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Doping-Beichten: Spritztour mit Konsequenzen

Zwei frühere Radprofis des Rennstalls Team Telekom geben zu, jahrelang gedopt zu haben. Die Nachricht erschüttert die deutsche Radsportszene - und wird Konsequenzen haben. Die Deutsche Telekom stellt jetzt ihr Engagement infrage.

Von Axel Kintzinger

Dass bei einem Radrennen Fairness und Ehre eine Rolle spielen können, hat der Rennfahrer Bert Dietz in den Höhen der Sierra Nevada erfahren. Es ist zwar schon zwölf Jahre her, aber dieses Ereignis blieb nicht nur Dietz in bester Erinnerung, sondern ist auch vermerkt im Geschichtsbuch dieses großen Sports.

Bei einer Bergetappe der Spanienrundfahrt Vuelta ist der damalige Profi vom Team Telekom dem Hauptfeld enteilt, 200 quälende Kilometer lang kämpft er allein gegen steile Anstiege und fiesen Wind, angefeuert von den begeisterten Zuschauern am Rand der Straße. Der Ausreißer wird natürlich müde; je näher er dem Ziel kommt, desto mehr verlässt ihn die Kraft - und plötzlich taucht Laurent Jalabert, der große Radstar dieser Zeit, 30 Meter vor der Ziellinie neben Dietz auf. Doch der Franzose zieht nicht vorbei, sondern greift in die Bremse. Er feuert Dietz an und passt auf, eine halbe Radlänge hinter dem Deutschen anzukommen - damit der den Lohn und die Ehre für seine Flucht einheimst.

Regelmäßig Epo gespritzt

Diese schöne, rührende Anekdote hat seit Montagabend einen faden Beigeschmack bekommen. Denn Dietz packte als erster Ex-Radprofi in einem Fernsehinterview aus, wie, womit und mit wessen Hilfe er schon in jenem Jahr gedopt hatte. Ab 1995, also auch während der damaligen Vuelta, spritzte er sich regelmäßig das Blutdopingmittel Erythropoetin, kurz: Epo. Den Stoff habe er von den langjährigen Teamärzten Lothar Heinrich und Andreas Schmid von der Universität Freiburg erhalten.

Am Dienstagnachmittag dann das nächste Geständnis eines Ex-Telekom-Profis: Auch Christian Henn war gedopt. Diese Nachrichten erschüttern die deutsche Radsportszene - und haben möglicherweise Auswirkungen über diesen Sport hinaus. Denn in der Freiburger Uniklinik ließen und lassen sich nicht nur Radsportler behandeln, auch Leichtathleten gehören zu den Patienten von Heinrich und Schmid.

Katastrophe für T-Mobile

Dietz nannte im Fernsehstudio von "Beckmann" zwar keine Namen von Teamkollegen - aber er ließ keinen Zweifel daran, dass die gesamte Mannschaft systematisch gedopt worden ist: "Alle wussten darüber Bescheid." Alle, das wären neben den sportlichen Leitern, Trainern und Masseuren auch der Sponsor Telekom und vor allem die beiden Tour-Sieger dieser Mannschaft, Bjarne Riis und Jan Ullrich. Dietz half ihnen, 1996 und 1997 die Frankreichrundfahrt zu gewinnen.

Für die Telekom, deren Tochter T-Mobile seit 2004 Namensgeber des Rennstalls ist, kommt diese Aussage einer Katastrophe gleich - zumal mit dem früheren Masseur Jef D'hont vor wenigen Wochen schon ein Mannschaftsmitglied gleichlautende Aussagen gemacht hatte. Und weil das so ist, schloss der Konzern am Dienstag erstmals nicht mehr aus, sein Engagement im Radsport zu beenden. "Wir unterziehen diese Frage einer ständigen Überprüfung und können keine Garantie für die Ewigkeit abgeben", sagte Teamsprecher Christian Frommert etwas wolkig, bevor er dann konkreter wurde: Man werde schon in den nächsten Tagen zu "einer ganz klaren Entscheidung kommen". Stephan Althoff, Sponsoring-Leiter der Telekom, ging noch weiter und sagte der "Süddeutschen Zeitung", man müsse Konsequenzen ziehen, wenn der Sport nicht "sauber zu bekommen"‘ sei. Ein Rückzug liege im Interesse des Vorstandsvorsitzenden René Obermann, hieß es im Konzern.

Trennung von Ullrich-Intimus Ludwig

Momentan spendiert T-Mobile dem Team ein Jahresbudget von 15 Mio. Euro, hinzu kommen noch erhebliche Aufwendungen für Marketing und Werbung. Der Vertrag läuft bis 2010. Das 16 Jahre währende Engagement hat sich offenbar gelohnt. Für die Agentur BBDO Consulting ist die Telekom nicht zuletzt deshalb die bekannteste und wertvollste Marke Deutschlands. Noch im vergangenen Sommer schwärmte Ulli Gritzuhn, Marketingvorstand bei T-Mobile International, Radsport sei das "ideale Engagement". Damals hatte sich der Rennstall von der deutschen Sportikone Jan Ullrich getrennt, nachdem dessen Verbindungen zum spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes bekannt geworden waren. Ullrich, der als Top-Favorit für die Tour de France 2006 galt, wurde wenige Tage vor dem Start aus dem Verkehr gezogen. Die spektakuläre Aktion besiegelte das Ende der Karriere Ullrichs.

Man ging sogar noch weiter - und trennte sich von der Betreiberfirma Olaf Ludwig Cycling. Teamchef Ludwig, dessen Nähe zu Ullrich ein nicht mehr zu kaschierendes Problem geworden war, wurde entlassen. Ihn löste Bob Stapleton ab, Mitbegründer und Vorstand des US-Mobilfunkkonzerns Voicestream Wireless. Neuer sportlicher Leiter wurde Ex-Profi Rolf Aldag - er sollte die Mannschaft in eine neue, dopingfreie Zeit führen. Das Team T-Mobile sollte Vorbildcharakter haben, ein Leuchtfeuer werden für die im Dopingsumpf versunkene Radsportszene. Man wolle dafür sogar in Kauf nehmen, ein paar Jahre nur hinterherzufahren, hieß es.

Neuanfang in Gefahr

Jetzt steht auch dieser Neuanfang infrage - denn Aldag, der ihn organisieren sollte, steht seit dem Geständnis von Dietz selbst in Verdacht. Von 1993 bis 2003, also auch in der von Dietz als Zeit des systematischen Dopings beschriebenen Phase, fuhr Aldag für das Team Telekom, half, zusammen mit Dietz, Riis und Ullrich bei ihren Tour-Siegen. "Wir werden mit ihm völlig offen reden", kündigte Mannschaftssprecher Frommert am Dienstag an. Bisher leugnete Aldag stets, von Doping im Team Telekom je etwas mitbekommen zu haben.

Die Beweislage bleibt unklar. Epo ist zwar seit zwölf Jahren verboten. Aber erst seit 2001 gibt es eine gültige Nachweismethode. Stichhaltige Belege für systematisches Epo-Doping hat auch Dietz bislang nicht vorlegen können. Als Indiz müsse erst mal seine "Aussage" herhalten, schränkte er im "Beckmann"-Interview ein. Allerdings deutete er an, noch über Unterlagen von Blutwertmessungen aus der damaligen Zeit zu verfügen. Erste Folgen hat sein Geständnis allerdings für die Freiburger Ärzte. Das Arbeitsverhältnis mit Heinrich und Schmid, die nach einem D'hont-Interview im "Spiegel" vom Team T-Mobile suspendiert wurden, soll nun zum Ende des Jahres auf jeden Fall beendet werden. Nun droht ihnen auch noch die Entlassung bei der Freiburger Uniklinik. Die Hochschule hat bereits eine Untersuchungskommission eingesetzt.

Epo im Päckchen per Post

Dort wird man die beiden Mediziner demnächst mit sehr exakten Schilderungen Dietz' konfrontieren. Der berichtete nämlich, wie ihm bei der Saisonvorbereitung 1995 auf Mallorca von Heinrich und Schmid erstmals der Einsatz von Epo vorgeschlagen wurde. Man habe sich damals "gewundert über die Erfolge spanischer und italienischer Fahrer", der Sponsor Telekom habe bessere Leistungen seiner Fahrer verlangt - und da könne ein neues Mittel hilfreich sein. Heinrich und Schmid wiesen zwar auf die Gefahr hin, dass Epo zu Blutverdickung führen kann. Aber mit Aspirin und anderen blutverdünnenden Medikamenten, so der beruhigende Tipp der Ärzte, sei das kein Problem. Zusätzlich zu Epo wurden auch Wachstumshormone verabreicht, sagte Dietz. Den Stoff mussten die Fahrer selbst zahlen - pro Jahr zwischen 3000 und 5000 DM. Der Stoff sei entweder von D'hont geliefert oder im Päckchen zugesandt worden - per Post. Auch diese Aussage stützt die Angaben D'honts, die er bereits vor Wochen gemacht hat.

Dietz begründete sein überraschendes Geständnis - "Ich kann offen reden, weil ich nicht mehr Teil des Systems bin" - mit der Hoffnung, auch "anderen Mut zu machen" bei der Aufarbeitung ihrer Dopingvergangenheit. Sein Plan scheint aufzugehen, wie man an Christian Henns gestrigem Geständnis sieht. Henn, wie Dietz Team-Telekom-Profi in den 90er-Jahren, gab zu, seinerzeit mit Epo, das er von Heinrich und Schmid bezogen habe, gedopt zu haben. Henn ist seit 2001 sportlicher Leiter des ambitionierten deutschen Rennstalls Gerolsteiner. Spätestens jetzt wird die Luft dünn für seinen Kollegen vom Team T-Mobile, Aldag, - und auch für Tour-Sieger Riis, heute Chef des erfolgreichen dänischen Teams CSC. Riis hatte seinen Star Ivan Basso gefeuert, als dessen Kontakte zu Fuentes öffentlich wurden.

Freude über Dietz' Aussagen

Wie soll es nun weitergehen? Auch dafür hat Dietz eine Idee: Er denkt an eine Amnestie für alle, die sich zu ihren Taten bekennen, um künftig frei von unerlaubten Hilfsmitteln und befreit von der Angst vor Enthüllung Rad fahren zu können. Den Vorsitzenden des Bundestags-Sportausschusses, Peter Danckert, konnte er schnell überzeugen. "Wir können den Dopingsumpf nur trockenlegen, wenn die Aktiven reinen Tisch machen und alle belastenden Dinge freimütig einräumen", sagte der SPD-Abgeordnete. "Wer ein umfassendes Geständnis ablegt und sich an der Aufklärung beteiligt", so der Politiker, "muss die Chance für einen Neuanfang erhalten." Aus der Sportpolitik kam prompt Gegenwind. "Man sollte eher die Möglichkeit von Strafreduzierung nutzen", sagte der Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees, Thomas Bach, Gegner der Amnestie-Idee.

Trotzdem freut sich Bach über Dietz' Geständnis. Das sei "ein mutiger Schritt, der hoffentlich Signalwirkung zeigen wird". Wie Millionen Radsportfans würde sich wohl auch Bach gern wieder vorbehaltlos über einen geglückten Ausreißversuch freuen.

FTD

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