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Handball: Vorschau auf die Rückrunde der Handball-Bundesliga

Die EM und Olympia sind für die DHB-Auswahl gelaufen, die Konzentration gilt der Bundesliga. Dort laufen bei vielen Vereinen schon die Planungen für die kommende Saison, auch beim THW Kiel. Wir liefern einen Überblick, was sich in den einzelnen Clubs tut. 

Nach dem vorzeitigen Aus der DHB-Auswahl in der Hauptrunde der Handball-EM in Serbien und der damit verpassten Chance auf die Teilnahme am Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele in London lecken Spieler, Verbandsfunktionäre und Liga-Verantwortliche immer noch die Wunden.

Aus unterschiedlichsten Ecken wurde zuletzt Kritik an DHB-Präsident Ulrich Strombach und Bundestrainer Martin Heuberger laut. Bob Hanning, Geschäftsführer der Füchse Berlin, geht inzwischen einen Schritt weiter: Er fordert einen grundlegenden Umbau der Strukturen im DHB. Bei aller Enttäuschung und stellenweise berechtigter Kritik, seit gestern wird glücklicherweise wieder Bundesliga-Handball gespielt.

Doch nicht nur die Handball-Fans fieberten dem Wiederanpfiff entgegen. Den "Gescheiterten" der EM bietet sich die Chance zur Wiedergutmachung und die Ergebnisse der EM zeigen, dass verstärkt das Augenmerk auf Talente und bislang verborgene Qualitäten der Spieler gerichtet werden muss. Wir wagen einen Ausblick auf die Rückrunde der Handball-Bundesliga, die gestern mit einem 31:29-Erfolg des TBV Lemgo über die SG Flensburg-Handewitt eingeleitet wurde.

Der Titel ist schon vergeben

Der Kampf um die Meisterschaft dürfte in dieser Saison nicht mehr allzu viele Überraschungen mit sich bringen. Zu dominant präsentierte sich der THW Kiel in der Hinrunde. Kein Wunder, dass beim Rekordmeister längst die Planungen für die kommende Spielzeit im Vordergrund stehen: Mit Patrick Wiencek (VfL Gummersbach) und René Toft Hansen (AG Kobenhagen) stehen bereits zwei Neuzugänge für die bislang nur durch Marcus Ahlm besetzte Kreisposition fest.

Auch auf den Außenpositionen scheint man sich nach Verstärkungen umzuschauen. Handball-world meldete vor wenigen Tagen mit Verweis auf das isländische Nachrichtenportal Visir, dass Gudjon Valur Sigurdsson zur kommenden Saison zu den Zebras wechsle. Mit der Verpflichtung des serbischen Halbrechten Marko Vujin, der im Sommer aus Veszprém zum THW wechselt, könnten die Planungen für die kommende Saison fast schon als abgeschlossen betrachtet werden und die Saison abgehakt werden.

Doch der THW Kiel wäre nicht der THW Kiel, wenn nicht auch diese Saison das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions-League das erklärte Ziel wäre. Da bei der EM in Serbien zudem außer Momir Ilic alle THW-Akteure weit hinter ihren Erwartungen zurück blieben, kann davon ausgegangen werden, dass der Erfolgshunger längst nicht gestillt ist.

HSV mit sich selbst beschäftigt 

Ganz anders dagegen die Lage beim amtierenden Titelträger aus Hamburg. Nach einer verpatzten Hinrunde wurde Trainer Per Carlén Ende Dezember beurlaubt. Es folgte eine öffentlich geführte Trainersuche an deren Ende Co-Trainer Jens Häusler als Interimscoach installiert wurde. Auf ihn wartet Schwersarbeit.

Der Meisterschaftszug scheint abgefahren. Darüber hinaus verlief die EM für die meisten HSV-Teilnehmer enttäuschend. Die Kroaten Domagoj Duvnjak, Blazenko Lackovic und Igor Vori erreichten zwar das Halbfinale. Doch sie hatten sich gegen Serbien mehr erhofft – ein Gedanke, der auch die beiden Franzosen Bertrand und Guillaume Gille bei Erinnerungen an das Turnier beschleichen dürfte.

Völlig neben der Spur präsentierte sich hingegen Pascal Hens, der als Mannschaftskapitän der DHB-Auswahl in Serbien wohl seine schwärzesten Stunden erlebt und inzwischen seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft verkündet hat. Jens Häusler wird vor allem damit beschäftigt sein, seine Spieler aufzubauen und die Köpfe frei zu bekommen, denn nicht nur die beiden Gille-Brüder, sondern möglicherweise auch Marcin Lijewski sind mit Abwanderungsgedanken beschäftigt.

Umbruch bei den Löwen

Der Rückrunden-Spielplan meint es dabei nicht gut mit den Hamburgern. Gleich zum Auftakt treffen die Norddeutschen heute Abend auf die Füchse Berlin. Eine richtungsweisende Partie, in der der Tabellenzweite aus der Hauptstadt jedoch unter anderem auf Alexander Petersson verzichten muss, der sich im EM-Spiel gegen Slowenien an der linken Schulter verletzte.

Für die ambitionierten Berliner ein kleiner Vorgeschmack auf die kommende Saison, die sie ohne ihren starken Linkshänder bestreiten werden. Den Isländer zieht es zu den Rhein-Neckar Löwen, die nach dem Rücktritt des Geldgebers und Aufsichtsratsvorsitzenden Jesper NIelsen offensichtlich vor einem großen Umbau stehen.

Dass sein Club künftig kleinere Brötchen backen muss, deutet Manager Thorsten Storm bereits auf der Vereins-Homepage an: "Wir werden verstärkt mit Nachwuchsspielern arbeiten. Das heißt, sieben bis acht Topakteure plus Talente bilden die Mannschaft, die für die Löwen in der Zukunft auf Punktejagd gehen wird."

Mit Karol Bielecki und Krzysztof Lijewski werden zwei Leistungsträger den Verein im Sommer verlassen. Neben dem erfahrenen Petersson stoßen mit Torhüter und Europameister Niklas Landin (BSV Bjerringbro-Silkeborg) und Rückraumspieler Kim Ekdahl Du Rietz (HBC Nantes) junge, aber äußerst verheißungsvolle Spieler zu dem selbsterklärten Spitzenteam aus Mannheim, das in dieser Saison bislang erneut weit hinter den Erwartungen zurückblieb.

Dichtes Gedränge im Kampf um die europäischen Startplätze

Auf dem Weg nach Europa befindet sich neben den genannten Mannschaften etwas überraschend die SG Flensburg-Handewitt, die nach der Hinrunde sogar an den Champions-League-Plätzen schnupperte. Auch wenn die SG in Lemgo erstmals in dieser Saison eine Niederlage gegen einen in der Tabelle schlechter postierten Kontrahenten kassierte, stellen die Flensburger eine der positiven Überraschungen der Saison dar.

Vor der Saison hatten sie nach den Abgängen der Leistungsträger Oscar Carlén, Dan Beutler (beide HSV Hamburg) und Lasse Boesen (KIF Kolding) komplett umbauen müssen. Dass Mattias Andersson sowie die beiden deutschen Auswahlspieler Holger Glandorf und Lars Kaufmann die Lücke schließen könnten, wurde von vielen bezweifelt.

Doch nach einem 21:35-Debakel zum Saisonauftakt in Kiel fanden die Flensburger, die in den ersten Spielen einen angeschlagenen Lars Kaufmann mitschleppen mussten, immer besser in die Saison. Die Stärke des Teams von Trainer Ljubomir Vranjes basiert dabei vor allem auf guter Abwehrarbeit.

Eine Qualität, die in den letzten Jahren auch regelmäßig den SC Magdeburg auszeichnete, der in dieser Saison wieder ganz oben mitmischt. Zurückgekehrt ist der Erfolg zum Champions-League Sieger von 2002 unter Trainer Frank Carstens, der auch nach der EM Assistent von Bundestrainer Martin Heuberger bleiben wird.

Haaß fehlt Göppingen wohl die komplette Rückrunde

Neben Flensburg, Magdeburg und dem TBV Lemgo, der nach dem Erfolg zum Auftakt der Rückrunde wieder Anschluss gefunden hat, dürfen sich wohl nur noch die Göppinger Hoffnung auf die Teilnahme in einem europäischen Wettbewerb in der kommenden Saison machen. Im Achtelfinale trifft der Titelverteidiger auf den rumänischen Vertreter HC Odorheiu Secuiesc und könnte am Ende durch einen Titelgewinn erneut in den EHF-Pokal einziehen.

Verzichten müssen die Göppinger auf Michael Haaß, der dem Team nach seinem in Serbien erlittenen Bruch des Sprunggelenks wohl die gesamte Rückrunde fehlen wird. Da auch Tim Kneule nach seinem Kreuzbandriss noch Zeit braucht, hat Frisch Auf in der Winterpause den Serben Bozidar Markicevic verpflichtet, der zuletzt beim spanischen Erstligisten BM Antequera spielte.

Auch in Wetzlar hat man kurz vor Beginn der Rückrunde mit Andrei Klimovets einen neuen Spieler unter Vertrag genommen. Dass nach dem verletzungsbedingten Ausfall des griechischen Kreisläufers Georgios Chalkidis die Hoffnungen im Kampf um den Klassenerhalt auf dem 37 Jahre alten ehemaligen Nationalspieler liegen, zeigt einmal mehr, die unterschiedliche Kassenlage der Clubs und das allgemein geringe Zutrauen, Nachwuchsspieler in die Verantwortung zu nehmen.

Mitten im Abstiegskampf steckt inzwischen auch die MT Melsungen. Am siebten Spieltag rangierten die Nordhessen noch mit 11:3-Punkten auf dem vierten Tabellenplatz, die Medien überschlugen sich mit Berichten über das neue "Überraschungsteam“. Antworten auf den plötzlichen Höhenflug, der wohl eher aus einem günstigen Spielplan resultierte, hatte niemand zur Hand.

Eigentlich nicht verwunderlich, denn "Hoffnungsträger“ wie Per Sandström und Patrik Fahlgren hatten sich bereits bei ihren alten Arbeitgebern nicht durchsetzen können. Spätestens seit der 26:27-Niederlage beim TV 05/07 Hüttenberg Anfang Dezember 2011 sollte auch in Melsungen allen klar sein, dass das Ziel in dieser Spielzeit nur Klassenerhalt heißen kann.

Ehemaliger Rekordmeister auf Abstiegskurs

Weitaus dramatischer erscheint die Situation beim ehemaligen Rekordmeister aus Gummersbach. Emir Kurtagic, der Anfang Dezember vom Co- zum Chef-Trainer aufstieg, erwartet hier in den kommenden Wochen viel Arbeit. Verzichten muss er dabei vorerst auf Christoph Schindler.

Eigentlich sollte der Kader um die deutschen Auswahlspielern Wiencek und Pfahl aber auch so stark genug sein, um die Klasse zu halten. Probleme bereiten könnte jedoch weiterhin die schwach besetzte Torhüterposition. Im Unterschied zu anderen Vereinen vertrauen die Gummersbacher auch in einer kritischen Phase mit Patrick Wiencek und Mittelmann Kentin Mahé auf junge Spieler, die noch mitten in ihrer Entwicklung stecken.

Längst nicht abgeschrieben hat sich der TV Hüttenberg, der nach zwei knappen Erfolgen Mitte Dezember gegen Melsungen und Balingen wieder Hoffnungen schöpft. Doch der Aufsteiger wird es schwer haben. Schon jetzt scheint der Aderlass für die kommende Saison groß. Neben Keeper Milos Putera, der zu HBW Balingen wechselt, wird Timm Schneider, ein hoffnungsvolles, deutsches Talent, den Verein Richtung Lemgo verlassen.

Der 23-jährige Rückraumspieler rangiert derzeit auf Platz 5 der Torschützenliste der Handball-Bundesliga. Kaum noch Hoffnungen auf den Klassenerhalt kann man sich in Hildesheim machen. Der Tabellenletzte löste in der EM-Pause den Vertrag mit Mittelmann Vladica Stojanovic auf und entließ Trainer Volker Mudrow. Ein letzter, verzweifelter Versuch, um einen Impuls zu setzen. Als neuer Mann auf der Bank fungiert erneut Gerald Oberbeck, ehemaliger Cheftrainer und derzeitiger Geschäftsführer des Vereins.

Jonas Füllner 

sportal.de / sportal

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