HOME

Matthias Steiner: Der traurige Herkules will Gerechtigkeit

Es war der emotionalste Moment der Olympischen Spiele: Gewichtheber Matthias Steiner nimmt mit dem Foto seiner verstorbenen Frau die Goldmedaille entgegen. Susann Steiner starb bei einem Autounfall. Der Unfallverursacher steht nun wegen fahrlässiger Tötung vor Gericht - beobachtet von einem traurigen Herkules.

Von Malte Arnsperger, Heidelberg

Wie ein Derwisch hüpfte Matthias Steiner nach seinem Sieg auf der Bühne herum, umarmte wild seinen Trainer und riss sich das Deutschlandtrikot vom Leib. Der 26-Jährige hatte soeben in Peking sensationell Gold im Gewichtheben gewonnen. Nach der Siegerehrung streckte der gebürtige Österreicher die Goldmedaille und das Bild seiner verstorbenen Frau Susann in die Kameras. Dieser emotionale Moment, die Lebensgeschichte des sympathischen Riesen, berührte die ganze Welt.

Steiner wird zum "Herkules der Herzen". Er ist plötzlich ein Star, wird eingeladen von der Frau des Bundespräsidenten, der "stärkste Mann der Welt" ist ein gern gesehener Gast in Talkshows. Am Samstag noch nahm Steiner auf dem weißen Sofa bei "Wetten Dass?" Platz, plauderte und scherzte mit Thomas Gottschalk.

Verhängnisvoller Unfall

Nur rund 80 Stunden später: Der Koloss mit dem Rübezahlbart blickt traurig auf den Tisch vor sich und reibt seine massigen Hände. Steiner sitzt mit schwarzem Sakko und blauen Jeans neben seinem Anwalt in einem Gerichtsaal in Heidelberg. Der Gewichtheber will als Nebenkläger dabei sein, wenn gegen den Mann verhandelt wird, der für den Tod seiner Frau Susann verantwortlich ist. Zum ersten Mal sieht er den 57-jährigen Franz G., den Unfallverursacher, der wegen fahrlässiger Tötung angeklagt ist. Zum ersten Mal will der Olympiasieger hören, wie genau es zu dem tragischen Unglück kommen konnte, bei dem seine "Prinzessin" starb.

Am 16. Juli 2007 war die 23-jährige Susann Steiner in ihrem kleinen Nissan Micra auf einer Bundestraße bei Heidelberg unterwegs. Es war 18.30 Uhr, sie wollte nach der Arbeit nach Hause zu ihrem Ehemann. Sie waren ein glückliches Paar, eineinhalb Jahre verheiratet, Kinder waren geplant. Plötzlich schoss ein Jeep auf ihre Fahrbahn. Susann Steiner hatte keine Chance, konnte nicht ausweichen. Der schwere Jeep krachte schräg von vorne in ihr Auto. Nur wenige Minuten danach waren Rettungskräfte vor Ort. Die Feuerwehr schnitt die junge Frau aus dem völlig zerstörten Wrack, sie wurde mit lebensgefährlichen Verletzungen in ein Krankenhaus gebracht. Doch noch in der Nacht, um 1.58 Uhr, starb Susann Steiner. Ihr Ehemann saß am Sterbebett.

Suche nach der Unfallursache

Der Unfall ist ein gutes Jahr her. Nun will Matthias Steiner vom Angeklagten endlich eine persönliche Entschuldigung, er will von Franz G. erfahren, warum er auf die Gegenfahrbahn gekommen ist. Steiner selber äußert sich vor Prozessbeginn nicht, rauscht sichtlich angespannt ohne Kommentar an den vielen Kameras und Mikrofonen vorbei. Nur sein Anwalt Oliver Oeser gibt einen kleinen Einblick in die Seelenwelt des Olympiasiegers. "Herr Steiner ist sehr aufgewühlt", sagt Oeser. "Aber er ist nicht mit Rachegefühlen hergekommen. Denn er weiß, dass ihm keine Mensch und vor allem kein Gericht seine Frau wiedergeben kann."

Vor dem Amtsgericht in Heidelberg soll zumindest geklärt werden, welche Schuld Franz G. an den Unfall trifft. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor, er sei aus Unachtsamkeit und Unkonzentriertheit auf die Gegenfahrbahn geraten. Franz G, ein schlanker Mann mit grauen Haaren und grauem Vollbart, will sich nicht zu dem Unfall äußern. Er könne sich an nichts erinnern, lässt er seinen Anwalt Klaus Hiltscher erklären. Durch eine kurzfristige Bewusstseinsstörung, ausgelöst von Unterzuckerung, habe Franz G. die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren.

Schwieriger Tathergang

Die Enttäuschung ist Matthias Steiner anzusehen. Er schüttelt den Kopf und schaut den Angeklagten verständnislos an. Seine Hoffnung auf eine schlüssige Erklärung, gar eine Entschuldigung, erfüllt sich vorerst nicht. Seine Schwiegermutter Bärbel Zinke, die den Prozess als Zuschauerin verfolgt, blickt mit fragendem Blick auf Franz G.

Richterin Regina Kaufmannn-Granda versucht, mit Hilfe von zwei Augenzeugen den Unfallhergang zu rekonstruieren. Doch die Befragung der zwei Männer bringt nicht viel Erhellendes. Der Jeep sei ohne Vorwarnung auf die Gegenfahrbahn gekommen. Warum, dass können sich die beiden Zeugen nicht erklären. Aufmerksam blickt Matthias Steiner immer wieder von Richterin zu den Zeugen, berät sich mit seinem Anwalt. Er ist auf der Suche nach der Wahrheit. Einmal mischt er sich in das Protestgeschehen ein, will von einem Notarzt wissen, ob der Angeklagte in einem Schockzustand war.

Ist der Täter krank?

Doch die Notärzte, die sich kurz nach dem Unfall um Franz G. gekümmert haben, erinnern sich an einen geschockten aber ansprechbaren Mann. Von einer Bewusstlosigkeit keine Spur. Dies bestätigt auch der medizinische Gutachter Rainer Mattern. "Es liegt bei Herrn G. keine Zuckererkrankung vor. Und auch eine plötzliche Unterzuckerung war nicht die Ursache, denn dadurch wird man nicht ohnmächtig." Der Anwalt des Angeklagten will dies aber nicht akzeptieren. Eine epileptische Störung, ausgelöst durch eine Unterzuckerung, könne nicht ausgeschlossen werden, sagt Hiltscher. "Unachtsamkeit und Unkonzentriertheit kann meinem Mandanten nicht vorgeworfen werden."

Aber eine Tatsache kann auch der Verteidiger nicht leugnen: Franz G. war damals viel zu schnell unterwegs. Nach Angaben des technischen Sachverständigen fuhr der 57-Jährige zum Zeitpunkt des Unfalls rund 90 Stundenkilometer, nur Tempo 70 war erlaubt. Die tragische Folge der Geschwindigkeitsüberschreitung beschreibt der Rechtsmediziner Mattern. "Wenn die Kollision mit einer geringerer Geschwindigkeit passiert wäre, hätte Susann Steiner wohl überlebt."

Noch kein Urteil

Matthias Steiner nimmt diese bittere Erkenntnis ohne erkennbare Regung hin. Auch die Plädoyers der Verteidigung und der Staatsanwaltschaft verfolgt Steiner mit stoischer Miene. Ein Jahr Gefängnis auf Bewährung und weitere sechs Monate Führerscheinentzug, fordert Anklagevertreter Joachim Steinmacher. Verteidiger Hiltscher beharrt auf seinem bisherigen Standpunkt. Sein Mandant müsse freigesprochen werden.

Und auch wenn Matthias Steiner noch immer nicht genau weiß, warum seine Susann sterben musste. Eine persönliche Entschuldigung bekommt er vor Gericht. "Das Geschehene tut mir unglaublich leid", sagt Franz G. in seinem letzten Wort. "Ich würde es gerne rückgängig machen."

Wortlos nimmt Steiner seinen schwarzen Mantel, alleine entschwindet der große Mann mit dem gebrochenen Herzen in den Abend. Am 3. Dezember wird er wohl nochmal ans Gericht in Heidelberg zurückkehren. Dann wird das Urteil gegen Franz G. gesprochen. Ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft.

Wissenscommunity