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Handball: Frankreich klarer Favorit bei der EM

Les Experts werden Frankreichs Handballer aus gutem Grund genannt - sie gewannen die letzten vier großen Titel. Wer kann sie bei der bevorstehenden EM in Serbien schlagen? Eigentlich keiner.

Die Weltspitze liegt eng beieinander, wird vor Turnieren gerne gesagt, doch das ist nur die halbe Wahrheit: Frankreich schwebt über allen anderen Teams - die Dominanz in den letzten Jahren ist fast beängstigend und es ist nicht übertrieben von der womöglich besten Handballmannschaft aller Zeiten zu sprechen.

Unter Trainer Claude Onesta wurden Les Bleus 2008 Olympiasieger, gewannen die WM-Titel 2009 sowie 2011 und gehen selbstverständlich auch als Titelverteidiger bei der EM in Serbien an den Start. Wer soll diese Mannschaft schlagen? Reflexartig fallen die Namen von Vize-Weltmeister Dänemark, Vize-Europameister Kroatien oder dem WM-Dritten Spanien - offen bleibt die Frage, wieso in den letzten Jahren keine Mannschaft bei einem großen Turnier die Dominanz der Franzosen durchbrechen konnte.

Physis, Athletik, Schnelligkeit 

Die Gründe sind vielfältig und so musste es fast ein Schock für die Konkurrenz sein, als Torwart Thierry Omeyer nach dem Gewinn des WM-Titels in Schweden ankündigte, dass alle Spieler weitermachen werden. Erst Recht wenn man bedenkt, dass mit Daniel Narcisse einer der besten Rückraumspieler der Welt bei der WM verletzt fehlte und auch Guillaume Gille damals nicht dabei sein konnte.

Physis, Athletik, Schnelligkeit - mit diesen Attributen lassen sich die französischen Stärken prägnant beschreiben. Perfekt verkörpert werden diese Eigenschaften durch die Schlüsselspieler Didier Dinart und Nikola Karabatic. Dinart ist in der französischen Abwehr auch mit fast 35 Jahren noch der Fels in der Brandung, der oftmals ohne Zeitstrafen zu kassieren die Angreifer zur Verzweiflung bringt und das blaue Bollwerk organisiert.

Karabatic der Kopf 

Im Angriff ist Karabatic der Kopf des französischen Spiels. Seine Wucht, seine Bereitschaft, seinen Körper ohne Rücksicht auf Verluste voll einzusetzen, und seine Übersicht machen ihn zum vielleicht besten Handballer der Welt – auch wenn viele womöglich Filip Jicha bevorzugen. Der Tscheche hatte allerdings noch keine Gelegenheit, sein Können in einem WM-Finale zu demonstrieren und dieses mit zehn Toren zu entscheiden, wie es ein Karabatic tat.

Zu Dinart und Karabatic gesellt sich im Tor ein Omeyer, der zwar nicht immer 60 Minuten Weltklasse hält, aber über die Gabe verfügt, in entscheidenden Minuten zu Höchstform aufzulaufen und Spiele damit zu wenden. Doch Frankreich ist weit mehr als nur dieses Trio. Die Erfahrung der Gille-Brüder oder von Jerome Fernandez, die Genialität eines Luc Abalo sind ebenso unverzichtbar wie die Power der jungen Rückraumschützen Xavier Barachet oder William Accambray. Letzterer wurde ebenso wie Michael Guigou noch rechtzeitig fit vor der EM.

Spanien ohne Sterpik 

In der Vorrunde trifft Frankreich in der Gruppe C auf Spanien, Ungarn und Russland. Vor allem das Duell mit Spanien birgt Spannung, denn die Iberer sind physisch auf einem ähnlichen Niveau wie die Franzosen. Bei der letzten WM trafen beide Teams in der Vorrunden ebenfalls aufeinander, die Partie endete unentschieden.

Allerdings muss Spanien auf seinen Ausnahmetorwart Arpad Sterbik verzichten, der sich einer Herz-Operation unterzog und pausieren muss. Die Iberer präsentierten sich bei ihren klaren Testspielerfolgen gegen Tunesien und Argentinien in guter Form. Als Außenseiter gehen in dieser Gruppe Ungarn und Russland ins Rennen.

Die Magyaren müssen ohne ihren Superstar Laszlo Nagy auskommen, der nach Differenzen mit dem Verband zurückgetreten ist. Nagy wurde als erster Ausländer Kapitän des FC Barcelona und ist dort ein Teamkollege von Konstantin Igropulo. Der Russe gilt als Star seiner Nationalmannschaft, die als Außenseiter in die EM geht. Das letzte Testspiel gegen Schweden gewann Russland knapp mit 27:26, unterschätzen darf man die Mannschaft also nicht.

Dänemark hat viel vor 

In der Gruppe A treffen Polen, Dänemark, Gastgeber Serbien und die Slowakei aufeinander. Vom Selbstverständnis sind die Dänen am ehesten ein Kandidat, der Frankreich vom Thron stoßen könnte.

Im letzten WM-Finale verloren die Skandinavier erst nach Verlängerung und glaubt man Ex-Nationalspieler Joachim "Traktor" Boldsen, dann ist die heutige Mannschaft noch stärker. "Alles andere als ein Einzug ins EM-Finale wäre eine Enttäuschung. Wenn man in Betracht zieht, dass die Mannschaft vor einem Jahr im WM-Finale stand und ein Riesenglück bei der Auslosung für diese EM hatte, fällt es mir schwer zu sehen, was auf dem Weg ins Endspiel schief gehen soll", erklärte er laut nordschleswiger.dk. Die glückliche Auslosung führt die Dänen übrigens in der Hauptrunde mit der deutschen Vorrundengruppe zusammen. 

Doch die Dänen haben auch Probleme, so zog sich Michael Knudsen einen Muskelfaserriss zu und kann aller Voraussicht nach bei der EM nicht spielen. Der Kreisläufer reist zumindest als moralische Unterstützung mit nach Serbien, es besteht aber auch noch die Hoffnung, dass er später ins Turnier eingreifen kann. Kasper Irming und Jesper Nöddesbo fallen verletzungsbedingt auch noch aus. Stars des Teams sind Rückraumschütze Mikkel Hansen und Rechtsaußen Hans Lindberg vom HSV.

Polen plagen Verletzungssorgen

Vom Papier her ist Polen der größte Widersacher in der Gruppe, allerdings scheint die Mannschaft von Trainer Bogdan Wenta nach WM-Silber 2007 und WM-Bronze 2009 ein wenig über ihren Zenit hinaus zu sein. Bei der letzten WM reichte es nur noch zum achten Rang, hinzu gesellen sich vor der EM personelle Probleme. Mit Slawomir Szmal, Marcin Lijewski und Tomasz Rosinski fallen drei Akteure aus, Bartlomiej Tomczak ist ebenfalls angeschlagen und fällt im ersten Spiel gegen Serbien auf jeden Fall aus.

Gastgeber Serbien setzt natürlich auf seine enthusiastischen Fans, ob das den WM-Zehnten aber in die Nähe der Medaillen bringt bleibt abzuwarten. Stars der Mannschaft sind Momir Ilic vom THW Kiel und Marco Vujin, der sein Geld im ungarischen Veszprem verdient. Komplettiert wird die Gruppe durch die Slowakei, die bei ihren einzigen beiden EM-Teilnahmen 2006 und 2008 den letzten Platz belegte.

Kroatien zuletzt ohne Siegergen

Kroatien geht in der Gruppe D als Favorit ins Rennen und gilt auch als einer der möglichen Hauptkonkurrenten Frankreichs im Kampf um den Titel. Die Siegermentalität scheint der Olympiasieger von 2004 und Weltmeister von 2005 zuletzt verloren zu haben, bei der EM 2008 und 2010 sowie der WM 2009 unterlagen die Kroaten jeweils im Finale.

Dennoch fördert das kleine Land regelmäßig in erstaunlicher Anzahl neue Talente zu Tage und geht folgerichtig wieder als Mitfavorit ins Turnier. Kopf der Mannschaft ist HSV-Kreisläufer Igor Vori, der in Abwehr und Angriff gleichermaßen eine Schlüsselfunktion einnimmt. Gleichermaßen wird es auch auf seinen Hamburger Mannschaftskameraden Domagoj Duvnjak, der gerade zu Kroatiens Handballer des Jahres gekürt wurde, ankommen. Gemeinsam mit Altmeister Ivano Balic soll er für die kreativen Momente sorgen. Nationaltrainer Slavko Goluza verzichtete übrigens auf den Gummersbacher Rechtsaußen Vedran Zrnic.

Island ist nach Olympia-Silber und EM-Bronze bei der letzten WM mit Platz sechs nicht mehr so erfolgreich gewesen, zudem wird Olafur Stefansson bei der EM Fehlen. Norwegen und Slowenien bleibt in dieser Gruppe die Außenseiterrolle. 

Lars Ahrens

sportal.de / sportal

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