Lance Armstrong Rätsel auf zwei Rädern


Er hat den Krebs besiegt und liebt die Popsängerin Sheryl Crow. Er ist eine perfekte Rennmaschine. Was Lance Armstrong antreibt, weiß jedoch niemand. Und kurz vor dem Start der Tour de France muss er sich gegen Dopingvorwürfe wehren.

Jetzt könnte es doch passieren. Diesen Kampf könnte er verlieren. Er zieht die schmalen Lippen ein und kneift die Augen zusammen. Er blickt wie sonst, wenn er den Puls auf 200 jagt. Die Augen werden noch schmaler, er presst die Lippen fester, seine Kraft fließt in die Erstarrung, keiner soll seine Mühsal sehen. Doch sein Gegner ist stark. Erst drängt er sich in die Augen, glänzend, dann verbiegt er ihm die Lippen, und dann, für eine kleine Sekunde, ist der Kampf verloren: Ein Lächeln erobert das Gesicht. Lance Armstrong lächelt.

Der Schmerz in den Gesichtern

Große Show, Rome, Tour de Georgia, USA, er ist zu Hause, vielleicht am einzigen Ort der Welt, wo sie einen wie ihn lieben: einen, der nur gewinnt. Der Moderator nimmt das Mikrofon in beide Hände und preist den Etappensieger. Vorhin hat er gejohlt: "O, schaut euch den Schmerz in diesen Gesichtern an!" Nun röchelt er: "Der Fünffache-Tour-de-France-Gewinner- und-Krebsüberlebende", als sei das ein Titel, und dessen Inhaber steht jetzt oben: "Laaaance Armstrong!"

Lance, der Sieger, ist der Fleisch gewordene Wille. So geht seine Geschichte. Er hat sie schon zweimal erzählt in seinen Autobiografien: wie der Mensch große Widrigkeiten überwinden kann, ohne zu fallen. Die größte Widrigkeit dieses Lebens ist der Tod, Armstrong hat ihn besiegt, den Krebs, mit Ausdauer, mit Selbstkontrolle. Und danach alle, die gegen ihn antraten. Ende Juli könnte er der erste Fahrer sein, der die Tour de France sechsmal gewonnen hat. Wahrscheinlich will er sich auch deswegen nicht richtig freuen, hier in Georgia, Mitte April. Er wird zwei Tage später am Tisch sitzen, ein blaues Käppchen ins spitze Gesicht gezogen, und sagen, dass es ihm Sorge bereitet, dass er so früh schon so fit ist. Weil ein Radprofi seine Formkurve selbst konstruieren will, so, dass sie ihren Höhepunkt erreicht, wenn er es will: bei der Tour de France, im Juli. Und nicht früher.

Die perfekte Maschine

Keiner beherrscht das wie er. Ein Radfahrer ist eine Maschine, die man auf einen Sattel setzt, damit ein Rennrad fahren kann, so schnell und anhaltend wie möglich. Armstrong hat sich zur perfekten Maschine gemacht, und er hat gelernt, diese Maschine perfekt zu kontrollieren - und alles drum herum.

Man weiß einiges über diese Maschine: Ihr Herz ist um ein Drittel größer als ein normales; als sie 16 war, konnten ihre Lungen schon mehr als doppelt so viel Sauerstoff aufnehmen wie eine durchschnittliche; ungewöhnlich lange Oberschenkelknochen geben ihr eine bessere Hebelwirkung; ihre Muskeln produzieren extrem wenig Milchsäure, weswegen sie bei der Belastung weniger schmerzen. Bis zu 500 Watt Leistung kann sie produzieren, es würde ausreichen, eine Wohnung zu beleuchten. Gott und die Trainer haben ganze Arbeit geleistet.

Doch niemand weiss genau, wie diese Wundermaschine betrieben wird. Vor zwei Wochen erschien in Frankreich das Buch "L.A. Confidentiel" von David Walsh und Pierre Ballester, der eine zweimal als Englands bester Sportjournalist ausgezeichnet, der andere jahrelang Radexperte der französischen "L'Equipe". Ihr Vorwurf lautet: Armstrong soll gedopt haben. Natürlich passt das, dass er mit allen Mitteln seine Maschine frisiert. So wundersam die Geschichte seines Comebacks ist, so unglaublich scheint sie vielen schon lange.

Masseurin als Kronzeugin

Diesmal sagt eine ehemalige Masseurin, sie habe ihm Pillen gebracht, Spritzen entsorgt, er habe ihr gegenüber angedeutet, sich mit Blutdoping gestärkt zu haben: "Ich mache, was alle machen." Es klingt glaubwürdig. Aber wieder ist nichts bewiesen. Auch das würde passen: dass Armstrong den Bauplan so versteckt hält, dass niemand die verbotenen Teile sehen kann.

Es ist eine Glaubensfrage. Antoine Vayer, Ex-Trainer des wegen Dopings abgestraften Teams Festina, sagt, dass fünf Fahrer Leistungen vollbracht hätten, die einem Menschen eigentlich unmöglich seien: Induráin, Riis, Pantani, Ullrich - und Armstrong. Alle Tour-Sieger der vergangenen Jahre also.

"Die Franzosen hassen mich"

Die Franzosen haben den Amerikaner schon 2000 regelrecht gejagt, sie waren sich sicher, und ihre Reporter durchwühlten den Müll vor Armstrongs Haus in Südfrankreich. Sie fanden keine Beweise. Die Franzosen hassen mich, sagte Armstrong: Die hängen an ihren alten Helden, die oft scheitern, aber so schön leiden. Deswegen wollten sie ihn zu Fall bringen, ihn, der selten Gefühle zeigt. Seither ist er noch misstrauischer. Der Pressesprecher von Armstrongs Rennstall US Postal sagt Journalisten unverblümt, das Team wolle von ihnen nicht "verfolgt" werden. Sie schotten ihn schon lange ab.

Die Maschine braucht eine Frau

Später, wenn die meisten Journalisten weg sind, zeigt sich der Mensch Armstrong. Er umschlingt Sheryl auf dem Weg zum Essen, sein Gang wird weich, sie verschmelzen wie ein Teenagerpaar. Sie halten Händchen bis zum Tisch, wo die anderen Fahrer warten, harte Jungs. Sie lassen die Hände nicht los, wenn sie zurückgehen zum Lift. Armstrong ist der Einzige, den seine Freundin begleitet. Das passt nicht. Es ist, als ob die Maschine eine Frau benötigt, um Mensch zu werden. Im vergangenen Jahr, zur Zeit der Tour, trennte er sich von seiner Ehefrau Kristin. Fast hätte er die Tour verloren.

Chris Carmichael sagt: "Das hat seine Leistung belastet. Aber jetzt ist er durch." Es hört sich an, als sei auch Armstrongs Liebesleben ein Instrument für den Toursieg. Carmichael steht vor dem dunkelblauen Bus, rosiges Gesicht, im roten Haar steckt eine Sonnenbrille. Er ist seit mehreren Jahren Armstrongs persönlicher Coach, auch ihm wurde schon vorgeworfen, junge Fahrer zum Doping gebracht zu haben. Er sagt, Armstrongs Entwicklung habe andere Gründe: "Vor dem Krebs verließ er sich nur auf sein Talent. Jetzt setzt er mehr den Kopf ein." Dann sagt Carmichael plötzlich: "Ullrich ist sein größter Gegner." Das leiern seine Leute immer runter. Sie reden Gegner groß, als müsse sich Armstrong künstlich Angst schaffen, um den Motor in Gang zu bringen. Carmichael überlegt kurz, der Bus ist schon angesprungen: "Er braucht sie nicht. Aber es motiviert ihn, wenn er sich auf jemanden fokussieren kann."

Alle fahren nur für Armstrong

Armstrong muss keinen fürchten, aber er sondiert seine Gegner unaufhörlich. Ullrich. Mayo. Hamilton. Und er hat ein Team, das auf ihn zugeschnitten ist wie kein anderes, eine Garde in dunkelblauen Helmen, dunkelblauen Trikots. US Postal ist eine Einheit, wenn sie eng zusammenfährt, sieht es aus, als wäre es ein einzig großes Räderwerk. Es hat das Ziel, den Chef zum Tour-de-France-Sieg zu tragen. Sonst nichts. "Es ist eine Charakterfrage", sagt "Chechu" Rubiera, 2003 als bester Helfer ausgezeichnet, "manche Fahrer wollen selbst Etappen gewinnen, wenn sie in Form sind. So etwas gibt es bei uns nicht."

Rubiera hat ein freundliches Gesicht, man erkennt das nicht unter dem dunklen Helm, wo sie alle wie grimmige Armstrongs ausschauen. In kleiner Runde, heißt es, soll Armstrong lockerer sein, natürlich immer das Alphatier, macht Herrenwitze, und alle lachen. Er redet viel mit seinen Fahrern, ist fürsorglich, großzügig. Rubiera wird euphorisch, wenn er erzählt, wie es sich anfühlt, wenn Armstrong bei einem kleineren Rennen den Spurt für ihn anzieht, der große Lance, als Belohnung, damit seine Helfer auch einen Sieg bekommen. Und wenn man ihn nach der schwierigsten Phase seiner eigenen Karriere bei Postal fragt, erzählt er davon, wie sich sein Chef vor der letzten Tour verletzte und danach auch noch krank wurde. Völlige Hingabe. Solche Männer braucht Armstrong. Er sucht sie selbst aus, gemeinsam mit Johan Bruyneel.

"Lance ist ein perfekter Führer", sagt Bruyneel. Er ist der Sportdirektor von US Postal. Er brachte Armstrong an die Spitze. Bruyneel ist Belgier, höflich, weltmännisch und gilt als einer der klügsten Köpfe der Radszene. Bruyneel ist immer bei Armstrong. Auch er wird später von den Dopingvorwürfen betroffen sein, soll Pillen für Armstrong besorgt haben, noch ist an der Algarve nicht die Rede davon. "Seine Führungsstärke zeigte sich vor allem im letzten Jahr", sagt er, "als manche Konkurrenten vielleicht stärker waren als er. Da hatte er Zweifel. Aber er zeigt es nicht dem Team. Manchmal musst du bluffen."

Armstrong beherrscht den Bluff perfekt

Ein Bluff ist perfekt, wenn keiner weiß, ob der Bluff ein Bluff ist. Armstrong beherrscht ihn. Vielleicht blufft er gerade wieder. Kaum ein Fahrer wettert so gegen Dopingsünder, forderte so vehement harte Strafen wie Armstrong. Und immer schon hat er betont, dass er öfter kontrolliert werde als jeder andere. Als die Autoren des Enthüllungsbuchs ihn um ein Statement baten, verlangte er Bedenkzeit, immer wieder. Das verzögerte den Druck des Manuskripts um Monate. Und vergangene Woche klagte er in Paris um das Recht auf eine Gegendarstellung, was die Veröffentlichung auf die Zeit nach der Tour verschoben hätte. Aber er verlor den Prozess.

Vielleicht bringen sie ihn diesmal wirklich ins Wanken. Aber nichts ist schwerer. Wenn Armstrong vom Rad steigt, schreitet er so aufrecht, als hätte er sich einen Besenstiel in den Körper getrieben, damit er ja nicht umfallen kann, niemals. Das ist sein Image.

Armstrong steht für Hoffnung

Armstrong hat sich daraus selbst eine Funktion geschaffen. Die gelben Lance-Fan-Schilder werden von seiner eigenen Organisation ausgegeben, der Lance Armstrong Foundation, in der sich vor allem Krebspatienten engagieren, denen seine Geschichte Mut gemacht hat. Es ist perfekt: Armstrong gibt Hoffnung und gewinnt zugleich damit Fans. In den USA. Dort lernt man seine Geschichte schon in der Schule. Am Straßenrand in Columbus, Georgia, stehen Kinder mit den gelben Schildern, dritte Klasse der Downtown Grundschule.

Marvin, ein properes Kerlchen, Seitenscheitel, erklärt: "Lance Armstrong ist ein fünffacher Tour-de-France-Sieger, er hatte Krebs und ist gesund geworden. Er ist eine Inspiration mit der ganzen Krebsgeschichte, dass du es versuchen sollst, auch wenn es hart ist." Es klingt wie auswendig gelernt. "Charakterbildung ist Teil unserer Lernziele", sagt Mrs Daleilio, Marvins Lehrerin, "Lance steht für Zielstrebigkeit, Hingabe und Durchhaltevermögen." So ist er. Nicht anders. Sein Denkmal steht, er selbst hat es fest zementiert. Aber seine Gegner tun alles, um es umzustoßen, die Vorwürfe sind schwer. Noch steht es, noch schaut es nach perfekter Arbeit aus.

Keine Schwächen, keine Emotionen

Armstrong bleibt so fremd und fern. Er zeigt kaum Schwächen, selten Freude, beim Fahren zieht er die dünnen Lippen in den Mund, als wolle er seine Mimik verschlingen. Und er spielt mit seinen Gegnern. Auch sie will er kontrollieren. Als Armstrong kürzlich bei der Rundfahrt Dauphiné Libéré schwach abschnitt und es hieß, er habe Übergewicht, lächelte sein großer Rivale Jan Ullrich nur: Der macht uns nur was vor. Mal wieder.

Niemand soll wissen, wie fit Armstrong wirklich ist. Er dreht an jedem Rädchen. Kaum einer liebt ihn außerhalb Amerikas für diese Perfektion.

"Kein Wort gesagt"

Februar, Portugal, Tour d'Algarve. Ein anderes Vorbereitungsrennen für Armstrong. Vor einem dunkelblauen Bus steht ein holländischer Tourist in Radlerhosen und Sandalen, 30 Leute um ihn herum. Die Scheiben sind verdunkelt, eine Tür ist offen, man sieht nur Beine, die oberhalb der Treppe hinter der Tür stehen. Es sind Radfahrerbeine. Eine Absperrung sichert den Bus. "Es ist, als wäre Gott in diesem Bus", sagt der Holländer, es hört sich verächtlich an. Doch dann kommen die Beine die Treppe runter, und es ist Gott, und der Holländer holt sich von Gott ein Lance-Armstrong-Autogramm, schüttelt danach den Kopf, sauer, "kein Wort gesagt, nur weggefahren". Aber dann wartet er vor diesem Bus, dem Teambus von Armstrongs Team, weil das Autogramm unleserlich war, um sich noch mal eins zu holen. Armstrong hat so was. Man mag ihn nicht und fühlt sich doch von ihm angezogen.

Der Mensch hinter diesem Phänomen zeigt sich selten. Er will es einfach nicht. Bei der Pressekonferenz in Portugal sitzt Armstrong, US-Postalblau, hinter seinem Tisch. Ob er seinem Sohn erlauben würde, Radfahrer zu werden, fragt einer. "Sicher." Punkt. Keiner fragt mehr Privates. In der Ecke sitzt eine Frau, sie hat schulterlanges Haar, sie hat die Hände zwischen die Knie geklemmt und hält darin eine Diet-Coke. Sie schaut verloren aus, wie ein Gast, wie eine der Spielerfrauen beim Fußball. Die Frau ist ein Popstar. Es ist Sheryl Crow.

Bernd Volland, Mitarbeit: Harald Schmitt print

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