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München ist mit Olympia-Bewerbung gescheitert: Keine Chance gegen Pyeongchang

Trotz einer der besten Bewerbungen der letzten 20 Jahre ist München bei den Olympischen Winterspielen 2018 leer ausgegangen. Einziger Schwachpunkt: die fehlende Zustimmung der Bevölkerung.

Von Jens Weinreich, Durban

Die Olympischen Winterspiele 2018 finden in der südkoreanische Kleinstadt Pyeongchang statt. 63 von 95 stimmberechtigten Mitgliedern des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) entschieden sich im ersten Wahlgang für Pyeongchang. München erhielt nur 25 Stimmen. Für das französische Annecy votierten sieben IOC-Mitglieder. Um 17.18 Uhr gab IOC-Präsident Jacques Rogge das Resultat bekannt. Wenige Minuten später wurden die Verträge mit dem neuen Olympiagastgeber unterschrieben.

Überraschend klare Niederlage

Wie erwartet lobte Rogge die Koreaner für ihre Ausdauer, denn es war Pyeongchangs dritte Bewerbung in Folge nach zwei knappen Niederlagen. "Die Höhe des Erstrundensieges überrascht mich", sagte Rogge. "Die beste Bewerbung hat überzeugend gewonnen. Pyeongchang hat sein Angebot kontinuierlich verbessert." Für 2010 hatte Pyeongchang gegen Vancouver und für 2014 gegen Sotschi verloren.

25 Stimmen sind enttäuschend für München, die auch die Unterstützer in der Politik kaum in einen Sieg umdeuten können. Intern hatten Berater schon vor einiger Zeit mit einer Niederlage gerechnet, am Ende aber sprachen alle über eine Aufholjagd und die zweite Runde. 25 Stimmen hatte vor vier Jahren, als die Spiele 2014 vergeben worden, auch Salzburg aus Österreich geholt – mit nur zehn Millionen Euro, statt 34 Millionen wie München. Und ohne ein einflussreiches IOC-Mitglied wie es die Deutschen mit Vizepräsident Thomas Bach haben, der in zwei Jahren Nachfolger von Rogge werden will.

Katharina Witt hat sich nichts vorzuwerfen

Im IOC wird die Frage gestellt, ob sich Bach mit diesen 25 Stimmen blamiert hat. "Ich glaube nicht", sagt der Kanadier Richard Pound. "Das ist eine ganz andere Veranstaltung." Von einem "Kantersieg" für Pyeongchang sprach er aber auch.

"Wahrscheinlich ist die Entscheidung ja wirklich schon vorher gefallen", vermutet Münchens Frontfrau Katarina Witt unter Tränen. Die zweimalige Eiskunstlauf-Olympiasiegerin hat sich nichts vorzuwerfen. Sie hat beizeiten energisch den überforderten ehemaligen Geschäftsführer Willy Bogner bedrängt, endlich die Zügel anzuziehen. Bogner ist einer der Hauptverantwortlichen für das Kommunikationsdesaster mit den Widerständlern in Garmisch-Partenkirchen, der olympischen Kernregion. Die mangelnde Zustimmung der Bevölkerung sei der Schwachpunkt der Bewerbung gewesen, analysierte das ehemalige deutsche IOC-Mitglied Roland Baar.

Starke Bewerbung

Trotz nationaler Querelen trat München mit Witt international extrem besser auf als 1986 Berchtesgaden, 1993 Berlin und 2004 Leipzig, deren Bewerbungen von Skandalen und finanzieller Misswirtschaft geprägt waren.

Am Mittwoch präsentierten sich die Bewerber ein letztes Mal vor den IOC-Mitgliedern. München und Pyeongchang lieferten sehr gute Vorstellungen, die zu den besten der vergangenen zwanzig Jahre im Bewerber-Zirkus zählten. Einen Olympiasieg kann man mit Präsentationen nicht erringen, wohl aber mit einer uninspirierten Vorstellung noch Stimmen verlieren.

Die Südkoreaner waren spritzig und witzig

Münchens Offerte wurde geprägt von Katarina Witt, der Blindensportlerin Verena Bentele, von Thomas Bach, Franz Beckenbauer und Bundespräsident Christian Wulff. "Alle Gesetze sind auf den Weg gebracht, wir sind ein verlässlicher Partner", sagte Wulff. "Wir achten die Autonomie des Sports." Alle korrupten Funktionäre im Saal wie etwa etliche Vertreter des Fußball-Weltverbands Fifa um Joseph Blatter werden derlei Aussagen erfreut zur Kenntnis genommen haben. Besonders Bach warf sich mächtig ins Zeug und bewies wohl doch, dass ihm diese Bewerbung am Herzen gelegen hat und er nicht nur auf die IOC-Präsidentschaft konzentriert ist. Mit Tränen in den Augen sagte er: "Aus tiefstem Herzen bitten wir sie, Ja zu München zu sagen."

Dann die Koreaner. Der Amerikaner Terrence Burns, der schon drei Olympiabewerbungen (Peking, Vancouver, Sotschi) und zuletzt die Fußball-WM 2018 mit Russland gewonnen hatte, bereitete diese Präsentation vor. "Noch nie ist mir das so schwer gefallen", sagte Burns erleichtert, nachdem seine Präsentatoren über sich hinaus gewachsen waren. Die Südkoreaner waren spritzig und witzig. Und sie attackierten immer wieder elegant den Herausforderer München. Herausragendagierte dabei Eiskunstlauf-Olympiasiegerin Yuna Kim. Koreas NOK-Präsident Yong Sung Park, Chef des Doosan-Konzerns, witzelte in Richtung des IOC-MitgliedsFürst Albert von Monaco: "Tut mir echt leid, Ihre Hoheit, dass Sie Ihre Flitterwochen unterbrechen müssen, um zum dritten Mal eine Präsentation von Pyeongchang zu verfolgen."

Solche Abstimmungen haben schlechten Beigeschmack

Der Auftritt habe ihn nicht gelangweilt, sagte Albert wenig später. Es sei sehr unterhaltsam gewesen. Einen vierten Auftritt von Pyeongchang wird es nicht geben, aber vielleicht einen zweiten von München – in vier Jahren? Weder Thomas Bach noch Oberbürgermeister Christian Ude wollten im ersten Schock über eine zweite Bewerbung sprechen. Ude sagte zunächst nur, es sei "keine Fehlinvestition" gewesen.

Die Koreaner haben die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt und agierten weniger aggressiv, entspannt, aber bestimmt. "Das war eine psychologische Meisterleistung", sagte das Schweizer IOC-Mitglied Gian-Franco Kasper. "Man hat ein bisschen Mitleid geweckt und jederzeit die richtige emotionale Ansprache getroffen."

Historisch betrachtet war der Sieg im dritten Anlauf verdient. Bisher waren 20 Winterspiele nach Europa und Nordamerika vergeben worden – nun die dritten nach Asien. Dieses krasse Missverhältnis hat das IOC etwas aufgehübscht. Andererseits haben derlei Abstimmungen stets einen schlechten Beigeschmack, weil ein System belohnt wurde, das seit Jahrzehnten mit einer einzigartigen Symbiose aus Wirtschaftsmacht und sportpolitischem Einfluss dauerhaft für Korruptionsskandale sorgte. Ob Samsung-Boss Kun Hee Lee, der als IOC-Mitglied Milliarden ins Sportsponsoring steckt, oder die ehemaligen IOC-Mitglieder Park und Kim Un Yong – sie alle wurden bereits wegen Korruption verurteilt. Lee wurde zuletzt im Januar 2010 begnadigt, um die Spiele nach Pyeongchang zu holen.

Mission erfüllt. Und Bewerbungschef Yang Ho Cho, der Boss von Korean Air, jubelte: "Heute feiert ganz Korea!"

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