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Regatta-Start: Die anonymen Akademiker

Es geht los! Die größte Regatta, die je über den Atlantik gesegelt wurde, hat begonnen.

Es geht los! Die größte Regatta, die je über den Atlantik gesegelt wurde, hat begonnen. 63 Yachten paradierten vor der Kulisse der traditionsreichen Segelmetropole Newport in Rhode Island, wo jahrzehntelang der Americas Cup ausgetragen wurde; dann fiel um 14 Uhr Ortszeit der Böllerschuss, der die Startlinie freigab.

Jetzt bin ich unwiderruflich unter den Stamm der Segler gefallen. Mit dem ist es so ähnlich wie mit den Papuas in Neu Guinea. Wenn dort ein Stammeskrieg ausbricht, dann schaltet der Angestellte in Port Moresby seinen Computer aus, fährt ins Hochland, zieht den Lendenschurz an, greift zum Buschmesser und zieht in den Kampf. So lassen Peter in Flensburg und Jörn in Kiel Skalpell und Zahnarztbohrer fallen und Ulli in Hamburg klappt seinen Laptop zu, wenn die "UCA" zur Regatta ruft; sie fahren nach Newport, streifen Polarwäsche und Ölzeug über und ziehen an Fallen und Schoten.

Ein Drittel "Amateuere"

Gut ein Drittel unserer 19-köpfigen Crew gehören zu dieser Kategorie der unverbesserlichen Segel-Enthusiasten. Spitzname an Bord: die anonymen Akademiker. Natürlich sind auch die Amateure auf einem solchen Schiff inzwischen halbe Experten, ausgefuchste Spezialisten für die richtige Segelkonfiguration und die optimale Höhe am Wind; erst recht die Profis an Bord, Juan Vila, Steffen Müller, Gunnar Knierim, Tim Kroeger, Jörn Bock , Ralf Moser - lauter versierte Handwerker , die genau wissen, wie man Geschwindigkeit optimiert, den richtigen Wind und den optimalen Kurs findet und den Konkurrenten das Heck zeigt.

Kindliches Staunen

Aber im Grunde ihrer salzigen Seelen sind sie allesamt hoffnungslose Romantiker, die jeden Tag wieder mit kindlichem Staunen und zärtlicher Dankbarkeit auf die Großartigkeit der weiten See und das wunderbare Spielzeug blicken, mit dem sie es befahren dürfen: die "UCA", knapp 26 Meter lang, 900 Quadratmeter Segelfläche, sauschnell. Deswegen sank die Stimmung an Bord rapide, als wir nach ein paar Meilen das Regattafeld auf seinem Kurs nach Osten sich selbst überließen, eine Halse fuhren und in den Hafen zurückkehrten. Grund: Wir sind zu schnell.

Die "UCA" startet später

Mit vier anderen schnellen Racern wird die "UCA" erst eine Woche später auf die Reise nach Hamburg gehen. Es bedurfte diverser Budweiser im Hafen, um die havarierte Stimmung der Crew wiederherzustellen. War die Zweiteilung der Regatta ein Fehler? Das denken inzwischen nicht nur die Männer der "UCA", sondern viele, die nach dem heutigen Start beobachteten, wie ein Boot des New Yorker Yacht Clubs sich sofort an die Spitze setzte und den anderen einfach davon fuhr. Die "Zaraffa" ist ein schnelles Schiff, das bei viel Wind zum rasanten Surfbrett mutiert, von Profis gesegelt wird und beste Chancen hat als "first ship home" die Ziellinie in Cuxhaven zu passieren; vier Besatzungsmitglieder haben schon für den 1. Juli Rückflüge gebucht, weil sie dann bei einer anderen Regatta gebraucht werden.

Die Sache mit dem Rennwert

Ihr Glück, unser Pech: Für die 67 Fuß lange "Zaraffa" wurde ein Rennwert ausgerechnet, der knapp unter der kritischen Grenze von 1.450 liegt. Also durfte sie mit dem ersten Feld starten. Der Rennwert der "UCA", der sich aus Rumpfform, Gewicht, Segelgröße und ein paar anderen Schiffsdaten errechnet, liegt mit 1.551 über dieser Grenze. Also müssen wir noch eine Woche warten - und dann viel schneller sein als die anderen, um gleich gewertet zu werden.

Aber wir sind ja auch schnell. Und werden einige von den Booten, die wir heute am Horizont verschwinden sahen, unterwegs wiedersehen. Darunter ganz gewiss den "Peter von Sestermühe", das älteste Boot unter den Teilnehmern, das einzige, welches den Hafen mit dem Abspielen von Hans Albers ("La Paloma") verließ, und das einzige, das nicht weiblichen Geschlechts sondern eben "der Peter" ist.

"Der Peter"

Gebaut wurde das Stahlschiff, das früher "Peter von Danzig" hieß, 1936 in nur 52 Tagen, um an der Regatta teilzunehmen, die im damaligen Olympiade-Jahr ebenfalls von Newport nach Cuxhaven führte. Es ist 18 Meter lang, wiegt aber doppelt so viel wie die acht Meter längere "UCA" und fährt eine Spitzengeschwindigkeit von 12 Knoten - weniger als die Hälfte des Tempos, das unserem Racer zugetraut wird. Trotzdem war das unverwüstliche Eisenschiff das erste, das 1973 unter deutscher Flagge an dem Whitbread-Marathon rund um den Globus teilnahm.

Eigentlich ist für "den Peter" schon bei acht Knoten Schluss. "Danach muss man alles sehr gut festbinden", sagt Eigner und Skipper Christoph von Reibnitz. Ein Begriff wie "Rennwert" beschäftigt ihn und seine neunköpfige Crew deswegen so wenig wie "Astronautennahrung".

Skorbut-Prophylaxe

Auf "dem Peter" wird noch richtig gekocht. Und in der Kajüte hängt neben der Petroleumlampe eine kleine Hängematte mit Orangen, Bananen, Äpfeln und anderer Skorbut-Prophylaxe. Die werden sie brauchen. "Wenn wir bis zur Preisverleihung in Hamburg sind, bin ich zufrieden", sagt der Skipper. Bei ihrer Ankunft wollen wir ihnen gerne zuwinken, mit wärmster Sympathie. Aber von Land aus.

Peter Sandmeyer

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