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Boxen: Huck will Schwergewichtschampion werden - Abraham will zurück in die Spur

Der Boxfrühling wartet mit einem Schwergewichtskracher und einem Cruisergewichtskrimi auf. Wir blicken mit Kalle Sauerland auf Huck vs. Povetkin voraus und beleuchten das Comeback von Arthur Abraham.

In den vergangenen Wochen und Monaten wurde immer wieder eine Krise oder gar der Untergang des Boxens in Deutschland heraufbeschworen und diskutiert. Zu Beginn diesen Jahres scheint es so, als wollte der Berliner Sauerland-Stall mit einer Reihe von Kampfabenden ein Zeichen gegen diesen Trend setzen.

Am vergangenen Wochenende feierte der ehemalige Mittelgewichts-Weltmeister Arthur Abraham sein Comeback gegen den Argentinier Pablo Farias. Schon am 4. Februar geht es mit der Cruisergewichts-WM zwischen Yoan Pablo Hernandez und Steve Cunningham weiter. Und Ende Februar will Marco Huck gegen Alexander Povetkin Nachfolger von Max Schmeling als deutscher Schwergewichts-Weltmeister werden. Gemeinsam mit Kalle Sauerland (Sauerland Event) wagen wir einen Blick zurück und voraus.

Anspruch und Wirklichkeit

"Das war ein guter Auftakt, aber unser Anspruch muss ein anderer sein.“ So treffend fasste Trainer-Fuchs Uli Wegner die Leistung seines Schützlings Arthur Abraham am vergangenen Wochenende zusammen. Natürlich hatte Abraham gegen den überforderten Argentinier Pablo Farias ungefährdet durch TKO in der fünften Runde gewonnen, aber für die von manchen vielleicht erhoffte Standort-Bestimmung war der "boxende Müllmann aus Buenos Aires“ (FAZ) dann doch zu schwach.

"Arthur hat gemacht, was wir von ihm verlangt haben“, meint Promoter Kalle Sauerland gegenüber sportal.de. "Er hat seinen Gegner in fünf Runden ausgeknockt. Was kann man denn mehr erwarten? Alle Leute, die ihn jetzt scharf kritisieren, dürfen nicht vergessen, dass Arthur unter einem enormen Druck stand. Das war ein Alles-oder-nichts-Kampf für ihn. Natürlich war es keine WM, sondern ein Aufbaukampf, in dem es für Arthur in erster Linie darum ging, wieder Selbstbewusstsein aufzubauen. Aber genau das hat er gemacht. Ich bin in jedem Fall sehr zufrieden mit seiner Leistung.“

Kritik und neue Bescheidenheit

Kalle Sauerland stellt sich vor seinen Boxer, der nach seinem glanzlosen Auftritt auch Kritik von prominenter Seite einstecken musste. TV-Experte Henry Maske meinte laut bild.de gar, dass die gezeigte Leistung Abraham "nicht auf den Weg zurück zum WM-Titel bringen“ wird. Tatsächlich gab sich auch der frühere "King Arthur“ selber unmittelbar nach dem Kampf ungewohnt selbstkritisch. "Das war nichts Besonderes, es hätte noch besser sein können“, sagte Abraham laut FAZ, die daraus eine "neue Bescheidenheit“ beim Wahl-Berliner ableitete.

Abrahams Ziel ist und bleibt ein neuerlicher Anlauf auf den WM-Thron. "Ich will am Ende des Jahres wieder Weltmeister sein“, sagte Abraham, nicht ohne hinzuzufügen, dass er "dafür noch viel arbeiten“ muss. Und auch auf Kalle Sauerland kommt ein bisschen Arbeit zu. Schließlich muss für dieses Ziel die richtige Gegnerschaft verpflichtet werden. Ein unmittelbares Duell mit WBO-Champion Robert Stieglitz, das sich nach dessen erfolgreicher Titelverteidigung gegen Henry Weber noch am späten Samstagabend anzudeuten schien, schließt der Promoter vorerst aus. "Stieglitz muss im April erst mal gegen Mikkel Kessler boxen. Danach sehen wir, wie die Geschichte weitergeht“, so Sauerland.

Hernandez vs. Cunningham am 4. Februar in Frankfurt

Das für den 14. April in Dänemark geplante WM-Duell zwischen Kessler und Stieglitz könnte dabei der krönende Abschluss eines heißen Box-Frühjahrs werden, das vor Sauerland-Veranstaltungen nur so strotzt. Schon am 4. Februar kommt es in Frankfurt zum Rückkampf zwischen IBF Cruisergewichts-Weltmeister Yoan Pablos Hernandez und Ex-Champion Steve "USS“ Cunningham. "Da geht es für beide Seiten um sehr, sehr viel“, weiß Kalle Sauerland. "Und es wird mit Sicherheit ein Super-Kampf. Beide Boxer haben eine herausragende Technik gepaart mit außergewöhnlicher Schlagkraft.“

Den ersten Kampf im vergangenen Oktober hatte Hernandez durch eine umstrittene technische Punktentscheidung für sich entschieden. Der Kubaner war zwar stark gestartet und hatte Cunningham in der ersten Runde so schwer zu Boden geschlagen, dass der Ringrichter laut Sauerland "locker bis 17“ hätte zählen können. Doch der Amerikaner rappelte sich nicht nur wieder auf, sondern riss das Duell in den folgenden Runden immer mehr an sich.

Als der Kampf in der sechsten Runde aufgrund eines Cuts bei Hernandez abgebrochen und ausgepunktet wurde, lag der Kubaner auf den Punktzetteln nur noch knapp vorne. Der Weltverband IBF ordnete ein unmittelbares Re-Match an. Wie Kalle Sauerland einräumt, war er mit dieser Entscheidung zwar nicht einverstanden, dennoch freut sich der Veranstalter auf "einen der besten Kämpfe des Jahres für Box-Feinschmecker“.

Marcos großer Traum

Wiederum nur drei Wochen später steht dann direkt das nächste Highlight auf dem Programm, wenn Cruisergewichts-Weltmeister Marco Huck ins Schwergewicht aufsteigt, um WBA Champion Alexander Povetkin herauszufordern. Dass er damit – wie schon beim Stallduell zwischen Hernandez und Cunningham – zwei seiner "Hoffnungsträger“ in ein direktes Duell schicken müsse, gefalle Sauerland zwar eigentlich nicht. "Aber am Ende des Tages hat Marco den großen Wunsch, sich seinen großen Traum im Schwergewicht zu erfüllen.“

Huck ließ in den letzten Wochen keine Gelegenheit aus zu betonen, dass er Max Schmeling als Weltmeister im Schwergewicht beerben wolle. Auch Uli Wegner räumte ein, dass es für ihn etwas Besonderes wäre, zum ersten Mal einen Champion in der "Königsklasse“ hervorzubringen. Allerdings bemühte sich der Trainer auch darum, die Euphorie seines Schützlings in die richtigen Bahnen zu lenken. "Selbstbewusst aufzutreten ist an sich gut, doch es muss etwas dahinterstecken. Er sagt manchmal Sachen, bei denen man merkt, dass er die Dinge nicht immer realistisch einschätzen kann. Marco muss sich am Riemen reißen“, so Wegner laut sid.

Rückkehr ins Cruisergewicht als Hintertürchen

Falls Huck sich seinen Traum nicht erfüllen sollte, steht ihm übrigens der Weg zurück ins Cruisergewicht nach wie vor offen. Seinen WBO-Weltmeister-Titel im Gewichtslimit bis 90,719 Kilogramm muss "Käptn Huck“ für den Ausflug ins Schwergewicht nämlich nicht niederlegen, wie irrtümlich vermeldet worden war. "Seinen Titel darf er nach WBO-Regeln behalten für den einen Kampf und danach müsste man eine Entscheidung treffen“, stellt Kalle Sauerland klar. "Aber ich denke, beide Boxer – Povetkin und Huck – denken nicht ans Verlieren und deshalb planen wir nicht für den Fall.“

Insgesamt freut sich der Promoter auf den turbulenten Jahresbeginn: "Wir haben für den 31. März noch ein Event geplant. Mal sehen, was wir da machen. Es tut sich sehr viel bei uns, und das ist alles positiv. Es gibt viele schöne Sachen, über die man sprechen kann.“ Grund für die Veranstaltungs-Dichte ist natürlich die "lange Sommerpause“ in die Sauerland gehen wird, weil es während der Fußball-Europameisterschaft und der Olympischen Spiele keine Box-Abende geben wird.

Die Frage, warum es dabei in den kommenden Woche ausgerechnet stallinterne Duelle geben wird, beantwortet Kalle Sauerland übrigens so: "Man hat als Box-Promoter in Deutschland eben auch die Verpflichtung, das Beste zu liefern. Das tun wir auf jeden Fall ohne Rücksicht auf uns selbst.“ Im Ring wird sich zeigen, ob Sauerland diesen hohen Ansprüchen gerecht wird und über wen man nach den kommenden Wochen noch gerne sprechen wird.

Michel Massing 

sportal.de / sportal

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