wahrscheinlich: Patrizio Bertelli ist seit seiner Jugend passionierter Segler, der Werbeeffekt für die Marke Prada oder das Geld anderer Sponsoren standen für ihn nie im Vordergrund. Luna Rossa Challenge ist deshalb ein italienischer Familienbetrieb geblieben, mit viel Leidenschaft und nur einem Hauptsponsor: Prada. Das hat seine Nachteile. Bei der Entwicklung des neuen Bootes ITA 94 liefen den Italiener am Ende die Zeit, vor allem aber die Kosten davon und Chefdesigner Richard Gillies musste zähneknirschend auf revolutionäre Neuerungen verzichten. Die Italiener, dritte bei den Acts und um drei Bounspunkte reicher, werden also wohl nicht mehr wesentlich stärker werden. Ob das am Ende gegen die technologisch hochgerüsteten Neuseeländer und US-Amerikaner reichen wird ist fraglich.

Die jungen Wilden

Beim Louis Vuitton Cup 2007 gibt es jetzt schon, also noch bevor er überhaupt begonnen hat, zwei dicke Überraschungen: das spanische Team und die Italiener von Mascalzone Latino.

Desafio Espanol

steigerte sich zwischen Act 4 und Act 13 deutlich und erreichte am Ende in der Gesamtwertung den vierten Rang und drei Bonuspunkte. Das lag nicht zuletzt daran, dass die hoch motivierten Spanier um den deutsch-polnischen Skipper Karol Jablonski gerade gegen die Topteams hervorragend segelten. Der Bau des zweiten Bootes, ein bei einem Gesamtbudget von nur 60 Millionen Euro mutiges Unterfangen, scheint sich gelohnt zu haben: Beim letzten Act vor der heimischen Küste, fuhren die Spanier vor wenigen Tagen mit der ESP 97 im sechsten Rennen sogar einen Sieg ein und festigten damit ihren Anspruch auf einen Halbfinal-Platz im Louis Vuitton Cup.

Wenn da nicht die Strolche von

Mascalzone Latino – Capitalia Team

wären. Die Italiener, in den Acts ganz knapp fünfte hinter den Spaniern, könnten es in den nächsten Wochen ebenfalls unter die vier Besten schaffen. Voraussetzung dafür ist eine bessere Leistung bei den für den Regattaausgang so wichtigen fliegenden Start und die Optimierung des neuen Bootes ITA 99. Die Verpflichtung der dänischen Startspezialisten Jes Gram-Hansen und Rasmus Kostner hat schon den ersten Erfolg gebracht: Im letzten Rennen von Act 13 vor Valencia wurden die Italiener hinter Alinghi und BMW Oracle dritte. Wir dürfen also gespannt sein, wie sich die Strolche gegen ihre direkten Konkurrenten, die Spanier von Desafio, schlagen werden.

Die Hoffnungsträger

Für die folgenden fünf Teams wird der Louis Vuitton Cup und erst recht der America's Cup wohl ein unerreichbarer Traum bleiben. Und das, obgleich sie genau so hart und so viel gearbeitet haben wie die Favoriten. Schuld ist zumeist das niedrige Budget, sprich langsamere Boote und schlechteres Material, Nachteile, die die siebzehn Männer an Bord der 25-Meter-Yachten nicht wettmachen können. Das weiß auch Jesper Bank, Skipper des

United Internet Team Germany

, der mit seiner Mannschaft sehr und mit seinem Boot GER 89 überhaupt nicht zufrieden ist. Ein Mastbruch und eine defekte Kielpinne kosteten wertvolle Entwicklungszeit, vom Erreichen des Halbfinals beim Louis Vuitton Cup spricht bei den Deutschen niemand mehr. Was bleibt, ist die Planung für den nächsten Wettbewerb und die Hoffnung auf den ein oder anderen Überraschungssieg bei den Regatten der nächsten Tage. Beim dritten italienischen Team, den Männern von

+39 Challenge

, sieht es nach einer von den deutschen verursachten Kollision mit anschließendem Mastbruch nicht besser aus. Ob der Mast rechtzeitig zu ersetzen sein wird, ist ungewiss, aber so oder so haben die Segelzwerge mit ihrem 35 Millionen-Budget trotz ihres hochkarätigen Segelteams keine Chance, beim Louis Vuitton Cup für eine Überraschung zu sorgen.

Das gilt wohl auch für die Franzosen von

Areva Challenge

, für die Schweden von

Victory Challenge

und für die Südafrikaner vom

Team Shosholoza

. Bei den notorisch unterfinanzierten Franzosen haben sich die in das neue Boot FRA 93 gesetzten Erwartungen bisher nicht erfüllt, die Schweden, sechste in der Acts-Gesamtwertung, haben ihr neues Boot SWE 96 "Järv" genannt, Vielfraß, um sich Mut zu machen wahrscheinlich, und einzig den Südafrikanern von Shosholoza ist es bei den Acts gelungen, den ein oder andern Favoriten zu schlagen: Was ihnen mit ihrem ausgereiften Boot RSA 83 auch in den kommenden Tagen immer wieder einmal gelingen könnte.

Der Lehrling

War es das? Fast. Denn so wenig wir den Namen des Siegers des nächsten Louis Vuitton Cup wissen können, so sicher wissen wir, leider, jetzt schon, wer letzter werden wird:

China Team

. Die Chinesen, erstmals bei einem Louis Vuitton Cup dabei, haben trotz französischer Hilfe und dem nach Feng Shui verheißungsvollen Kürzel CHN 95, kaum Aussicht, die rote Laterne des Letzten loszuwerden. Aber die Chinesen sehen ihren ersten Auftritt bei den Acts und hier in Valencia lediglich als Lehrstunde auf dem Weg zu künftiger Meisterschaft, und sie scheinen nicht die einzigen zu sein, die so denken: Immerhin haben sich Sponsoren wie der Uhrenhersteller Tag Heuer und das Whisky-Label Chivas bereit gefunden, die Kampagne zu unterstützen, und das staatlich genehmigte Symbol des Teams, ein geringelter roter Drache, sieht dem Logo des Cupverteidigers Alinghi verblüffend ähnlich. Beides lässt Großes erwarten.


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