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Eishockey: Immer mehr deutsche Talente in Kanada

Ein Jahr nach dem Abstieg schaffte die U20-Nationalmannschaft den sofortigen Wiederaufstieg in die Weltelite. Ganz erheblichen Anteil daran haben Spieler, die derzeit ihre Ausbildung in Übersee genießen. Wir berichten über die deutschen Talente im Mutterland des Eishockeys.

Am Wochenende gelang der deutschen U20-Nationalmannschaft dank eines 5:3-Siegs im letzten Spiel der B-Weltmeisterschaft gegen Norwegen der Wiederaufstieg in die A-Gruppe.

Ohne Punktverlust sicherte sich das Team von Jugend-Nationaltrainer Ernst Höfner den Turniersieg in Garmisch-Partenkirchen. Neun Spieler der erfolgreichen Mannschaft gehen in den kanadischen Junior-Leagues aufs Eis, unter ihnen die sicherlich größten Talente des DEB-Teams.

Die Besten spielen in Kanada

So wie zum Beispiel Tobias Rieder (Kitchener Rangers). Der 18-Jährige Stürmer war mit fünf Treffern und acht Vorlagen in den fünf Partien der herausragende Offensivakteur der DEB-Auswahl.

An der Seite von Rieder gehörten Torhüter Mathias Niederberger (19, Barrie Colts), Defensivchef Konrad Abeltshauser (19, Halifax Mooseheads) und seine Sturmkollegen David Elsner (19, Sault Ste. Marie Greyhounds) und Marcel Noebels (19, Seattle Thunderbirds) zu den großen Stützen der Mannschaft.

Neben diesem Quintett spielen zudem Mirko Höfflin (19, Acadie-Bathurst Titan), Nickolas Latta (18, Sarnia Sting) und Sebastian Uvira (18, Oshawa Generals) in Übersee. Auch Nicolas Krämer (19, bisher Acadie-Bathurst Titan) verbrachte seine Saison bisher in Kanada, wechselt nun aber zurück nach Deutschland zu den Hamburg Freezers.

Die jungen deutschen Spieler erhoffen sich von ihrem Sprung nach Nordamerika eine gute Ausbildung und viel Eiszeit. Zwei Dinge, an denen es in Deutschland oftmals hapert. Die Dimension des Jugendsystems in Kanada ist fast unvorstellbar.

Es gibt drei Junioren-Ligen auf höchstem Niveau, die insgesamt 60 Mannschaften und weit über 1000 Talente vereinen: die OHL (Ontario Hockey League), die WHL (Western Hockey League) und die QMJHL (Quebec Major Junior Hockey League). Viele der großen Stars des Eishockeysports durchlaufen diese Kaderschmieden, fast alle kanadischen NHL-Spieler wurden hier ausgebildet.

Ein zunehmender Trend

Deutsche Talente, die ihr Glück in Kanada suchen – ein Trend, der immer stärker wird. Während in der Vergangenheit nur vereinzelt Spieler aus der Bundesrepublik den Gang über die Junior-Leagues in den Profibereich wagten, wird ihre Zahl seit einigen Jahren zunehmend größer.

Heute spielen elf Deutsche in den drei großen Ligen, neben den neun Jugendnationalspielern aus der Mannschaft von Höfner sind das auch noch Verteidiger Dominik Bittner (19, Everett Silvertips) und das vermeintlich größte deutsche Talent, Stürmer Tom Kühnhackl (19, Niagara IceDogs).

"Für meine Entwicklung war der Wechsel nach Nordamerika eindeutig das Beste“, sagt Kühnhackl, der mittlerweile seine zweite Saison in der OHL verbringt. Schon in seinem ersten Jahr gehörte er nach anfänglichen Startproblemen mit 50 Treffern zu den besten Torschützen der Liga und war in den Playoffs der herausragende Akteur seiner Mannschaft.

Nach einem Wechsel in dieser Saison zu den Niagara Ice Dogs wurde der Sohn von Legende Erich Kühnhackl wegen eines Checks für 20 Spiele gesperrt, darf erst Anfang Januar wieder in den Spielbetrieb eingreifen. Eine Verletzung verhinderte zudem die Teilnahme an der Weltmeisterschaft. Dennoch wird Kühnhackls Weg – er wurde bereits von den Pittsburgh Penguins gedraftet - über kurz oder lang in die NHL führen.

Der Traum von der NHL

Der Traum von der besten Eishockeyliga der Welt haben wohl die meisten von Kühnhackls Kollegen. Auch das ist ein Grund für den Wechsel nach Nordamerika. "Natürlich möchte ich einmal dort spielen, am liebsten schon in zwei Jahren“, sagt Konrad Abeltshauser.

Der Verteidiger aus Halifax mit dem Gardemaß (1,95 m) gehört in seiner dritten Spielzeit mittlerweile zu den besten Abwehrspielern in der QMJHL. Im kommenden Jahr will der gebürtige Tölzer den Sprung ins Profigeschäft wagen. "Erst geht es wahrscheinlich in die AHL, dann hoffe ich auf erste NHL-Einsätze.“

Neben Kühnhackl und Abeltshauser machen U20-Topscorer Rieder, Torhüter Niederberger und Stürmer Noebels in dieser Saison am nachhaltigsten auf sich aufmerksam. Rieder ist mit 21 Treffern einer der besten Torschützen der OHL, Niederberger und Noebels zählen in ihren Clubs zu den wichtigsten Spielern.

"Ich würde immer wieder rübergehen“ sagt Abeltshauser, der seine Entscheidung, wie die meisten seiner Kollegen, nicht bereut. "Natürlich ist es auch eine harte Schule, aber das zahlt sich aus“, sagt Kühnhackl. "Das Eishockey hier ist viel schneller und härter.“

Nicht nur auf, auch abseits des Eises ändert sich einiges für die jungen Männer. Alle Spieler sind auf Kosten ihrer Clubs bei Gastfamilien untergebracht, werden dort rundherum betreut und verpflegt. Auch wenn Eishockey ihren Tagesablauf bestimmt, ein Gehalt erhält keiner von ihnen. Über das Taschengeld, das ihnen die Vereine zahlen, hat sich noch keiner der deutschen Jungs beschwert.

Es reicht für das Nötigste und auch für die eine oder andere Freizeit-Aktivität, die nicht selten gemeinsam mit den kanadischen Mitspielern stattfindet. "Teambuilding wird groß geschrieben“, sagt Noebels. Vielerorts sind auch die deutschen Talente schon so etwas wie kleine Stars. "Hier in Halifax kennt uns Spieler jeder, das ist eine ganz neue Erfahrung“, berichtet Abeltshauser.

Alles spricht für einen Wechsel

Der Trainer der Kölner Haie, Uwe Krupp, gilt als einer der größten Anhänger der Junior-Leagues. Vor zwei Jahren brach er in seiner Rolle als Nationalcoach gar einen Streit mit seinem heutigen Arbeitgeber vom Zaun, als er Jungstar Jerome Flaake (21, heute Hamburg Freezers) zu einem Wechsel von Köln nach Kanada riet. "Die Entwicklungsmöglichkeiten für junge Spieler sind großartig“, sagt Krupp, der deutschen Talenten auch heute noch den Sprung nach Übersee empfehlen würde.

Wenn von den jungen Männern auch harte Arbeit verlangt wird und die frühe Trennung von Familie und Freunden sicherlich manchmal schwer fällt, sind die Bedingungen für die angehenden Profis in Kanada geradezu paradiesisch. Der Unterschied zum deutschen System, in dem der Sprung von den Junioren in den Profibereich für viele junge Spieler zum Stolperstein wird, ist gewaltig.

Die Vorteile dieser kanadischen Intensiv-Ausbildung liegen auf der Hand. Und sollte sich für die Jungstars der Traum von der NHL am Ende doch nicht erfüllen, dann können sie sich immer noch auf eine Karriere in der DEL freuen, wie die Beispiele von Felix Schütz (Kölner Haie) oder Denis Reul (Adler Mannheim) zeigen. Und auch die Nationalmannschaft wird in der Zukunft von der guten Ausbildung seiner Talente im Mutterland des Eishockeys in zunehmendem Maße profitieren.

Daniel Pietzker

sportal.de / sportal

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