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Doping: Der Bluts-Bruder aus Deutschland

Ein Anästhesist aus dem Harz soll nach Ermittlungen der spanischen Polizei stärker in den Fall um den Doping-Arzt Fuentes verwickelt sein als bislang bekannt. Auch ein ehemaliger Rad-Profi belastet nun den Mediziner.

Rennen ist für Markus Choina Lebenselixier. Auf den Jogging-Pfaden in den Wäldern des Harzes zieht der austrainierte 53-Jährige zügig an den meisten anderen Läufern vorbei.

Seine Leidenschaft für Ausdauer und Leistung im Sport hat dem graumelierten Mediziner nun die Polizei ins Haus gebracht. Neun Stunden lang durchsuchten Beamte des BKA vor zwei Wochen seine Räume in der Helios-Klinik in Bleicherode im Südharz; Markus Choina ist in der nordthüringischen Klinik Chefarzt der Anästhesie und Schmerztherapie. Kistenweise schleppten die Ermittler Unterlagen aus dem Krankenhaus, verhörten auch die Ehefrau des Doktors. Denn der soll mehrfach Medikamente an den spanischen Gynäkologen Eufemiano Fuentes geliefert haben. Der Spanier wiederum gilt als die Hauptfigur im jüngsten Radsport-Skandal, in den auch der deutsche Star Jan Ullrich verwickelt ist.

Dem deutschen Arzt auf die Spur waren die Fahnder durch die Telefonüberwachung gekommen. Am 15. Mai, 12.39 Uhr spanischer Zeit, bestätigte ein Mittelsmann von Fuentes in Zaragoza telefonisch den Erhalt mehrerer Schachteln Actovegin-Forte-Dragees und Ampullen mit Synacthen. Der Teilnehmer in Deutschland war schnell ermittelt: Markus Choina.

Beide Medikamente sind in der Zunft begehrt. Das hierzulande rezeptfreie, aber in Spanien nicht zugelassene Actovegin verbessert den Blutfluss, sehr nützlich für Sportler, die mit dem Blutbeschleuniger "Epo" gedopt sind. Das Kürzel steht für Erythropoietin. Es steigert die Konzentration der roten Blutkörperchen, aber birgt auch die tödliche Gefahr der Verklumpung.

Ein richtiger Doping-Hammer ist das Medikament in den Ampullen: Synacthen. Es stimuliert die Produktion von Sexualhormonen und Cortisol in der Nebennierenrinde. Das hilft dem Radfahrer, Schmerzen am Berg zu vergessen. "Höchst riskant", warnt der Heidelberger Molekularbiologe Werner Franke. Synacthen dürfe nur unter ärztlicher Überwachung injiziert werden. "Sportler können sonst tödliche Schocks erleiden."

Dr. Choina stammt aus Polen; er ist in Gliwice geboren und studierte an der Universität Katowice Medizin. Hier lernte er auch seine Frau kennen. Das Paar hat zwei Kinder. Er promovierte, machte zwei Facharztausbildungen: zum Kinderarzt und zum Anästhesisten mit Schwerpunkt Transfusionsmedizin. Ein Fach, das ihn später für Fuentes interessant werden ließ.

Schon in den 80er Jahren profitierten polnische Sportler von Choinas ärztlicher Kunst. Die Fußballnationalmannschaft bestellte ihn ebenso als Betreuer wie das nationale Leichtathletik-Team. Doch den Arzt zog es nach Deutschland, 1988 kam er nach Braunlage, ein Holzhaus-Idyll am Fuße des Wurmbergs. In den Kliniken im Harz lassen sich vor allem ältere Menschen künstliche Hüftgelenke einsetzen.

"Die Choinas waren damals mittellos", sagt ein Freund der Familie. Doch der ehrgeizige Arzt arbeitete sich schnell nach oben. Weil seine polnische Ausbildung in Deutschland wertlos war, holte Choina seine Approbation nach und stieg in die Praxis eines aus Syrien stammenden Allgemeinmediziners ein, der neben Kurgästen auch die Eishockeyspieler des EC Harz/Braunlage betreute. Choina joggte mit den Oberligaspielern durch den Kurpark und keulte mit ihnen im Kraftraum des örtlichen Gymnasiums. Und wenn ein Knie mal nicht so wollte, war Choina zur Stelle und spritzte das angeschlagene Gelenk wieder fit. Schmerztherapie war schließlich eines seiner Spezialgebiete.

Im Harz ist Choina ein respektierter Mann. Er gilt als zurückhaltend, ein wenig introvertiert. Sein Haus in einer hufeisenförmigen Wohnstraße in Bad Sachsa dokumentiert Bescheidenheit: zwei Etagen, ein kleiner Garten und eine Fertigbaugarage an der Ecke. Seine Frau Gabriele pendelt täglich zur Arbeit in die Post-Apotheke in Braunlage. Diese bietet, neben dem üblichen Medikamentenverkauf, in einem angeschlossenen Labor auch mikrobiologische Analysen.

Dass Choina schon länger auf der Gehaltsliste von Fuentes stand, legt jetzt eine Notiz nah, die sich auch in den spanischen Ermittlungsakten befindet: "medic. choina junio Albert - 1200 Euro".

Ein Bekannter von Choina erinnert sich, dass der des Dopings in ganz großem Stil verdächtige Arzt Eufemiano Fuentes Anfang der 90er Jahre mit seiner Familie in Braunlage Quartier bezogen hatte. Sie waren auf der Rückreise von einem Skandinavienurlaub. Freunde glauben, dass der Spanier Fuentes und der gerade erst aus Polen eingewanderte Anästhesist sich damals über Fragen der Sportmedizin ausgetauscht haben. Seitdem reiste Choina häufig zum "Hexer von Gran Canaria". Der spanische Radprofi Jesœs Manzano jedenfalls kann sich gut an den deutschen Arzt erinnern.

Kurz vor der Tour 2002 rief Fuentes Manzano an und bat ihn, wie gewohnt ins Hotel Aida nach Torrejón de Ardoz zu kommen. Das Vier-Sterne-Hotel liegt in einer heruntergekommenen Gegend mit günstiger Infrastruktur, zwei Minuten sind es zur Autobahn, zehn Minuten zum Flughafen, zwanzig nach Madrid. Ein unauffälliger Ort für die Medikamentenausgabe.

"Ich bin in die Lobby gegangen, und da standen vier Personen. Fuentes hat sie mir vorgestellt. Einer von ihnen war Markus Choina", berichtet Manzano dem stern. Nach kurzem Händeschütteln verschwand Fuentes mit dem Fahrer in Zimmer 101, das der Arzt wie gewöhnlich reserviert hatte. Neben Waschbecken und Bett standen Thermo-Koffer mit Doping-Präparaten: Testosteron-Pflaster, Solcoseryl-Ampullen, die den Blutfluss verbessern - und natürlich jede Menge "Gas-Bus", wie Actovegin in der Szene heißt. Manzano erhielt seine Packung und noch einige Rezepte, mit denen er sich in einer Apotheke um die Ecke besorgen sollte, was er außerdem benötigte. Minuten später gingen der Arzt und sein Patient zurück in die Lobby, wo Choina noch immer wartete. Manzano verabschiedete sich. Das zweite Mal traf der Radprofi den deutschen Arzt nach der Tour 2002. Das war in der Praxis des Hämatologen José Luis Merino Batres. Batres gilt bei den Ermittlern als einer der wichtigsten Kollaborateure des Dr. Fuentes. In seinem Labor sollen wichtige Blutanalysen durchgeführt worden sein.

"Ich kam zusammen mit meiner Frau", erinnert sich Manzano. "In einer Art Konferenzraum saßen Fuentes, Choina, Batres und eine Person, die ich nicht kannte." Wieder verschwand der Radfahrer mit seinem Arzt in einem Behandlungszimmer, diesmal, um sich für 20 Minuten an die Nadel zu hängen. Frisch aufgepumpt schnappte sich Manzano seine Gattin und fuhr wieder nach Hause. Dass Jesœs Manzano heute noch am Leben ist, wundert ihn selbst.

Der Ex-Profi in Diensten des spanischen Rennstalls Kelme war bei der Tour de France 2003 nur knapp dem Tod entgangen. Auf der siebten Etappe von Lyon nach Morzine lag Manzano plötzlich am Straßenrand. "Hitzeschlag", hieß es offiziell im Tour-Communiqué. Manzano hat andere Erinnerungen: Seine medizinische Abteilung unter Chefarzt Fuentes habe ihm vor der Etappe Hunde-Hämoglobin verabreicht. Dem Spanier wurde schlecht, schwindlig, dann fiel er vom Rad. "Ich bin fast draufgegangen", erzählt Manzano, der durch seine Enthüllungen den Doping-Skandal ins Rollen brachte; inzwischen ist der 28-Jährige arbeitslos.

Nach seinem ersten Profijahr, sagt Manzano, habe man ihn dazu verpflichtet, "gewisse Dinge" zu tun. Es habe mit Tabletten und Infusionen angefangen. "Nach kurzer Zeit schluckte ich den ganzen Tag irgendwelche Arzneien. Als meine Freundin das erste Mal meinen Kühlschrank öffnete, fragte sie, ob ich drogenabhängig sei." Morgens habe er angefangen mit Koffein, es folgten Insulin, Cortison, um die Müdigkeit zu senken und den aufgescheuerten Hintern nicht zu spüren - und natürlich Epo.

Bis zu 13-mal täglich musste sich Manzano selbst die Nadel in die Vene stechen, um seinen Hämatokrit-Wert zu messen. Er saugte sich Blut ab und spritzte es in eine Zentrifuge deutschen Fabrikats, die er bei Fuentes für 1800 Euro erwerben musste. Bei einem Hämatokrit-Wert von 56 war er endlich reif zum Anzapfen. Manzano fuhr zu Fuentes. Das angereicherte Blut wurde schließlich eingefroren und vor den Rennen dem Körper als Kraftpaket zurückgegeben.

Die Enthüllungen von Jesœs Manzano hatten zunächst keine polizeilichen Ermittlungen ausgelöst. Fuentes gelobte im Februar 2005, sich mit dem Radsport nie mehr zu beschäftigen und stattdessen zum Wohl der Menschheit das Phänomen des Augentumors zu erforschen, an dem auch seine Tochter leidet. In Wirklichkeit war Manzanos Fall für ihn und seine Helfer aber nur Anlass, sich nach besseren Methoden zur Blutkonservierung umzuschauen.

Bereits 2004 hatte Fuentes Erfahrungen mit dem neuen High-Tech-Gerät ACP 215 des US-Herstellers Haemonetics gesammelt, der auch eine Niederlassung in München besitzt. Mit dem Gerät lassen sich in einem geschlossenen System Blutzellen für eine sichere Lagerung in einer Tiefkühltruhe abpacken. In Amerika ist der Apparat nach dem 11. September vor allem zur Notversorgung im Falle von Terroranschlägen eingekauft worden.

Im Jahr 2005 erwarb Fuentes bereits den zweiten Automaten des Typs ACP 215. Um den störungsfreien Betrieb zu gewährleisten, ließ er über den früheren Mountainbike-Profi Alberto León eine Wohnung an der Calle Alonso Cano im großbürgerlichen Madrider Stadtteil Chamber’ anmieten. Den anderen Mietern war der neue Nachbar gar nicht recht. Immer wieder beschwerten sie sich bei Hausmeister Ignacio, wenn in Apartment 5d nachts die Zentrifugen mit lautem Surren das Blut schleuderten.

Kurz darauf kam es zu einem Engpass beim sanitären Zubehör und den Lösungen, die für den einwandfreien Lauf der beiden Maschinen notwendig sind. Fuentes wandte sich daraufhin an seinen alten Bekannten in Bad Sachsa. Dem stern sagten die spanischen Ermittler, dass sie mithörten, als Fuentes bei Choina anrief und ihn um eine Lieferung der Ware bat, die eigentlich nur über Krankenhäuser zu beziehen ist. Sie vermuten, dass Choina dieses Material bereits früher schon geliefert haben könnte. Außerdem soll Choina das Material für den ACP 215, wie vor ihm schon Batres, über seine Klinik bestellt haben. Als Empfängeradresse soll er seine Privatadresse angegeben haben.

Fuentes ist nicht der einzige Arzt, der Athleten professionell dopte. Da aber er allein über das hochtechnische Gerät zur Blutkonservierung verfügte, soll er Aufträge anderer Kollegen in Europa angenommen haben. "Unter der Leitung von Fuentes fand die Aufbereitung des Blutes statt. Bei Bedarf wurden die Beutel dann ins Ausland gebracht", so spanische Ermittler.

Fuentes und seine Komplizen Batres und León sollen immer wieder nach Italien, Frankreich und Deutschland geflogen sein, um das Blut vor wichtigen Rennen und Sportereignissen an die jeweiligen Ärzte zu übergeben. In Thermo-Koffern und getarnten Rucksäcken soll das Trio das Blut im Handgepäck durch die Grenzkontrollen gebracht haben. In Italien könnte ihr Kontaktmann Luigi Cecchini gewesen sein - der auch Arzt von Jan Ullrich war. Die Ermittler filmten Cecchini bei seinen Besuchen bei Fuentes in Madrid. Außerdem hörten sie Telefongespräche von ihm ab.

In Deutschland hieß der Zielflughafen Hannover - eineinhalb Autostunden von Bad Sachsa entfernt. "Für uns steht fest, dass der zuständige Mann in Deutschland Markus Choina war. Und wir gehen davon aus, dass auch Choinas Frau verwickelt ist", sagt ein spanischer Ermittler. Markus Choina und seine Frau Gabriele wollten sich gegenüber dem stern zu den Vorwürfen nicht äußern. Die Staatsanwaltschaft Göttingen ermittelt weiter.

In der Calle Alonso Cano in Madrid aber herrscht schon wieder Betriebsamkeit. Vor ein paar Tagen haben sich erneut die Nachbarn beschwert, erzählt Hausmeister Ignacio. Sie sagen: "Die Maschinen laufen wieder."

Christian Parth, Tim Farin
Mitarbeit: Gerd Elendt, Barbara Platsch

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